Formel 1 - Ferrari-Krise: Zu viele Italiener an Bord?

Bernie: Beneide Arrivabene nicht

Schumacher, Brawn, Todt: Früher sorgte ein internationales Gespann für Ferraris Erfolg. Inzwischen regieren nur noch Italiener. Ein Mit-Grund für die Krise?
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Motorsport-Magazin.com - Seit nunmehr 13 Monaten wartet Ferrari auf den nächsten Sieg in der Formel 1. 2016 erlebt die Scuderia eine wahre Katastrophen-Saison. Mit jedem sieglosen Rennen wächst der Druck auf die sportliche Führung in Maranello. Der Kopf von Teamchef Maurizio Arrivabene ist in den vergangenen Monaten mehr als nur einmal von der schonungslosen italienischen Presse gefordert worden. Muss er als Nächster seine Sachen packen? Wer könnte diesen nicht immer dankbaren Job überhaupt übernehmen?

"Ich hoffe nur, dass Ferrari endlich klarkommt und anfängt, Rennen zu gewinnen", äußerte sich jetzt auch Bernie Ecclestone zur schwierigen Situation der Roten. Der F1-Boss weiter im Interview auf der offiziellen Formel-1-Homepage: "Ich bin sicher, dass wir nächstes Jahr ein anderes Ferrari sehen werden." Meinte Ecclestone damit die Aufstellung der Führungsetage? Ferrari droht die 14. titellose Saison in der Königsklasse. Kann Arrivabene den oftmals ungehaltenen Ferrari-Boss Sergio Marchionne von seinem Konzept überzeugen? Hat er überhaupt ein Erfolgsrezept für 2017 parat?

Die Sache mit dem Terrorklima

Von einem Terrorklima war zuletzt die Rede rund um Maranello. Der Vorwurf stammte von Ferraris ehemaligem Chefingenieur Luca Baldisserri. Arrivabene konterte halbherzig, argumentierte mit dem natürlichen Druck, der immer bei Ferrari herrsche. Und überhaupt sei die Stimmung innerhalb der Heiligen Hallen anders als es einige Medien berichten würden. Fakt ist aber, dass es Arrivabene nicht gelingt, Ruhe in seinen Laden zu bekommen. Sein bestes Argument wären Siege - doch die sind aktuell weit entfernt. Zahlreiche Experten zweifeln, ob es 2017 unter dem neuen Reglement besser laufen wird.

Das Team muss sich einfach stabilisieren, weiterarbeiten und den Druck entschärfen, der von Medien und Fans immer auf Ferrari lastet.

Das Auto ist die eine Sache - die Strukturen eine andere. Hinter den Kulissen läuft bei Ferrari einiges schief. "Das Team muss sich einfach stabilisieren, weiterarbeiten und den Druck entschärfen, der von Medien und Fans immer auf Ferrari lastet", glaubte Ross Brawn. Das einstige Superhirn von Michael Schumacher kannte die andere Ferrari-Seite. Die erfolgreiche, in der sich Titel an Titel reihte. "Einer muss der Schutzwall sein, der Dinge von den Leuten abhält", sagte Brawn bei der BBC. "Damit sie ihre Arbeit ordentlich, kreativ und produktiv erledigen können, ohne sich zu sehr Sorgen über die Konsequenzen machen zu müssen."

Größter Druck kommt von innen

Doch wie soll das funktionieren, wenn der größte Druck tatsächlich von innen heraus kommt. In Form von Marchionne, dem kritischen Ferrari-Boss. Der seinen Angestellten alle paar Monate indirekt mit Kündigung droht. Stichwort: Terrorklima. "Ich fände es besser, wenn Sergio das nicht tun würde", meinte Brawn. "Aber er macht das wohl, weil er keine Alternative sieht. Das ist die logische Konsequenz eines Vakuums in der Mitte."

