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Formel 1 - Interview - Johnny Herbert: Mercedes-Verschwörung Schwachsinn

Lewis wäre auf Pole gewesen

Johnny Herbert spricht mit Motorsport-Magazin.com über das Qualifying in Ungarn, die erneuten Probleme von Lewis Hamilton und die wilden Verschwörungstheorien.
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Motorsport-Magazin.com - Es war wieder Lewis und es waren wieder Probleme an seinem Auto. Was sagst du dazu?
Johnny Herbert: Es tut mir leid für ihn. Es passierte zum wiederholten Male und es ist nicht schön, ein derartiges Problem zu haben. Und es ist noch viel schlimmer, wenn du deinen Teamkollegen auf P1 siehst. Ich weiß, bis zum Ende der WM ist es noch ein weiter Weg und es kann sich noch viel drehen, wenn Nico auch Probleme bekommt. Aber er war ein bisschen niedergeschlagen und seine Körperhaltung war gebückt, als er aus dem Auto stieg.

Es vermute, dass es wahrscheinlich ein Fehler eines Mechanikers oder Ingenieurs war.
Johnny Herbert

Ist seine Frustration zu verstehen?
Johnny Herbert: Es war nicht sein Fehler, denn er hat nichts falsch gemacht. Es war ein mechanisches Problem am Auto. Ja, es tut aufgrund der WM weh und der Tatsache, wie eng es ist. Es sind nur Nico und Lewis, die um den Titel kämpfen. Hinzu kommt, dass diese Strecke eine der schwierigsten, wenn nicht die schwierigste zum Überholen ist. Aber ich denke, er wird es in die Top-5 schaffen, vielleicht sogar auf das Podium. Auch in der ersten Kurve kann etwas passieren, vielleicht kommt auch noch Regen ins Spiel. Auf jeden Fall können sich die Dinge ändern. Aber natürlich ist ein Start von so weit hinten oder vielleicht aus der Boxengasse frustrierend. Das braucht große mentale Stärke und es ist manchmal schwierig, sie aufrecht zu erhalten. Die Motivation, die ein Rennfahrer haben muss, diese Motivation, die ihn an die Spitze der WM bringt und konstant schnelle Runden fahren lässt.

Lewis Hamiltons Mercedes brannte lichterloh - Foto: Sutton

Mercedes spricht von einem Benzin-Leck. Wie ärgerlich ist das für Lewis?
Johnny Herbert: Sie müssen es analysieren, aber es klang nach einem Benzinleck. Es vermute, dass es wahrscheinlich ein Fehler eines Mechanikers oder Ingenieurs war. Nun ist es aber passiert und es ist sehr wichtig, dass Lewis nun in sich geht, um sein Bestes zu geben und Nico nicht zu erlauben, seinen Vorsprung enorm zu vergrößern.

Du sprichst die mentale Seite an. Genau in diesem Bereich sehen viele die Schwäche von Lewis Hamilton. Du auch?
Johnny Herbert: Das finde ich sehr unfair. Ja, er ist sehr emotional und ja, er ist verärgert, wenn solche Dinge passieren. Aber so etwas ist schon öfter vorgekommen und er hat immer wieder zurückgeschlagen. Er lässt sich niemals einfach hängen - das habe ich in seiner Formel-1-Karriere noch niemals gesehen. Er steigt aus dem Auto und sagt: so ist es nun mal. Oder er sagt Dinge wie in Monaco, aber er schlägt immer zurück. Das ist meiner Meinung nach seine Stärke. Blickt man stattdessen auf Nico sieht er immer gleich aus, egal ob er einen guten oder einen schlechten Tag hat. Es gibt keine Veränderung. Bei Lewis sieht man das hingegen. Jeder Mensch ist anders. Auch Kimi Räikkönen sieht man seine Gemütslage nicht an. Er ist der Iceman und immer gleich, egal, ob er gewinnt oder als Letzter ins Ziel kommt - das ist manchmal komisch.

