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Formel 1 - Interview - Fernando Alonso: Kein Frühstück ohne F1-Stress

Irgendwann einfach keine Lust mehr

Fernando Alonso kennt sich aus in der Formel 1. Im Interview spricht der McLaren-Pilot ausführlich über Höhen, Tiefen und Antriebe einer F1-Fahrer-Karriere.
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Motorsport-Magazin.com - Fernando, die Fahrerbesprechung ist dieses Jahr immer wieder im Fokus. Ein paar der neuen, jungen Fahrer erscheinen etwas anders, als Youngster in der Vergangenheit. Was denkst du darüber? Siehst du von der neuen Generation eine andere Mentalität, verglichen mit der Zeit deines Karrierestarts?
Fernando Alonso: Nein. Ich denke, es war immer dasgleiche. Wenn du als junger Fahrer aus einer anderen Kategorie ankommst, hast du ein paar, sagen wir mal, Gewohnheiten, die nicht der Formel-1-Standard sind. Das führt hin und wieder zu Debatten wegen aggressiven Aktionen oder gewagten Überholmanövern. Wir könnten sagen, dass manche Regeln sehr klar sind und manche nicht sonderlich klar - jedenfalls nicht geschrieben. Aber mit den Jahren und der Erfahrung lernen wir das alle. Wenn ein junger Fahrer kommt und besonders wenn er an der Spitze kämpft, und es auch im Fernsehen gesehen wird, gibt es immer ein paar Diskussionen. Aber mit den Jahren und der Erfahrung lernt jeder und erreicht diesen Formel-1-Standard.

Alonso: Manche F3-Manöver gehen bei 300km/h eben nicht

Es war also auch bei dir so?
Fernando Alonso: Wahrscheinlich schon. Als ich angefangen habe und auch 2003, als ich mich das erste Mal in einer konkurrenzfähigen Lage wiedergefunden habe und meinen ersten Sieg, mein erstes Podium und meine erste Pole Position hatte. Du kämpfst an der Spitze und du kommst von Go-Karts und Formelserien wie der Formel 3. Dort sind einige Aktionen oder Überholmanöver an der Tagesordnung, die für die anderen überraschend kommen - denn in der Formel 1 kannst du die bei 300 km/h nicht bringen, oder du solltest sie nicht bringen. Das lernst du aber erst mit Erfahrung.

Manchmal gehen die Leute hart mit dir ins Gericht, weil du etwas Neues gemacht hast.
Fernando Alonso

Manchmal gehen die Leute hart mit dir ins Gericht, weil du etwas Neues gemacht hast. Ich erinnere mich genau daran, wie ich gelernt habe. Ich weiß noch, wie ich 2003 oder 2004 am Nürburgring gegen David Coulthard gekämpft habe. Da habe ich mich auf der Bremse ein bisschen bewegt und er ist im Kiesbett gelandet und ausgeschieden. Danach haben mich alle dafür beschuldigt und für die nächsten paar Tage habe ich mich schlecht gefühlt. Du wolltest natürlich nicht, dass jemand deshalb ausfällt oder dass es irgendwelche Probleme gibt. Aber du hast es verursacht. Aber du lernst dazu und es ist kein großes Problem.

Zu Beginn seiner Karriere übertrieb auch Alonso das eine oder andere Mal - Foto: Sutton

Alonso über den Reifeprozess als Fahrer

Du willst mit Sicherheit noch eine WM für McLaren gewinnen. Aber du hast deine jungen Jahre angesprochen, als du deine Titel mit Renault gewonnen hast. Wie hast du dich als Fahrer verändert?
Fernando Alonso: Du bist besser vorbereitet und reifer, wenn es darum geht, mit unterschiedlichen Situationen klarzukommen. Wie zum Beispiel die aktuelle Situation, in der wir nicht konkurrenzfähig sind, den Fokus beibehalten und mit dem Team professionell bleiben und noch härter arbeiten müssen, um die Situation so bald wie möglich zu verbessern. Du lernst auch unterschiedliche Fahrstile für unterschiedliche Anforderungen, Autos, Regeln, Reifen, Nass- und Trockenbedingungen. Du lernst die Strecken, denn die ersten paar Jahre brauchst du immer das Freie Training, um die Linien und die Bremspunkte zu verinnerlichen. Da gibt es viele Dinge, die du heute nicht mehr machen musst. Also konzentrierst du dich mehr auf die wichtigen Sachen.

