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Formel 1 - Analyse: Wie Vettel Mercedes ins Verderben trieb

Under-Undercut kostet Hamilton den Sieg

Sebastian Vettel gewinnt den Australien GP vor Lewis Hamilton - weil sich Mercedes bei der Strategie verspekulierte. Aber war es nur die Strategie?
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Motorsport-Magazin.com - Nach dem Verlauf des Wochenendes hieß der Sieger des Australien GP etwas überraschend Sebastian Vettel. Vor allem nach den Trainings am Freitag hatten alle mit einer erneuten Mercedes-Dominanz gerechnet. Doch Lewis Hamilton verlor das Rennen von der Pole Position aus. Warum hat Mercedes Hamilton so früh zum Stopp geholt? War es nur die Strategie, die Hamilton den Sieg kostete? Die Motorsport-Magazin.com Renn-Analyse zum Saisonauftakt in Melbourne.

Das neue Startprozedere sorgte nicht für das große Durcheinander. Vettel hatte etwas Wheelspin, konnte aber Valtteri Bottas und Max Verstappen hinter sich halten. Hamilton kam von der Pole perfekt weg. Viele dachten hier schon, das Rennen sei bereits gelaufen. War es aber nicht.

Was überraschte: Vettel konnte direkt an Hamilton dran bleiben. Einige vermuteten, Hamilton würde nur die Pace managen. Doch dass der Mercedes-Pilot auch nach Runde drei nicht aus dem DRS-Fenster war, zeigt klar, dass hier kein Spielraum mehr war. Freiwillig bleibt niemand im DRS-Fenster, auch mit diesen Autos nicht. Erst in Runde sechs war Vettel nicht mehr im DRS-Fenster, mehr als zwei Sekunden musste er aber nie abreißen lassen.

Nach dem Start schien das Rennen schon gelaufen zu sein - Foto: Sutton

Hamilton klagte schon früh über Überhitzende Reifen. Die Ultrasofts funktionierten am Mercedes bei heißen Bedingungen zu Rennbeginn nicht richtig. Obwohl Vettel in Dirty Air fuhr, hielten seine Reifen besser. Deshalb traf Mercedes in Runde 17 die Entscheidung, Hamilton an die Box zu holen.

Der Grund für den Boxenstopp war klar: Mercedes wollte einem Undercut von Vettel zuvorkommen. Würde Vettel vor Hamilton zum Stopp kommen, so die Einschätzung der Mercedes-Strategen, wäre die Gefahr groß, dass Vettel durch die frischeren Reifen auf seiner Outlap ausreichend Zeit gutmacht, um Hamilton überholen zu können.

Dieses Szenario wollten die Strategen am Silberpfeil-Kommandostand unbedingt abwenden. Dazu kam, dass Vettel genau zu dieser Zeit den Rückstand von knapp zwei Sekunden wieder auf gut eine Sekunde verkürzte. Vettel und Hamilton liefen gerade auf die ersten Autos auf, die es zu überrunden galt.

Also holte Mercedes Hamilton in Runde 17 zu seinem ersten und einzigen Stopp. Von Ultrasoft wechselte der Brite auf Soft. In freier Fahrt konnte Vettel auf seinen 20 Runden alten Ultrasofts umgehend Sektorbestzeiten setzen, doch Hamilton konterte auf seinen nagelneuen Softs schnell.

Mercedes-Strategie zunächst aufgegangen

Die Mercedes-Strategie schien aufgegangen zu sein - bis dahin. Doch Ferrari musste mit Vettels Boxenstopp nicht sofort nachziehen, weil die Reifen des Deutschen noch immer hielten. Vettel fuhr nach Hamiltons Stopp vier Runden lang konstant schnelle Runden.

Und dann kam das Mercedes-Problem namens Verstappen. Hamilton konnte seine frischen Soft-Pneus nicht mehr nutzen, weil er auf den Red-Bull-Piloten auflief. Verstappen fuhr zu diesem Zeitpunkt gegen Kimi Räikkönen, hatte rund 3 Sekunden Rückstand auf den Finnen und lag 17 Sekunden vor Massa. Der Red Bull Pilot fuhr einen längeren ersten Stint, um den Rest des Rennens auf Supersoft bestreiten zu können. Die Konkurrenz wechselte von Ultrasoft unisono für den zweiten Rennabschnitt auf Soft.

Der Funkspruch an Hamilton erinnerte an das WM-Finale 2016 in Abu Dhabi. Mercedes teilte dem Briten mit, er müsse Verstappen überholen, sonst ist der Rennsieg in Gefahr. In Abu Dhabi musste Rosberg an Verstappen vorbei, um seine WM-Chancen intakt zu halten. Doch Hamilton hatte keine Chance, konnte keinen Stich gegen Verstappen machen.

