Formel 1 - Rückblick: Die Formel-1-Belgier

Durch Eau Rouge beim Heim-Grand-Prix

Einen Weltmeister aus Belgien gab es zwar noch nicht - dennoch brachte das Land schon bemerkenswerte Formel-1-Fahrer hervor.
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Motorsport-Magazin.com - Rennen vor heimischem Publikum sind für jeden Fahrer immer etwas ganz Besonderes. Zuhause sind viele von ihnen das entscheidende Zehntel schneller - egal ob es nun an alten Erinnerungen, den kulinarischen Spezialitäten oder dem enthusiastischen Publikum liegt. Doch wer durfte das Rennen in Spa-Francorchamps schon seinen Heim-Grand-Prix nennen? Motorsport-Magazin.com stellt drei belgische Formel-1-Fahrer vor.

Jacky Ickx

Der wohl bekannteste belgische Fahrer ist Sohn eines Motorsportjournalisten und startete seine Karriere im Alter 15 Jahren auf Motorrädern. Dort war er schnell erfolgreich - schon mit 16 konnte er europäische Meisterschaften für sich entscheiden. Es folgte der Wechsel in den Tourenwagensport und der Gewinn der belgischen Tourenwagenmeisterschaft.

Bei einem Rennen in Budapest konnte Ickx Ken Tyrrell so sehr beeindrucken, dass ihm für 1966 ein Formel-3-Cockpit angeboten wurde. Tyrell hatte ein gutes Gespür: Schon in seinem ersten Rennen in Monaco kämpfte sich Ickx im Regen von ganz hinten auf Platz drei nach vorne.

Jacky Ickx: Der wohl bekannteste belgische Formel 1 Pilot - Foto: Sutton

Es folgte ein schneller Wechsel in die Formel 2. Ein denkwürdiges Rennen lieferte Ickx 1967 am Nürburgring ab: Auf der Nordschleife traten Formel-1- und Formel-2-Fahrzeuge gemeinsam an. In der Qualifikation wurde Ickx sensationell Gesamtdritter, nur zwei Formel-1-Fahrzeuge waren schneller als er. Im Rennen musste er dennoch hinter dem Formel-1-Fahrerfeld in der Formel-2-Startgruppe losfahren - und war nach zwei Runden schon wieder Gesamt-Fünfter. Ein technischer Defekt hielt ihn von einem verdienten Top-Resultat ab.

Die Aufmerksamkeit der Teamchefs war ihm dennoch sicher. So kam es, dass der erst 22-Jährige nach Maranello eingeladen wurde. Ein Gespräch mit Enzo Ferrari und alles ging ganz schnell: Ickx hatte für die Saison 1968 ein Ferrari-Cockpit sicher.

Jacky Ickx fuhr ab 1968 für Ferrari - Foto: Sutton

Sein Debütjahr bei Ferrari lief hervorragend. Bei seinem Heim-Grand Prix in Spa qualifizierte er sich in der ersten Reihe und schon im fünften Rennen in Frankreich konnte er unter regnerischen Bedingungen seinen ersten Sieg einfahren. Drei Rennen vor Saisonende hatte Ickx sogar noch Titelchancen, brach sich dann aber bei einem Unfall beim Kanada-GP ein Bein und musste zwei Läufe pausieren.

Im Jahr 1969 wechselte Ickx zu Brabham. Er konnte einen dominanten Sieg am Nürburgring einfahren. Am Ende hatte er über einer Minute Vorsprung auf seinen größten Rivalen Jackie Stewart. Er beendete die Saison als Vizeweltmeister und ging zurück zu Ferrari.

In den beiden Folgejahren konnte er für Ferrari um Grand-Prix-Siege mitkämpfen, erlebte aber auch die tragischen Todesfälle von Fahrern wie Bruce McLaren, Jochen Rindt und Jo Siffert. Doch für Ickx gehörte das Risiko einfach zum Rennsport dazu. Er sorgte für Kontroversen, als er aus der Fahrergewerkschaft GPDA austrat, die sich für mehr Sicherheit im Motorsport einsetzte. Boykotte und Streiks von Fahrern bezeichnete er als unzivilisiert. Im Gegensatz zu vielen Kollegen sprach er sich auch gegen Umbaumaßnahmen am Nürburgring aus. Die alte Nordschleife war seine Lieblingsstrecke, sogar in unterlegenen Fahrzeugen konnte Ickx hier regelmäßig sensationelle Leistungen abrufen.

Nach sechs Jahren bei den Roten wechselte Ickx zu Lotus - Foto: Sutton

Nach seinen Jahren bei Ferrari wechselte Ickx 1974 zu Lotus. Von vielen technischen Problemen geplagt, konnte er nicht mehr an die Leistungen der Vorjahre anschließen. Er verließ Lotus schon Mitte 1975, wurde aber auch danach bei Williams und Ensign nicht glücklich. Zu seinen letzten, vereinzelten Formel-1-Einsätzen kam es in den Jahren 1977-1979. Das neue Fahrverhalten der Fahrzeuge mit dem Ground-Effect der Diffusoren sagte ihm einfach nicht zu.