Alonso: Irgendwann einfach keine Lust mehr

Wo denkst du, dass du besonders gewachsen bist?
Fernando Alonso: Es gibt da eine konstante Entwicklung. Ich sehe es nicht wie in anderen Sportarten, wo die körperliche Verfassung so relevant ist. Hier geht es um die Maschine, um das Auto. Es gibt hier keinen Höhepunkt, ab dem es nur noch abwärts geht. Es ist in der Formel 1 ein stetiger Fortschritt. Du wirst immer besser. Wenn du eines Tages aufhörst, liegt das nicht daran, dass du langsamer geworden bist - sondern daran, dass du keine Lust mehr hast. Keine Lust auf das Reisen, auf die Medien. Aber wenn du dein Leben 20 Jahre lang offenlegst, du 20 Jahre lang in den Zeitungen und im Fernsehen bist. Dann willst du vielleicht mal, dass es ein Ende hat, denn das echte Leben ist auf der anderen Seite der Garage. Wegen all diesen Dingen hörst du auf. Nicht, weil du vier oder fünf Zehntel langsamer bist als vor 20 Jahren.

Es gibt nicht einen einzigen Tag, an dem du frühstückst und dir keine Gedanken darüber machst, was du isst.
Fernando Alonso

Würde dir das Siegen oder Fahren an der Spitze helfen, um motiviert zu bleiben?
Fernando Alonso: Nein, das denke ich nicht. Wir haben es bei Michael [Schumacher] gesehen. Er war 37, als er das erste Mal zurückgetreten ist - und wer gewann zu dieser Zeit und kämpfte gegen mich um die Weltmeisterschaft, bis zum letzten Rennen in Brasilien 2006? Er hatte entschieden, zurückzutreten. Es ist nicht so, dass du mit 19 oder 20 anfängst und dann mit 37 diese 17 Jahre deines Lebens nicht dem Sport komplett verschrieben hättest. Es gibt nicht einen einzigen Tag, an dem du frühstückst und dir keine Gedanken darüber machst, was du isst. Es gibt nicht einen einzigen Tag, an dem du nicht etwas tust, ohne dabei im Hinterkopf zu haben, dass du dich nicht verletzen willst, weil nächste Woche das Rennen ist. Dein ganzes Leben gehört dem Sport. Selbst wenn du gewinnst, kommt irgendwann der Punkt, an dem du ein normales Leben haben willst.

Einen breiten Nacken wie zu Beginn des Jahrtausends braucht es Alonso zufolge heute nicht mehr - Foto: Sutton

Alonso: Junge Fahrer brauchen heute gar nichts mehr

Du versuchst, mit deinem Go-Kart-Projekt junge spanische Talente zu fördern. Ist das so etwas, das dich etwas von der Formel 1 ablenkt?
Fernando Alonso: Ja, das mache ich. Aber es lenkt mich nicht von der Formel 1 ab. In einer Weise ist es auch mein Vermächtnis und auch ein Nutzen, den ich als Formel-1-Rennfahrer habe, anderen zu helfen, ihre Träume zu verwirklichen. Ich habe meinen eigenen Traum erfüllt und ich hatte sehr viel Glück, es bis in die Formel 1 zu schaffen. Mit dieser Einrichtung kann ich zumindest irgendwie helfen, dass sie trainieren und Dinge lernen können. Danach liegt es natürlich an ihnen, etwas aus ihrem Talent und diesen Möglichkeiten zu machen. Aber wenn ich etwas zurückgeben kann, ist das auch ein Weg für mich, mich besser und komplett zu fühlen. Ich denke aber auch, dass es außerhalb der Formel 1 viele Dinge gibt, die mit der Zeit kommen werden.

