Formel 1 - Brasilien GP: Die 7 Schlüsselfaktoren in São Paulo

Wenn es Nacht wird in Interlagos

...träumt Lewis Hamilton vom ersten Brasilien-Sieg, Nico Rosberg vom vorzeitigen WM-Gewinn und Red Bull vom Regen-Chaos.
von

1. S - wie Startaufstellung

Lewis Hamilton sicherte sich zum zweiten Mal die Pole Position in Interlagos - Foto: Sutton

Lewis Hamilton gab sich auch beim Qualifying für den Großen Preis von Brasilien keine Blöße. Zum ersten Mal seit 2012 steht er in Interlagos wieder auf der Pole Position. In den vergangenen beiden Jahren musste er jeweils Nico Rosberg den Vortritt lassen. Der Teamkollege und WM-Widersacher steht, wie schon bei den letzten beiden Rennen, neben ihm in der ersten Startreihe. Wirklich überraschend kam die Pole für Hamilton aber offenbar nicht. "Ich glaube, letztes Jahr lief es im Qualifying gar nicht so schlecht. Dieses Jahr habe ich nur dafür gesorgt, dass ich alles richtig erwische", sagt der Polesitter.

Auf den Startplätzen hinter den Silberpfeilen gehen Ferrari und Red Bull in abwechselnder Reihenfolge ins Rennen. Räikkönen und Verstappen bilden die zweite, Vettel und Ricciardo die dritte Reihe. Wie in Mexiko ist wieder ein heißer Kampf zwischen den beiden Erzrivalen zu erwarten. Dahinter zeigte Romain Grosjean eine tolle Performance und qualifizierte seinen Haas auf Startplatz sieben. Ihm folgten das Force-India-Duo mit Nico Hülkenberg und Sergio Perez, sowie Fernando Alonso im McLaren. Lokalmatador Felipe Massa wird bei seinem letzten Auftritt vor heimischem Publikum nur vom 13. Startplatz aus ins Rennen gehen.

2. S - wie Start

2015 ging das Mercedes-Duo in umgekehrter Reihenfolge in den Brasilien-GP - Foto: Sutton

Der Start könnte auch in Brasilien wieder das Zünglein an der Waage im Kampf der WM-Kontrahenten Hamilton und Rosberg sein. Bereits mehrfach hatte einer der Silberpfeile in dieser Saison einen Stottert-Start, der jegliche Sieg-Chancen schon auf den ersten Metern zunichtemachte. Am Sonntag könnte ein solcher Katastrophen-Start für Hamilton die WM-Niederlage bedeuten. Ein spezieller Umstand ist in Interlagos der Anstieg auf der Start- und Zielgeraden. Einen Unterschied macht das laut Hamilton allerdings nicht: "Es ist mehr oder weniger das gleiche, wie der Start bei einem Gefälle. Das ist etwas, worauf ich mich gut vorbereitet habe."

Rosberg glaubt sogar, dass die Traktion aufgrund des Anstiegs am Start besser ist. "Die Ingenieure haben mir gesagt, dass das Auto bergauf mehr Grip auf der Hinterachse hat", so der Deutsche. Einen Traktionsnachteil aufgrund der Reifenmischungen, wie es ihn zuletzt in Mexiko und den USA gab, als einige der Konkurrenten auf einem weicheren Reifen gestartet sind, wird es in Brasilien für die Silberpfeile nicht geben: Die gesamte Top-10 startet auf dem Soft-Reifen in den Grand Prix. Sollte es am Start allerdings nass sein, kann alle Theorie schnell der Vergangenheit angehören. Vom geordneten Rennbeginn hinter dem Safety Car, bis hin zum totalen Chaos-Start, ist dann alles möglich.

Streckendaten
Länge: 4,309 km
Runden: 71
GP-Distanz: 305,909 km
Rundenrekord: 1:11.473 (MOY, 2004)
Kurven: 15
Weg bis Kurve 1: 334,5 Meter
Länge Boxengasse: 387,1 Meter
Zeit in Box bei 80 km/h: 17,42 Sekunden

3. S - wie Strategie

Am Ferrari-Kommandostand werden sicherlich auch in Brasilien wieder die Köpfe rauchen - Foto: Sutton

Vergangenes Jahr gewann Nico Rosberg das Rennen in Brasilien mit einer Dreistopp-Strategie. Auf den Start-Stint auf der Soft-Reifenmischung folgten drei Reifenwechsel auf Medium in den Runden 13, 33 und 48. Auch dieses Jahr werden die Favoriten wieder auf Soft ins Rennen gehen. Pirelli hat für den diesjährigen Grand Prix eine Zwei- oder Dreistopp-Strategie als wahrscheinlichste Varianten angegeben. Auf den Start mit Soft-Reifen würden dabei zwei beziehungsweise drei Stints auf Medium folgen.