Er beschloss, nur noch Sportwagen zu fahren. Schon in seiner Formel-1-Zeit, besonders bei Ferrari, war Ickx häufig in anderen Rennklassen unterwegs. Zur Legende wurde er in Le Mans - mit fünf Gesamtsiegen war er lange der erfolgreichste Fahrer beim 24-Stunden-Rennen an der Sarthe. Auch die Rally Dakar konnte er für sich entscheiden. Einen der bittersten Momente erlebte Ickx ausgerechnet auf seiner Heim-Strecke in Spa-Francorchamps. Im Jahr 1985 kollidierte er in der Eau Rouge mit Stefan Bellof, der an den Folgen des Unfalls verstarb. Die Schuldfrage des Unfalls wird bis heute kontrovers diskutiert.

Thierry Boutsen

Von 1983-1993 waren die belgischen Nationalfarben auf dem Helm von Thierry Boutsen in der Formel 1 vertreten. Seine Karriere startete 1977 mit dem Sieg eines Nachwuchswettbewerbes in einer belgischen Rennfahrerschule. Im Jahr 1978 konnte er dann sensationell 15 Siege in 18 Rennen der belgischen Formel Ford erringen und nahm auch am 24-Stunden-Rennen in Spa teil. Es war die letzte Ausgabe vor dem Umbau der damals noch 14 km langen Strecke.

Nach einigen Jahren im Sportwagensport begann Boutsen 1983 seine F1-Karriere. Sein Debüt fand beim Heim Grand Prix in Spa statt. In den folgenden drei Jahren blieb er bei Arrows - Highlight war ein zweiter Platz in Imola 1985. Im Jahr 1986 wurde er parallel zum Engagement in der Formel 1 in der Gruppe C Weltmeister. Bei Benetton fuhr Boutsen 1987 regelmäßig aufs Podium und überzeugte mit seiner gleichmäßigen Fahrweise auch Frank Williams, der ihn daraufhin für die nächsten zwei Jahre verpflichtete.

1983 begann seine Formel 1 Karriere: Thierry Boutsen - Foto: Sutton

Die Williams-Jahre sollten den Höhepunkt von Boutsens Formel-1-Karriere markieren. Er fuhr drei Grand-Prix-Siege und eine Pole Position ein und war damit sogar erfolgreicher als sein Teamkollege Ricardo Patrese. Dennoch musste Boutsen 1991 gehen und konnte sich nur ein Cockpit im Ligier sichern. Im französischen Team plagten ihn viele Probleme mit Zuverlässigkeit und Performance. Im Jahr 1993 fuhr Boutsen für Jordan, kam aber mit dem Fahrzeug alles andere als gut klar und beendete die Saison vorzeitig.

Nach seiner Formel-1-Karriere fuhr Boutsen noch bis 1999 in Le Mans, meistens bei Werksteams wie Porsche und Toyota. Nach seiner aktiven Motorsportkarriere baute er erfolgreich das Unternehmen Boutsen Aviation auf, mit dem er heute aus Monaco Privatjets verkauft. Dem Motorsport ist er als Teambesitzer in Markenpokalen und Nachwuchsrennserien treu geblieben.

Jerome D'Ambrosio

Der bis heute letzte Belgier in der Formel 1 war Jerome d'Ambrosio. Nach siegreichen Anfängen im Kartsport sicherte er sich einen Platz im Formel Renault 1,6 Liter Team von Thierry Boutsen. Über die Formel Renault 2 Liter und die Euroseries 3000 führte sein Weg in die Formula Master, in der er 2007 Meister wurde.

Von 2008 bis 2010 war d'Ambrosio in der GP2 am Start, konnte aber bis auf einen Sieg keine nennenswerten Resultate erzielen. Dennoch schaffte er 2010 den Sprung in die Formel 1, indem er bei Renault Ersatzfahrer wurde. Seine ersten Formel-1-Einsätze hatte er bei Marussia. In Singapur war er 2010 zum ersten Mal als Freitagstester tätig, im Jahr 2011 wurde er dann Marussia-Stammfahrer.

2011 war D'Ambrosio Stammfahrer bei Marussia - Foto: Sutton

Für 2012 konnte er sich keinen Stammplatz sichern und wurde von Lotus als dritter Fahrer verpflichtet. Sein Highlight war der Renneinsatz im Lotus in Monza. Romain Grosjean war wegen mehreren Zwischenfällen für ein Rennen gesperrt worden, d'Ambrosio konnte die Gelegenheit aber nicht nutzen, um zu überzeugen. Er landete im Rennen lediglich auf Rang 13.

Wie schon Thierry Boutsen und Jacky Ickx wechselte auch d'Ambrosio zu den Sportwagen und ist bis heute in der Blancpain Endurance Serie unterwegs. Seine Rückkehr in ein Formel-Fahrzeug wird er in der Formel E bestreiten, wo er für das US-Team Dragon Racing an den Start gehen wird.

Bis heute konnte noch kein Belgier seinen Heim-Grand-Prix gewinnen. Auch in diesem Jahr wird es nicht dazu kommen - kein Belgier wird bei 2014 in Spa am Start stehen.


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