Sie brauchen keine zwei oder drei Jahre mehr, um physisch überhaupt erst so stark zu werden, jedes Rennen mit 100% zu beenden. Sie brauchen den Nacken nicht, sie brauchen gar nichts. Sie können schon im zweiten Rennen bei 100% sein.
Alonso über Nachwuchsfahrer

Du hast das Talent angesprochen, von dem du sagst, dass es in der heutigen Ära nicht mehr ganz so notwendig ist. Denkst du, dass die Qualität der Formel 1 dadurch abgenommen hat? Oder anders gefragt: Hast du das Gefühl, in einem Grid zu fahren, das so stark ist wie bei deinem ersten Rennen?
Fernando Alonso: Ich denke immer noch, dass die Besten es bis in die Formel 1 schaffen. Doch sie brauchen keine Zeit mehr, um in den anderen Kategorien zu lernen und sie brauchen auch keine Zeit, 100% aus dem Auto herauszuholen. Sie brauchen keine zwei oder drei Jahre mehr, um physisch überhaupt erst so stark zu werden, jedes Rennen mit 100% zu beenden. Sie brauchen den Nacken nicht, sie brauchen gar nichts. Sie können schon im zweiten Rennen bei 100% sein. Aus diesem Grund brauchen sie weniger Vorbereitung. Aber ich denke eben immer noch, dass die Besten auch immer in der Formel 1 ankommen. Sie zeigen es in den kleineren Kategorien, wenn sie dort gewinnen. Wenn sie dann in der Formel 1 ankommen, liefern sie ab. Denn wenn jemand hier ankommt, und das nicht tut, wird er nach zwei oder drei Rennen ausgetauscht. Du musst in der Formel 1 fahren und die Resultate abliefern, die das Team erwartet. Wenn du das nicht schaffst, wirst du hier nicht besonders lange fahren.

Alonso sieht in Landsmann Sainz eines der größten Talente der aktuellen Generation junger Fahrer - Foto: Sutton

Alonso sieht große Talente in der zweiten Reihe

Welcher von den aktuellen Youngstern hat in deinen Augen denn das größte Potential, einer der Helden der Zukunft zu werden?
Fernando Alonso: Das müssen wir sehen. Momentan sind wahrscheinlich Verstappen, Sainz und Stoffel [Vandoorne] die drei Namen, die obenauf sind. Aber du weißt nie. Leute wie Nasr, Wehrlein, Ocon - es gibt viele junge Fahrer, die gerade nicht in einem konkurrenzfähigen Auto sitzen und nur deshalb ihr Potential nicht zeigen können. Aber eines Tages wechseln sie vielleicht zu einem großen Team und fangen an, Rennen zu gewinnen. Es ist eine neue Generation, so wie eine neue Generation kam, als Sebastian [Vettel], Hamilton und Nico kamen. Es war auch eine neue Generation mit mir, mit Jenson, Kimi, Montoya, Kubica. Alle drei oder vier Jahre kommt eine neue Gruppe von Fahrern. Im Moment ist Verstappen im besten Auto dieser neuen Gruppe und kann sein großartiges Talent zeigen. Aber auch Sainz und Stoffel sind große Talente.

Du hast Verstappen und Sainz erwähnt. Beide fuhren im gleichen Auto und einer von ihnen ist zu Red Bull gewechselt. Denkst du, es lag nur am Talent oder lag es auch daran, dass er ein bisschen von dieser 'Arschloch-Einstellung' gezeigt hat, die du als Rennfahrer brauchst?
Fernando Alonso: Ich habe keine Ahnung. Ich denke, das ist eher eine Frage für Red Bull. Im Qualifying war Sainz vor Verstappen. Im Rennen war Verstappen im ersten Jahr vorne. Ich denke, es war insgesamt ausgeglichen.