Mercedes schlechter in Dirty Air

Eine Reihe von Faktoren führte dazu, dass Hamilton nicht an Verstappen vorbeikam. Es sind nicht nur die neuen Autos, die breiter und feinfühliger für Luftverwirbelungen sind. Motorsport-Magazin.com-Experte Christian Danner meint: "Mercedes ist in der Dirty Air schlechter als Ferrari. Ansonsten hätte Hamilton doch an Verstappen vorbeikommen müssen." Schon die letzten Jahre zeigte sich, dass Mercedes enorme Probleme bekam, sobald der Silberpfeil nicht in frischer Luft fahren konnte. Das Problem scheint das Weltmeisterteam mit in die neue Saison genommen zu haben.

Dazu kommt in diesem Jahr ein weiterer strategischer Faktor: die Reifen. Mit den alten Pirelli-Pneus wäre Verstappen in Runde 20 schon am Ende gewesen, hätte pro Runde viele Sekunden nur durch die abbauenden Reifen verloren. Doch die neue Generation von Pirelli ist deutlich konstanter. Mit leichter werdenden Autos werden sogar die Rundenzeiten gegen Ende der Stints noch schneller. Der Unterschied zwischen frischen und gebrauchten Reifen ist deutlich kleiner - was die Verkehrs-Thematik nach den Boxenstopps enorm verschärft.

Durch das Auflaufen auf Verstappen verliert Hamilton im Fernduell gegen Vettel 1,5 Sekunden pro Runde. In Runde 22 ist Hamilton an Verstappen dran. Bei Hamiltons Stopp betrug sein Vorsprung auf Vettel genau diese 1,5 Sekunden. Ferrari reagiert prompt und holt Vettel am Ende von Runde 23 ebenfalls zum Reifenwechsel rein. Weil Vettel bei der Überrundung von Lance Stroll rund eine Sekunde verliert, scheitert der Plan fast. Doch Vettel kommt direkt vor Verstappen und Hamilton wieder auf die Strecke.

Red Bull Motorsportberater Dr. Helmut Marko kann sich einen kleinen Seitenhieb in Richtung Mercedes nicht verkneifen: "Wir sind ja schnelle Rundenzeiten gefahren und fahren unser eigenes Rennen. Der Herr Wolff muss taktisch besser schauen, wo er sein Auto wieder rausschickt." Zu Vettels Pressebetreuerin meint Marko scherzhaft: "Sebastian soll sich bei uns bedanken."

Ferrari macht alles richtig, Mercedes nicht alles falsch

Ferrari holte Vettel genau im richtigen Moment rein, nämlich genau, als der Vorsprung groß genug war, um wieder vor Hamilton auf die Strecke zu kommen. Hätte Ferrari noch eine Runde gewartet, hätte Verstappen schon in die Box abbiegen können und Hamilton seine frischeren Reifen nutzen können.

Es ist kurios: Die im vergangenen Jahr viel gescholtenen Ferrari-Strategen bekamen plötzlich alles hin, während sich Mercedes täuschen ließ. Das zeigt, dass auch Mercedes unter Druck Fehler macht. Es war nicht nur Verstappen, der Hamilton Zeit kostete. Auch die neuen Reifenprofile spielten eine große Rolle. Vettel konnte weiterhin gute Rundenzeiten fahren, während Verstappen nicht Hamiltons Opfer war.

Doch war es wirklich der rennentscheidende Fehler? Hamilton meinte nach seinem zweiten Platz: "Wir hätten das Rennen heute gewinnen können." Aber der dreifache Weltmeister konnte im zweiten Rennabschnitt nicht wirklich Zeit auf Vettel gutmachen. Im Gegenteil: Vettel vergrößerte seinen Vorsprung sogar sukzessive.

Insofern ist es sogar schade, dass Vettel beim Stopp an Hamilton vorbeiging. Vettel konnte offenbar besser hinter Hamilton herfahren als umgekehrt. Es hätte ein spannendes Rennen bis zum Ende werden können. Hätte Vettel ein Undercut vor Hamilton gebracht? Unmöglich, das im Nachhinein zu sagen. Doch Mercedes hatte mehr Probleme mit den Reifen als Ferrari. Der Undercut von Vettel an Hamilton wäre wohl effektiver gewesen als andersrum.

Ferrari hat das Rennen auch auf der Strecke gewonnen, nicht nur in der Box. Mercedes Motorsportchef Toto Wolff stimmt zu: "Wenn man zurückschaut, hätten wir es besser machen können. Aber hätte es gereicht, um zu gewinnen? Ich weiß es nicht. Als allgemeine Zusammenfassung würde ich sagen, dass wir heute nicht schnell genug waren."


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