Formel 1 - Blog - Formel 1 2014: Viel zu viele Nörgler

Nicht alles schlecht reden

Leise, langweilig, schlecht. Die neue Formel-1-Ära ist ja so böse! Oder etwa nicht? Motorsport-Magazin.com tritt den Gegenbeweis an.
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Motorsport-Magazin.com - Silverstone, 6. Juli 2014
Fernando Alonso: "Er hat DRS wegen der Streckenbegrenzung in der letzten Kurve bekommen. Er bekommt durch Turn 5 und aus Turn 9 DRS. Was muss ich noch machen?"
Sebastian Vettel: "Er hat es schon wieder getan! Er kann so etwas nicht machen! Wenn ich nicht aus dem Weg gegangen wäre, hätte er mich von der Strecke geschoben!"

Solche und noch viel mehr Funksprüche drangen Anfang Juli in die Wohnzimmer der Formel-1-Fans. Spannende Einblicke in die Cockpits der Superstars. Oder etwa doch Einblick in eines der dringendsten Probleme der modernen Königsklasse? Männer oder Memmen? High-Tech-Gladiatoren oder Funk-Heulsusen?

Pirelli-Boss Paul Hembery ist sich nicht ganz so sicher. Als ich ihm sage, wie interessant doch diese Einblicke für die Fans waren, bleibt er eher skeptisch. "Aus meiner Sicht war das sogar ein wenig negativ. Es klingt fast so, als ob sie sich etwas zu viel beklagen", verrät er Motorsport-Magazin.com seine Bedenken. "Das steigert dann den negativen Eindruck nur noch."

Trotz Mercedes-Dominanz gibt es jede Menge Spannung - Foto: Sutton

Und negative Eindrücke gibt es in dieser Saison rund um die Formel 1 viel zu viele. "Wenn das jemand sieht und hört", fährt Hembery fort, "denkt er sich, dass die Formel-1-Fahrer sich nur beschweren." Ein guter Punkt. Gerade zu Saisonbeginn jammerten, klagten und kritisierten die Verantwortlichen und Fahrer geradezu im Minutentakt. Vettel fand den neuen Motorensound "scheiße", seine Red-Bull-Vorgesetzten bekrittelten die neuen Regeln im Allgemeinen und Luca di Montezemolo ist sowieso in seinem Element, wenn er alles niedermachen kann, was der Scuderia Ferrari aktuell schadet...

Ich bevorzuge 22 glückliche Multimillionäre als Fahrer, die wahrscheinlich jedes Mädchen haben können, das sie möchten.
Paul Hembery

Sind die Formel 1 und ihr Umfeld in diesem Jahr also eine Gruppe an Nörglern und Jammerlappen? Hembery schmunzelt, schweigt und sagt dann: "Ich bevorzuge 22 glückliche Multimillionäre als Fahrer, die wahrscheinlich jedes Mädchen haben können, das sie möchten - oder eben jeden Jungen, man weiß ja nie..."

Wieder ein Punkt für Hembery. In anderen Sportarten oder Berufen ist die Kritik weniger ausgeprägt, erst recht wenn man den eigenen Sport oder das eigene Geschäft damit schädigen würde. "In der Formel 1 gab es in den vergangenen Jahren eine gewisse Tendenz, sich zu viel zu beklagen", sagt Hembery. "Wir sollten uns im Klaren darüber sein, dass wir nur ein Sport sind. Es gibt größere Probleme auf der Welt als unsere. Die Menschen sollen Spaß an der Formel 1 haben. Wir wollen ein Lächeln in die Gesichter der Fans zaubern."

Dreikampf im Rennen: Wann gab es das zuletzt? - Foto: Sutton

Das funktioniert mit spektakulärem Sport. Nicht mit übertriebenem Jammern. Doch das ist teilweise auch Ausdruck der modernen Welt, in der wir heute leben. Wer etwas mag, sagt nichts. Wer etwas nicht mag, schreit lauthals los. "So ist der Lauf der Welt heutzutage", stimmt Hembery zu. "Ganz besonders, da heute jeder seine Meinung schnell und oftmals anonym verbreiten kann."

Aus diesem Grund sollten die Beteiligten der unkontrollierten Kritik entgegenwirken, anstatt sie mit ihren eigennützigen Kommentaren noch zu verstärken. Sie sollten über die positiven Aspekte berichten, anstatt nur auf den Negativen herumzureiten. "Es ist schade, dass der gute Rennsport, den wir in diesem Jahr schon gesehen haben, nicht gewürdigt wird", betont Hembery. "Es gab fantastisches Racing in dieser Saison."

Es ist schade, dass der gute Rennsport, den wir in diesem Jahr schon gesehen haben, nicht gewürdigt wird.
Paul Hembery

Aber viele werden sich rückblickend nur an nebensächliche Dinge wie die leidige Sound-Diskussion erinnern. Ja, die neuen Power Units sind leiser. Ein einfacher Hörtest beim letzten Rennen vor der Sommerpause in Budapest erbrachte den Beweis: GP2, GP3, ja selbst der Porsche Supercup röhrten lauter an meinem Fensterplatz im Media Centre vorbei. Na und?

In jeder Lebenslage freuen wir uns, wenn Rasenmäher, Staubsauger oder Computer in der neuesten Version leiser funktionieren. Hohe Geräuschentwicklung wird da sogar als Negativkriterium angesehen. Warum ist dann in der Formel 1 leiser gleich schlechter? Weil irgendjemand mit der Jammerei angefangen hat und alle anderen darauf aufgesprungen sind? Packende Rennaction in Bahrain, Deutschland und Ungarn waren die beste Antwort darauf. Nur war diese für manche Dauernörgler wohl zu leise, um ihnen die Augen vor dem Fernseher zu öffnen...

Lesen Sie ein ausführliches Exklusiv-Interview mit Paul Hembery in der aktuellen Ausgabe des Motorsport-Magazins. Das Magazin ist ab sofort im Handel erhältlich oder gleich hier online bestellen.


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