Momentan sind wahrscheinlich Verstappen, Sainz und Stoffel Vandoorne die drei Namen, die obenauf sind. Aber du weißt nie.
Fernando Alonso

Gibt es von den jungen Fahrern mit denen du arbeitest auch schon einen, auf den du ein Auge geworfen hast?
Fernando Alonso: Es gibt ein paar, die sehr talentiert sind Da ist ein kleines Kind aus Dubai, neun Jahre alt, das uns in der Akademie sehr überrascht hat. Da ist auch eins aus der Schweiz, dass letzten Sommer die nationale Meisterschaft gewonnen hat. Es ist interessant zu sehen, wie talentiert und wie gut sie vorbereitet sind. Wenn ich an mich zurückdenke, mit acht oder neun Jahren, konnte ich so gut wie gar nichts. Sie wissen schon alles und spielen mit allem. Sie schauen sich Telemetriedaten vom Go-Kart an und verstehen sie. Wenn du mich mit neun Jahren vor Telemetriedaten gesetzt hättest, hätte ich nicht gewusst, was ich mache. Es ist eine sehr clevere und sehr gut vorbereitete Generation, die uns in der Zukunft erwartet.

Heute werde der Nachwuchs akribisch geschult, sagt Alonso - Foto: Alonso/Twitter

So akribisch läuft F1-Vorbereitung heute

Siehst du irgendein Muster, wo sie herkommen?
Fernando Alonso: Nicht wirklich. Sie haben in der Regel eine sehr leidenschaftliche Familie im Rücken, die sie in einem sehr jungen Alter ins Auto setzen. Es ist nicht so, dass sie eines Tages durch Zufall in ein Kart springen und schnell sind. Es scheint so, als ob das Kind von einem jungen Alter an wie programmiert wurde. Die Familie fängt sehr früh an, daran zu denken, dass der Sohn Rennfahrer werden soll. Vorbereitung, Schulbildung und Wahl des Wohnsitzes sind nur auf dieses zukünftige Projekt ausgelegt. Normalerweise sind diese Jungs, und zwar nicht durch Zufall, die schnellsten Kandidaten.

Ich bin Sonntag das Rennen gefahren, habe die Weltmeisterschaft gewonnen, und bin dann mit zusammen mit einem Kumpel mit dem Auto 17 Stunden oder so nach Hause gefahren.
Alonso über die gute, alte Zeit

Du warst der erste große spanische Star in der Formel 1. Motivierst dich das dabei, anderen beim Durchbruch zu helfen?
Fernando Alonso: Ja, das war sicher ein Faktor. Als ich angefangen habe, gab es keine Rennstrecken oder Meisterschaften und ich bin in Italien gefahren. Ich erinnere mich daran, wie ich 1996 die Go-Kart-Weltmeisterschaft gewonnen habe. Ich habe es meiner Familie erst am Montag erzählt, als ich nach Hause gekommen bin. Ich bin Sonntag das Rennen gefahren, habe die Weltmeisterschaft gewonnen, und bin dann mit zusammen mit einem Kumpel mit dem Auto 17 Stunden oder so nach Hause gefahren. Es gab keine Mobiltelefone und wir haben nicht extra bei einer Tankstelle angehalten, nur um von der Telefonzelle aus anzurufen. Ich kam also am Montag an und wurde gefragt: Wie liefs? So war es damals. Heute gibt es all diese Möglichkeiten und Marketing-Chancen mit Sponsoren und Regierungen. Ich denke, es ist gut, etwas zu kreieren. Wenn jemand das Talent hat, braucht er keinen verrückten Lebensstil führen, um sein Ziel zu erreichen.


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