Der Medium-Reifen soll laut Pirelli bis zu 35 Runden halten, während die Soft-Mischung etwas mehr 20 Runden schafft. Rosberg fuhr am Freitag mit 22 Runden den umfangreichsten Long-Run auf dem weichen Reifen. Den längsten Stint auf der Medium-Mischung absolvierte Felipe Nasr mit 31 Runden. Die harte Reifenmischung wird wohl kaum eine Rolle spielen. Möglicherweise wird es Teams im Mittelfeld geben, die darauf eine Überraschung versuchen.

4. S - wie Sonntagswetter

Wie beeinflusst das Wetter den Brasilien GP?: (01:55 Min.)

Wie so oft in der Vergangenheit, könnte uns auch dieses Jahr in Brasilien wieder ein Wetter-Roulette erwarten. Nachdem es am ersten Trainingstag noch sonnig und warm war, und die Piloten sogar über zu hohe Reifentemperaturen klagten, kühlte es am Samstag deutlich ab. Bei nicht einmal 20 Grad Außentemperatur und einer dicken Wolkendecke mit vereinzelten Regenschauern, bekamen die Teams schon mal einen kleinen Vorgeschmack auf das, was sie am Sonntag erwarten könnte. Die Wetterfrösche sagen für den Zeitpunkt des Rennstarts eine Regenwahrscheinlichkeit von 70 % heraus.

Angst vor Regen haben die WM-Favoriten allerdings nicht. "Ehrlich gesagt fühle ich mich für jedes Szenario gut vorbereitet. Außerdem mag ich alle Bedingungen. Ich liebe es also auch, im Regen zu fahren", so Hamilton. Rosberg, der dieses Jahr in Monaco und Silverstone so seine Probleme mit nassen Bedingungen hatte, strotzt ebenfalls vor Selbstbewusstsein: "Als wir hier das letzte Mal bei Nässe gefahren sind, im Qualifying 2013, hatte ich einen sehr guten Run. Das gibt mir die größte Zuversicht, egal bei welchen Bedingungen." Die große Hoffnung auf Regen wird dieses Mal aber nicht nur von den Mittelfeld-Teams und den Hinterbänklern gehegt. Auch Red Bull rechnet sich aus, im Nassen den Kampf mit Mercedes aufnehmen zu können.

5. S - wie Strecke

Das Autódromo José Carlos Pace ist prädestiniert für spannenden Rennen - Foto: Sutton

Das Autódromo José Carlos Pace war über viele Jahre hinweg für seinen schlechten Streckenbelag mit jeder Menge Bodenwellen bekannt. Seit der 4,309 km lange Kurs vor den Toren São Paulos vor zwei Jahren neu asphaltiert wurde, gehören diese Probleme allerdings der Vergangenheit an. An zwei anderen Besonderheiten der 1940 eröffneten Rennstrecke änderte dies jedoch nichts. Nach wie vor sorgen die kurzen Rundenzeiten dafür, dass es während des Rennens viel Verkehr gibt.

Der Streckenverlauf gegen den Uhrzeigersinn ist außerdem eine besondere Herausforderung für die Nackenmuskulatur der Fahrer. Im Infield zwischen den Kurven vier und zwölf gibt es keine Möglichkeit, sich auszuruhen. Auch das Überholen ist im Mittelteil der Strecke äußerst knifflig. Auf den beiden Geraden vor den Kurven eins beziehungsweise vier können die Piloten kurz durchatmen und gegebenenfalls mit DRS einen Gegner attackieren.

Streckenname: Autódromo José Carlos Pace

Das Streckenlayout des Autódromo José Carlos Pace - Foto: Motorsport-Magazin.com

6. S - wie Spiel, Satz und Sieg für Rosberg?

Nico Rosberg kann mit einem Sieg in Brasilien den Titel vorzeitig klarmachen - Foto: Sutton

Nico Rosberg führt die WM vor dem vorletzten Rennen der Saison in Brasilien mit 19 Punkten Vorsprung auf Lewis Hamilton an. Für den Vizeweltmeister der vergangenen beiden Jahre bedeutet dies, dass er mit einem Sieg auch die Weltmeisterschaft vorzeitig zu seinen Gunsten entscheiden könnte. Dass er auch vom zweiten Startplatz aus triumphieren kann, zeigte Rosberg diese Saison in Monza und Suzuka, als er Hamilton gleich beim Erlöschen der Ampel überrumpeln könnte. Dementsprechend klar ist auch Rosbergs Schlachtplan für das Rennen: "Mein Fokus liegt darauf, nach vorne zu schauen und Lewis in Turn 1 anzugreifen. Da stecke ich meine Energie rein und das war's."

