Formel 1 - Regenreifen:Gerät Pirelli auch 2017 ins Schwimmen?

Zwei Regenreifen-Mischungen für 2017?

Wann immer die Formel 1 2016 mit Regen konfrontiert war, wurde die Kritik an Pirelli lauter. Kommendes Jahr soll ein komplett neuer Reifen Abhilfe schaffen.
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Motorsport-Magazin.com - An drei Sonntagen in der Saison 2016 bekamen die Formel-1-Stars es mit Regen zu tun. Hinzu kamen zwei nasse Qualifyings in Österreich und Ungarn. Der Tenor im Fahrerlager war danach immer derselbe: Fast ausnahmslos jeder Pilot reklamierte, dass Pirellis Regenpneus zu wenig Grip boten. Für 2017 werden die Italiener einen komplett neuen Regenreifen bringen. Die bisherigen Probleme sollen damit der Vergangenheit angehören.

Ich hoffe, dass bei den Reifentests auch ein ordentlicher Reifen für solche Bedingungen entwickelt wird.
Jenson Button

"Im Nassen war es unfahrbar. Es waren nicht die besten Bedingungen und wir haben keinen Reifen, der im Nassen in Monaco funktioniert. Das ist natürlich schade", monierte Jenson Button nach dem sechsten Saisonrennen im Fürstentum und forderte sogleich: "Ich hoffe, dass bei den Reifentests auch ein ordentlicher Reifen für solche Bedingungen entwickelt wird."

Monaco war nur das erste von drei Regenrennen 2016. In Silverstone rutschten am Rennsonntag erneut reihenweise Piloten von der Strecke. Und auch beim vorletzten Saisonrennen in Interlagos, als Romain Grosjean sogar schon auf dem Weg in die Startaufstellung in der Mauer landete, war es nicht anders. "Ich glaube es ist ganz einfach: Wir brauchen bessere Reifen, denn so viel Regen war es nicht", hielt Sebastian Vettel fest, nachdem auch er sich beim Brasilien-GP gedreht hatte.

Angesichts des neuen technischen Reglements für 2017, wurde Reifenhersteller Pirelli eine Reihe von Testfahrten zugestanden, um das schwarze Gold für die kommende Fahrzeug-Generation ausreichend erproben zu können. Auch unter nassen Bedingungen bekamen die Italiener die Chance, die neuen Reifendimensionen zu testen und zu entwickeln.

Wann immer es 2016 regnete, gab es reichlich Schrott - Foto: Sutton

2017er Regenreifen komplett neu

Wir konnten das Aquaplaning und das Verhalten des neuen Regenreifens gut einschätzen.
Mario Isola

Pirelli-Manager Mario Isola versichert, dass die Bedingungen bei den Testfahrten auch angesichts der künstlichen Bewässerung den Bedingungen an einem Grand-Prix-Wochenende entsprachen: "Wir haben bei Tests in Fiorano, Paul Ricard und Abu Dhabi darauf geachtet, dass wir nasse Bedingungen hatten. An einigen Tage hatten wir die 'Full-Wet'-Bedingungen."

Auf Basis dieser Erkenntnisse, erwartet die Formel-1-Fahrer 2017 ein von Grund auf neu konzipierter Regenreifen. "Wir konnten das Aquaplaning und das Verhalten des neuen Regenreifens gut einschätzen. Der 2017er Reifen ist komplett neu. Das Design ist anders und wir haben eine größere Grundfläche", fügt Isola an. Ganz abgeschlossen ist die Entwicklung des neuen Reifens allerdings noch nicht.

Erfahrungswerte für Regenreifen haben in der Vergangenheit gefehlt

Regenreifen lassen sich unmöglich am Simulator entwickeln.
Mario Isola

Dementsprechend steht auch noch im Raum, ob Pirelli vor dem Start der Saison 2017 noch weitere Tests unter nassen Bedingungen zugestanden bekommt. "Wir diskutieren das mit der FIA. Regenreifen lassen sich unmöglich am Simulator entwickeln. Wenn wir die Entwicklung des Regenreifens noch fortsetzen und eine neue Charakteristik ausarbeiten sollen, machen wir das gerne. Dafür brauchen wir aber natürlich zusätzliche Tests", so Isola. In der Vergangenheit, so bemängelt er, wurden im Regen nicht ausreichend Informationen gesammelt, um den Reifen für diese Bedingungen ausreichend zu entwickeln.

Gerade wenn es am Rennwochenende an einem Freitag regnet, verzichten viele Teams fast vollständig auf Ausfahrten in den Trainings, sofern für den Rest des Wochenendes gutes Wetter vorhergesagt wurde. "Der Regenreifen wird so nicht oft genutzt und wir haben eigentlich nur während der Rennen einen richtigen Test. Das war so letztes Jahr in Austin und dieses Jahr in Brasilien", so Isola weiter. Stattdessen nutzen die Teams Freitags bei Nässe häufiger den Intermediate-Reifen, da von diesem ein zusätzlicher Reifensatz zur Verfügung steht.

