Formel 1 - Kommentar: Warum Wehrlein nicht der Verlierer ist

Nächste statt letzte Chance

Wehrlein bleibt beim Fahrer-Beben auf der Strecke. Mercedes entschied sich für Bottas, Williams für Erfahrung & Force India für Ocon. Der Anfang vom Ende?
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Motorsport-Magazin.com - Pascal Wehrlein dürfte dieser Tage wohl nicht allerbester Laune sein. Der DTM-Champion von 2015 fährt zwar in der kommenden Saison weiterhin in der Formel 1 - womit das Primärziel, die Zukunft in der Königsklasse zu sichern, erreicht ist -, doch Freudensprünge wird der 22-Jährige nicht machen.

Zuerst erhielt Esteban Ocon bei Force India den Vorzug. Eine kleine Watschen für Wehrlein, der im teaminternen Duell gegen Ocon klar die Nase vorn hatte. Force India entschied sich gegen Wehrlein, weil bei Testfahrten zwischenmenschliche Differenzen aufgekommen waren. Von da an gab es auf dem Fahrermarkt nur noch zwei Möglichkeiten: Sauber oder Manor.

"Deswegen geht die Welt nicht unter nächstes Jahr", sagte mir Wehrlein im Gespräch. "Es wäre dann mein zweites Jahr Formel 1, nach einem Jahr bin ich noch nicht zu ungeduldig. Ich bin noch nicht an meinem Limit, ich kann noch einiges lernen, deswegen wäre es noch einmal eine große Chance."

Wehrlein Nummer 1 im Mercedes-Nachwuchs

Folglich wäre Wehrlein nach dem Rückschlag bei Force India wohl mit dem Sauber-Cockpit zufrieden gewesen, doch Rosbergs Rücktritt änderte alles. Dass Ocon bei Force India den Vorzug erhielt, war keine Mercedes-Entscheidung. Bei Mercedes hatte Wehrlein noch immer die Nase vorne: Wann immer es ging, testete er für die Silberpfeile, er fuhr alle 2017er Tests.

Wehrlein fuhr die meisten Kilometer mit den 2017er Reifen - Foto: Mercedes

Folglich war die Hoffnung groß, von Manor direkt ins Silberpfeil-Cockpit springen zu dürfen. Und die Chance war durchaus da. Mercedes hat sich nun aber anders entschieden. Bottas statt Wehrlein. Und Williams holt lieber Felipe Massa zurück, statt Wehrlein die Chance zu geben. Ein doppelter Rückschlag, so könnte man meinen.

Die Williams-Entscheidung wäre nachvollziehbar: Weil Lance Stroll 2017 sein Formel-1-Debüt gibt, braucht man zumindest eine feste Größe im Team. Gleichzeitig braucht der Alkoholsponsor einen Fahrer, mit dem man global werben kann. Mit 22 Jahren ist der Deutsche nicht alt genug.

Sprungbrett statt Sargdeckel

Mercedes will für die kommende Saison offenbar kein Risiko eingehen. Bottas ist die sichere Wahl. Ist das der Anfang vom Ende für Wehrlein? Ich glaube nein. Um den großen Bernd Stromberg zu zitieren: Sieht auf den ersten Blick aus wie ein Sargdeckel, könnte aber auch ein Sprungbrett sein.

Wehrlein hat den Kampf ums Mercedes-Cockpit gegen Bottas verloren - Foto: Motorsport-Magazin.com/Sutton

Was wäre passiert, wenn Wehrlein 2017 für Mercedes gefahren wäre? Klar, es hätte ihn in Sphären von Lewis Hamilton katapultieren können. Es hätte aber auch sein endgültiges Ende bedeuten können. Wenn er gegen Hamilton kein Land gesehen hätte, warum hätte Mercedes Wehrlein weiter fördern sollen? Einen Sponsor, der die Formel-1-Karriere weiter finanzieren könnte, hat Wehrlein nicht. Bei Teams, die auf Fahrer-Geld nicht angewiesen sind, muss man sich fragen: Hätte ein gegen Hamilton gescheiterter Wehrlein dort eine Chance? Eher nicht.

Bottas ist Mercedes-Fahrer auf Bewährung. Möglich, dass 2018 wieder ein Cockpit bei den Silberpfeilen frei ist. 2019 läuft dann auch Hamiltons Vertrag aus. Die Chance bei Mercedes wird sich wieder ergeben. Nur wäre Wehrlein dann, wenn er mit einem oder zwei Jahren Erfahrung mehr gegen einen Weltmeister antritt, sicher in einer besseren Position.

Auch wenn es für den Moment bitter aussieht: Die schnelle Beförderung von Wehrlein wäre für ihn persönlich genauso riskant gewesen wie für Mercedes. Klar kann das funktionieren - siehe Verstappen. Aber in der Regel ist stetiges, kontinuierliches Wachstum besser, als ein sprunghafter Anstieg. So auch bei Wehrlein. Mit Sauber hat Wehrlein die nächste Chance - nicht die letzte.


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