Hamilton und Rosberg sind dieses Jahr zwar schon diverse Mal mit ihren Egos und in der Folge auch ihren Autos aneinandergeraten, doch der Weltmeister hat trotzdem keine Bedenken, dass sein Rivale über die Stränge schlagen könnte. "Wenn ich in ein Rennen gehe, erwarte ich nichts anderes, als einen fairen Kampf. Natürlich kann man sich anschauen, was manche Fahrer in der Vergangenheit alles versucht haben. Aber ich glaube kaum, dass er so etwas tun wird", sagt Hamilton. Rosberg auf der anderen Seite kündigte an, dass er alles im Rahmen der Legalität versuchen werde, um Hamilton zu bezwingen: "Natürlich gibt es strikte Regeln, an die wir uns halten müssen. Aber abseits davon, klar: Go for it!

7. S - wie Sieger

Lewis Hamilton hat in Brasilien noch nie einen Grand Prix gewonnen - Foto: Sutton

Die Statistiken des Brasilien-GP sprechen eine klare Sprache - und zwar gegen Lewis Hamilton. In neun Anläufen konnte der Brite in Interlagos noch nie gewinnen, obwohl er 2008 sogar schon einen WM-Titel in Brasilien feierte. Tatsächlich scheinen dies aber nur Zahlen zu sein. Denn gegen Hamilton spricht angesichts seiner derzeitigen Form nicht wirklich viel. Und das liegt nicht nur daran, dass er den Teamkollegen das gesamte Wochenende über relativ sicher im Griff hatte - vor zwei Wochen fuhr er in Mexiko ebenfalls einen Premierensieg sein. Den Weltmeister abzuschreiben, wäre wohl ziemlich leichtsinnig.

Rosberg hingegen könnte sich im Zweifel sicherlich auf die Statistik der vergangenen Jahre berufen. Nicht nur, dass Hamilton nicht gewinnen konnte: Er war es, der den Teamkollegen 2014 und 2015 in die Schranken wies und sich zwei Siege auf dem Autodromo José Carlos Pace auf die Fahnen schreiben durfte. Tatsächlich ist sich der WM-Führende allerdings darüber im Klaren, dass das Spiel auch an diesem Sonntag wieder von vorne beginnt: "Ich habe zwar schöne Erinnerungen und auch ein gutes Gefühl, wenn ich hier herkomme - aber wir fangen alle bei null an."

Und wie tippt die Motorsport-Magazin.com-Redaktion? Das sind unsere (nicht immer ganz ernst gemeinten) Tipps für den Brasilien Grand Prix:

Manuel Schulz: Schon beim Start gelingt es Ferrari die Spitze zu übernehmen und als dann der erwartete Regen beginnt, scheint Ferrari erst wieder die falsche strategische Entscheidung zu treffen. Doch während alle an die Box fahren und auf Intermediates wechseln, hört der Regen wieder auf und die Roten sehen sich plötzlich eine Runde vor der Konkurrenz. Wegen Pannen bei der weiteren Strategie und Problemen bei den Reifenwechseln verspielen sie den Vorsprung aber wieder und müssen ohne Podium aus Brasilien abreisen. Die WM-Entscheidung gibt es aber morgen auch noch nicht.

Manuels Top-3-Tipp: 1. Hamilton 2. Rosberg 3. Massa

Chris Lugert: Riesen-Chaos in Brasilien! Der Regen spült das gesamte Feld durcheinander. Red Bull erweist sich als unschlagbar und fährt zu einem Doppelsieg, während Mercedes ungewohnte strategische Fehler produziert. Nico Rosberg rettet sich mit seinen abgefahrenen Vollregenreifen noch auf Platz vier. Lewis Hamilton liegt auf Rang sechs und könnte damit die WM noch offen halten, ehe in der letzten Runde erst Nico Hülkenberg und in der letzten Kurve ausgerechnet Felipe Massa - beide auf Intermediates - am Mercedes vorbeifliegen. Somit fällt Hamilton auf Rang acht zurück, Nico Rosberg ist Weltmeister.

Chris' Top-3-Tipp: 1. Verstappen 2. Ricciardo 3. Räikkönen

Matthias Schwerdtfeger: Wie der Sieger des Rennens heißen wird, weiß ich nicht. Ich bin schließlich kein Hellseher. Wie der Weltmeister heißen wird, weiß ich aber aus irgendeinem Grund: Nico Rosberg! Ob er es schon in Brasilien schafft? Keine Ahnung. Aber er wird auf jeden Fall den Titel holen!

Matthias' Top-3-Tipp: 1. Keine Ahnung 2. Weiß ich doch nicht 3. Wer auch immer

Florian Becker: Nachdem Petrus die Formel 1 am Samstag noch mit Nieselregen auf die Folter gespannt hat, schüttet es am Renntag wie aus allen Eimern. Ferrari macht überraschender Weise mal irgendetwas richtig (keine Ahnung was) und Kimi Räikkönen gewinnt das Rennen! Hamilton und Ricciardo komplettieren das Podium, während Rosberg nach einer Kollision mit Verstappen nur als Siebter ins Ziel kommt.

Florians Top-3-Tipp: 1. Räikkönen 2. Hamilton 3. Ricciardo


Weitere Inhalte:

Motorsport-Magazin.com fragt
Wir suchen Mitarbeiter