Er lässt sich niemals einfach hängen - das habe ich in seiner Formel-1-Karriere noch niemals gesehen.
Johnny Herbert

Wie gesagt, jeder Mensch ist anders und ich betrachte das bei Lewis nicht als Schwäche. Er ist hungrig und die Chance auf den Titel ist immer noch da - es ist noch nicht vorbei. Selbst wenn er einen Ausfall hat, was ich nicht erwarte. Denn das Auto ist so gut, er war an diesem Wochenende so schnell und in jeder einzelnen Session - mit Ausnahme des Qualifyings - vorne. Zudem ist er ein Ungarn-Experte. Ich bin sicher, er wäre auf Pole gewesen, aber das werden wir nie erfahren. Dann wäre er in der richtigen Position gewesen, um das Rennen zu gewinnen und die nötigen Punkte zu holen, um den Abstand wieder zu verkürzen. Es ist nicht schön, wenn du für etwas, war außerhalb deiner Kontrolle lag, einen Tritt in die Magengrube bekommst.

Lewis Hamilton musste alle Hoffnungen in Ungarn begraben - Foto: Sutton

Niki Lauda sagt, dass beide Piloten absolut gleiches Material zur Verfügung haben. Denkst du, alles bei Lewis ist wirklich nur Pech?
Johnny Herbert: Ja, das denke ich. Es gibt viele Verschwörungstheorien, dass Mercedes möchte, dass ein Deutscher gewinnt. Aber es gibt ja auch noch die wichtige Konstrukteurs-WM. Das entscheidende für mich ist, dass wir hier von Mercedes-Benz sprechen. Sie sind in der Formel 1, weil sie ein Auto haben, das sie verkaufen wollen. Und warum sollten sie ein Auto zerstören oder brennen lassen, wenn es einzig und allein darum geht, ihre Marke zu promoten und an der Spitze der Ingenieurswelt zu sein. Ich halte das für absoluten Schwachsinn, obwohl ich natürlich die Fans von Lewis oder auch der anderen Fahrer verstehen kann.

Er hätte einfach auf weichen Reifen nochmals rausgehen und eine Runde fahren sollen, dann wäre er sicher gewesen.
Herbert über Räikkönen

Auch die Fans von Kimi Räikkönen hatten heute keinen schönen Tag. War es sein Fehler oder der des Teams?
Johnny Herbert: Ich würde sagen beide hatten Schuld. Das Team dachte wahrscheinlich, dass es kein Problem sein sollte, vor den langsamen Teams zu bleiben, nachdem Lewis und Pastor draußen waren. Aber Kimi war auf den harten Reifen sehr viel langsamer und ohnehin schon weit hinten. Als Fahrer sollte man schauen und erkennen, dass es eng wird. Er hätte einfach auf weichen Reifen nochmals rausgehen und eine Runde fahren sollen, dann wäre er sicher gewesen. Warum immer versuchen, clever zu sein und einen Satz Reifen zu sparen? Das Risiko ist so hoch und schnell ist man hinten. Zudem verbessert sich hier die Strecke stetig und normalerweise sind die letzten Runden die schnellsten. Warum sich selbst in dieses Risiko begeben? Es ist schon öfter in der Vergangenheit passiert, dass Leute den Sprung in Q2 nicht geschafft haben, weil sie versucht haben, ein bisschen clever zu sein. Ich denke, ich hätte es gemacht - wobei es jetzt für mich einfach ist, das zu sagen.

Für Kimi Räikkönen war bereits in Q1 Feierabend - Foto: Sutton

Sein Gambling ist das eine, aber auch zuvor war er deutlich langsamer als Fernando auf den gleichen Reifen...
Johnny Herbert: Ja, das ist die Situation in diesem Jahr. Ich sehe es genauso. Wenn du diesen Unterschied siehst und wenn du dich mit den Jungs hinten vergleichst...aber sie dachten wohl, dass die Jungs da hinten keine Chance mehr haben würden, einen Ferrari auf harten Reifen zu schlagen. Bianchi hat es am Ende der Session hinbekommen, weil er einer der letzten auf der Strecke war und die halbe Sekunde gefunden hat, von der sie dachten, er würde es nicht schaffen. Ich sage das mit der Erfahrung, die ich aus meiner Karriere habe. Und Kimi hat die gleiche Erfahrung, denn seine Karriere ist noch länger als meine. Es ist auch kein schönes Gefühl für ihn, den Unterschied zwischen ihm und Fernando auf den gleichen Reifen zu sehen, aber das ist die schlimme Situation, in der er jetzt einfach ist. Das wäre mit einem weiteren Run auf weichen Reifen einfach zu verhindern gewesen.


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