Formel 1 - Ferrari 2017: Neues Auto - alter Druck

Lektion gelernt?

2017 wird ein Schicksalsjahr für Ferrari. Gelingt mit dem neuen Auto die Wende? Es gibt nicht wenige Zweifler. Sebastian Vettel ärgert sich über Kritik.
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Motorsport-Magazin.com - Für Ferrari und Sebastian Vettel begann das neue Jahr denkbar schlecht - in der Streckenbegrenzung von Fiorano. Beim Reifen-Test bugsierte der vierfache Weltmeister seinen umgebauten 2015er Ferrari unsanft in die Mauer - Testprogramm vorzeitig beendet. Ein böses Omen für die Formel-1-Saison 2017? Für die Italiener hielten sich die Ausmaße des Vettel-Crashs auf der Heimstrecke zwar in Grenzen, doch schon jetzt brennt es an anderer Stelle. Kaum jemand glaubt, dass der Traditions-Rennstall dieses Jahr eine Rolle im Kampf um die Weltmeisterschaft spielen wird!

"Ich glaube, dass sich Ferrari verbessern wird. Ich sehe sie aber nicht als führendes Team in der WM", unkte selbst der amtierende Weltmeister und Früh-Rentner Nico Rosberg. Geht es nach den meisten Experten, entscheidet sich der Titelkampf diesmal nur zwischen Platzhirsch Mercedes und Red Bull samt Design-Ikone Adrian Newey.

Von Ferrari keine Rede. Ein Schlag ins Gesicht der stolzen Italiener, und das sogar noch vor der Präsentation des neuen Ferrari für 2017. Mamma mia, wie weit ist es gekommen mit dem erfolgreichsten Team in der Geschichte der Formel 1, werden sich nicht wenige Ferraristi fragen.

Neue Chance - neues Risiko

Dabei bieten das neue Reglement und auch die brandneuen Pirelli-Reifen allerlei Möglichkeiten für Überraschungen. Ein rotes Auto wieder an der Spitze? Das käme sicherlich überraschend nach all den mittelmäßigen Jahren in der Ära der Power Units. Jetzt hatte Ferrari zumindest die Chance, das gescheiterte Projekt der letzten Jahre komplett über Bord zu werfen und auf dem Zeichenbrett bei null zu beginnen. Zuletzt hakte es in vielen Bereichen. Das Chassis galt als mittelmäßig, das klapprige Getriebe führte zu 25 Strafplätzen im letzten Jahr und die Reifen wusste Maranello nie richtig zu verstehen.

Die Vorzeichen für eine Rückkehr an die Spitze - der letzte Titel liegt zehn Jahre zurück - stehen jedoch nicht allzu rosig. Mit James Allison hatte Ferrari allerdings nur einen prominenten Abgang in Richtung Mercedes zu verzeichnen. Von einem neuen Heilsbringer erst einmal keine Spur. Die Arrivierten aus Maranello sollen es richten.

Können Vettel und Ferrari 2017 wieder um Siege kämpfen? - Foto: Ferrari

Danner zweifelt

Es gibt Zweifel an diesem Vorhaben unter dem neuen Reglement. "Ich sehe nicht, dass Ferrari das entgegenkommt", sagte Motorsport-Magazin.com-Experte Christian Danner. "Mit diesen komplett neuen Regeln braucht man konzeptionelle Innovationen, man muss mit einem weißen Blatt Papier beginnen. Ferrari hat es 2016 schon nicht hinbekommen, ein Auto mit aerodynamischer Effizienz zu bauen. Wieso sollten es dann dieselben Leuten in viel unsichereren Zeiten schaffen? Man kann nichts kopieren."

Design-Ideen sind bislang nicht durchgesickert aus den heiligen Hallen. Vielmehr: Beschwerden. Über den Winter hinterfragte Ferrari bei der FIA die Aufhängungssysteme von Mercedes und Red Bull. Offenbar versuchte das Team, hinter das Geheimnis der gegnerischen Lösungen zu kommen - bislang ohne Erfolg. Das erweckt zumindest von außen den Anschein, dass die Konkurrenz schon jetzt einen Schritt voraus ist. Ferrari im Technik-Hintertreffen, noch bevor das erste Rennen gefahren worden ist?

Ferraris Personalstruktur 2017

Position Personal
Managing Director & Team Principal Maurizio Arrivabene
Chief Technical Officer Mattia Binotto
Head of Aerodynamics Loïc Bigois
Chief Designer Simone Resta
Chief Aerodynamicist David Sanchez
Chief Engineer Jock Clear
Chief Designer Power Unit Lorenzo Sassi

Vettel im Fokus

Ausbaden müssten es am Ende auch die beiden Fahrer. Vettel und Teamkollege Kimi Räikkönen, beides Weltmeister. Während Räikkönens motorsportliche Zukunft über 2017 hinaus ungeklärt ist, schwingt bei der Personalie Vettel eine latente Sorge mit. Der 42-fache Grand-Prix-Sieger könnte die Lust auf Ferrari verlieren. War er angetreten, um frei nach seinem Vorbild Michael Schumacher eine neue rote Ära zu begründen, wurde er zuletzt immer dünnhäutiger. Zwar stellte er sich in den Medien vor seine Truppe, doch diverse Ausraster am Funk lassen vermuten, dass auch Vettels Geduld begrenzt ist.

Schon jetzt wird er als Nachfolger von Rosberg-Nachfolger Valtteri Bottas bei Mercedes ins Gespräch gebracht. Die Spekulationen werden zunehmen mit jedem Rennen, in dem Ferrari den Silberpfeilen hinterherfährt. Das weiß auch Vettel, der nach außen hin aber weiter die positiven Seiten sucht.

"Ferrari hat in der Vergangenheit eine Menge Lektionen gelernt, die uns in der Zukunft viel stärker machen werden", sagte er der Welt. "Der Abstand zu Mercedes ist 2016 schon kleiner geworden - aber richtig ist auch, dass 2016 bei Ferrari nicht alles glatt gelaufen ist." Vieles lief unrund, angefangen bei den vollmundigen Ankündigungen des mächtigen Ferrari-Bosses Sergio Marchionne, der mit Sieges- und Titelforderungen für noch mehr Druck sorgte.

Bei Ferrari wird kräftig geschraubt - diesmal in die richtige Richtung? - Foto: Sutton

Der Druck bleibt

Diesmal will es Marchionne besser machen. Er habe letztes Jahr dumm ausgesehen mit seinen Vorhersagen, Ferrari werde mit Mercedes auf Augenhöhe fahren. Das habe an der schlechten internen Kommunikation gelegen, schickte er einen indirekten Abschiedsgruß auch an den früheren Technikchef und jetzigen Widersacher James Allison. Doch Ferrari ist und bleibt Ferrari. Kleine Brötchen werden nur in Woking und Enstone gebacken.

Ferrari wird sich auch dieses Jahr messen lassen müssen an der großen Historie des Rennstalls. "Es nervt mich, wenn man die Resultate nicht richtig oder bewusst falsch interpretiert", baute Vettel schon einmal vor. "Diese Kritik ist nicht gerechtfertigt. Ferrari hat Fortschritte gemacht, und zwar sehr große, wenn man berücksichtigt, dass wir gegen Teams antreten, die keine so fundamentalen internen Veränderungen durchführen mussten." Die personellen Wechsel sind nun abgeschlossen. Der Druck bleibt bestehen.


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