Der Intermediate war 2016 beliebter als der Regenreifen - Foto: Sutton

Intermediate bisher das bessere Produkt

Du kannst keinen Regenreifen entwickeln, der sowohl unter extrem nassen Bedingungen funktioniert, als auch unter fast trockenen.
Mario Isola

Im Vergleich zum Regenreifen bekam der Intermediate von den Piloten deutlich weniger negative Kritiken. Tatsächlich nutzten diverse Fahrer aus taktischen Gründen selbst bei sehr nassen Bedingungen den Intermediate und stellten fest, dass die Rundenzeiten damit nicht eklatant langsamer waren, als auf dem Regenreifen. "Der Intermediate ist ein sehr gutes Produkt. Die Performance ist sehr gut. Deswegen versuchen Teams, möglichst früh darauf umzusteigen. Auch, wenn Streckenbedingungen noch nicht dafür passen", bestätigt Isola.

Dass der Regenreifen einen schlechteren Ruf hat, hängt laut Isola vor allem mit den unterschiedlichen Anforderungsprofilen zusammen. "Es geht um das Arbeitsfenster, um die Streckenbeschaffenheit, die Reifenmischung und darum, wie der Reifen arbeitet - unter hoher Last und auf den Geraden, sowie in verschiedenen Feuchtigkeitsstufen. Es gibt so viele Faktoren, welche die Performance des Regenreifens beeinflussen."

Dementsprechend schwierig ist es für Pirelli, einen Reifen zu konstruieren, der auf allen Rennstrecken und unter allen Bedingungen auf die gleiche Weise funktioniert. "Du kannst keinen Regenreifen entwickeln, der sowohl unter extrem nassen Bedingungen funktioniert, als auch unter fast trockenen. Wir müssen uns entscheiden", fügt der Italiener an.

Unterschiedliche Reifen für unterschiedliche Rennstrecken?

In erster Linie versucht Pirelli, sich nach den expliziten Forderungen der Fahrer zu richten. Hier wurde bisher ganz klar ein Reifen gewünscht, der seiner Bezeichnung 'Full Wet' gerecht wird. "Wir können den Reifen dahingehend entwickeln, dass er mehr zu starkem Regen passt. Dann müssen wir aber auch alle Konsequenzen evaluieren", sagt Isola. Eine Eigenschaft eines auf mehr Nässe ausgelegten Reifens wäre zum Beispiel, dass sich dieser bei einem schwindenden Wasserfilm schneller auflöst.

Da Pirelli sich schwer tut, die eierlegende Wollmilchsau auf die Straße zu bringen, hat Isola für 2017 auch einen Alternativ-Vorschlag parat: "Vielleicht sollten wir zwei verschieden Regenreifen konstruieren. Wir würden nicht beide an eine Rennstrecke mitbringen. Wir würden für Monaco den Regenreifen Typ 1 und für Silverstone den Regenreifen Typ 2 haben. Das ist eine Möglichkeit, wenn es das Verhalten und die Performance des Reifens verbessert."

Mario Isola schlägt optionale Mischungen für den 2017er Regenreifen vor - Foto: Sutton

Weitere Tests sind notwendig

Vielleicht sollten wir zwei verschieden Regenreifen konstruieren.
Mario Isola

Eine Möglichkeit, die im Hause Pirelli zweifelsohne mit einem höheren Produktionsaufwand verbunden wäre. Etwas, das der Hersteller laut Isola aber ohne Probleme auch während der Saison bewerkstelligen könnte: "Der Saisonbeginn ist sehr schwierig. Wir müssen ja die Reifen im Vorfeld produzieren. Aber vielleicht können wir einen neuen Reifen nach dem zweiten oder dritten Rennen einführen" so Isola, der das Vorhaben zweier alternativer Regenreifen allerdings an eine Bedingung knüpft: "Dafür wären natürlich weitere Tests notwendig."

Momentan verhandelt Pirelli mit der FIA über zusätzliche Testmöglichkeiten während der Saison, die sich dann nicht nur auf die drei Top-Teams beschränken würden, wie es in diesem Jahr mit den Testträgern der Fall war. "Wir finalisieren den Plan momentan und wir werden natürlich allen Teams anbieten, zu testen. Sobald wir wissen, welche Teams verfügbar sind, werden wir zusammen mit der FIA einen Kalender erstellen, um die Tests festzulegen und sie den Teams ausgeglichen zuzuteilen. Das ist der Plan für nächstes Jahr", so Isola.


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