Dieses Vakuum füllt Marchionne aus, indem er sich in die sportlichen Belange von Ferrari einmischt. Dabei sollte diese Aufgabe vor allem Arrivabene obliegen. Im Idealfall hätte er das Ruder allein in der Hand und würde lediglich an seinen Chef Marchionne berichten. Der große Boss wollte sich nach der Übernahme ohnehin aus dem Tagesgeschäft heraushalten. Die Krise zwang ihn offenbar, einen anderen Kurs einzuschlagen. Einen, der das Arbeiten im roten Dress noch schwieriger gestaltet.

Wer gibt wirklich die Richtung bei Ferrari vor? - Foto: Sutton

Das große Vakuum

"Wenn du in der Mitte ein Vakuum hast, dann springen die Leute rein", sagte Brawn. "Wenn es keine Struktur gibt, um der Führungsetage die Zuversicht zu vermitteln, dass das Team ordentlich gehandhabt wird, greifen Menschen tendenziell selber ein." In diesem Fall Marchionne, der als Chef des Fiat-Konzerns tatsächlich so viel mehr verantwortet als das F1-Team von Ferrari. Mit seiner fast schon legendären Aussage - jeder der keine Leistung bringt, solle das Team verlassen - schaffte er dieses Jahr jedoch den nächsten Unruheherd.

Hätte er die Unterstützung wie es bei Mercedes der Fall ist, dann würden sie mit Sicherheit auch Rennen gewinnen.
Ecclestone über Arrivabene

"Was Maurizio unbedingt braucht, ist eine gute Rückendeckung", meinte Ecclestone. "So wie es sie beispielsweise bei Mercedes gibt." Bei den Silberpfeilen genießt Teamchef Toto Wolff das volle Vertrauen von Daimler-Chef Dieter Zetsche sowie dem Aufsichtsratsvorsitzenden Niki Lauda. Ecclestone weiter: "Hätte er die Unterstützung wie es bei Mercedes der Fall ist, dann würden sie mit Sicherheit auch Rennen gewinnen."

Sergio Marchionne lässt sich relativ selten an der Strecke blicken - Foto: Sutton

Unter Montezemolo war es anders

Damit bestätigte Ecclestone die Annahmen von Ross Brawn, der damals unter Luca di Montezemolo bei Ferrari arbeitete - und zusammen mit Jean Todt, Michael Schumacher und Rory Byrne an der mit Abstand erfolgreichsten Zeit der Italiener mitwirkte. Brawn über diese Ära: "Das Großartige an Luca war, dass er wissen wollte, was vor sich ging, und dass er ein sehr leidenschaftlicher Mensch war. Er hat aber immer die Distanz gewahrt, weil er sicher war, dass wir die richtigen Dinge tun würden." Der Erfolg gab dem legendären Gespann Recht.

Waren es damals hauptsächlich ein Brite, ein Franzose, ein Südafrikaner und ein Deutscher, die Ferrari in ruhmreiche Zeiten führten, kehrte das Team zuletzt wieder zu den Wurzeln zurück. Nach dem Abgang von James Allison - den Brawn sehr bedauerte - haben ausschließlich Italiener das Zepter in der Hand. Hinter Marchionne und Arrivabene sind Mattia Binotto (Chassis) und Simone Resta (Motor) verantwortlich.

Laut Ecclestone geschichtlich betrachtet offenbar nicht die beste Kombination: "Als ich Jean Todt dazu brachte, nach Maranello zu gehen - was auch für Jean ein gewisses Risiko bedeutete - war es ein rein italienisches Team. Sie waren etwas besorgt, einen Ausländer aufzunehmen. Jetzt sind sie zurückgekehrt zu einem sehr italienischen Team. Und es funktioniert wie ein italienisches Team. Deshalb beneide ich Maurizio nicht um seinen Job. Ich würde ihn nicht machen wollen." Wie lange ihn Arrivabene wohl noch hat...


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