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Formel 1 - Marussia: Leben & Kämpfen am Ende des Grid

Eine eigene Welt

Podiums, Siegerchampagner, WM-Titel - all das ist für Marussia unerreichbar. Das Team von Jules Bianchi und Max Chilton fährt in einer eigenen Welt.

Motorsport-Magazin.com - Monaco. Ausgerechnet in der Glitzer- und Glamourwelt der Schönen und Reichen gelang Marussia der größte Erfolg der Teamgeschichte. Beim 83. Grand-Prix-Start seines Teams erzielte Jules Bianchi als Neunter die ersten beiden WM-Punkte für seine Mannschaft.

"Wir haben das etwas ausgekostet, aber dann mussten wir gleich weiterarbeiten", sagt er im Gespräch mit Motorsport-Magazin.com. "In der Formel 1 gibt es keine Zeit, um sich auszuruhen." Schon gar nicht am Ende des Feldes. Denn auch dort tobt ein harter Kampf, nicht nur um WM-Zähler, sondern ums nackte Überleben.

Statt Mercedes, Red Bull und Ferrari heißen die Kontrahenten Marussia und Caterham. "Für uns ist es am wichtigsten, dass wir am Saisonende vor ihnen liegen", betont Ferrar-Protegé Bianchi. Mit Sauber rückte in den vergangenen Rennen noch ein weiteres Team in greifbare Nähe für die Schwarz-Roten. "Aber gegen sie wird es viel schwieriger."

Duell mit sich selbst

Marussia und Caterham fahren ihr eigenes Rennen - Foto: Sutton

Bianchi und seinen Teamkollegen Max Chilton erwartete nach dem Einstieg in die Formel 1 eine große Umstellung - nicht mit Blick auf das Auto, die Regeln und die Medien. Beide mussten sich daran gewöhnen, dass sie nun in ihrer eigenen kleinen Welt am Ende des Starterfelds fahren. Bis dahin waren sie Spitzenfahrer in diversen Nachwuchsserien, seit sie in der Königsklasse fahren, mussten sie sich von Topergebnissen verabschieden.

Klar, manchmal ist das wirklich frustrierend.
Jules Bianchi

"Es ist ein komisches Gefühl, wenn man Rennen gewonnen hat und plötzlich am Ende des Feldes fährt", gesteht Chilton gegenüber Motorsport-Magazin.com. Mit seinem Wechsel aus der GP2 in die Formel 1 veränderten sich für ihn die Perspektiven. "Es geht jetzt darum, das Beste aus dem Auto herauszuholen und nicht mehr darum, vorne mitzukämpfen - das ist unmöglich für uns. Wenn ich meinen Teamkollegen schlagen kann, ist das für mich wie eine Pole Position."

Auch Bianchi gesteht: "Klar, manchmal ist das wirklich frustrierend." Gerade weil viele seiner früheren Konkurrenten aus der World Series by Renault nun in besseren Autos weit vor ihm fahren. "Ich möchte mich jetzt nicht hier hinstellen und sagen, dass ich der beste Fahrer im Feld bin", sagt der Franzose. "Aber wenn du siehst, dass Fahrer wie Ricciardo oder Magnussen, gegen die du in anderen Rennserien gefahren bist, Topergebnisse erzielen und du eigentlich mindestens auf dem gleichen Niveau wie sie bist, dann ist das schon frustrierend."

Der Chilton Style

Max Chilton fiel nur einmal aus - Foto: Sutton

Chilton mag keine Podestplätze einfahren, dafür erarbeitete er sich mit seiner Konstanz ein gewisses Ansehen im Formel-1-Fahrerlager. Bis zum Großen Preis von Kanada in diesem Jahr kam er bei allen seinen GP-Starts ins Ziel - ein neuer Rekord, der ausgerechnet durch eine Kollision mit seinem Teamkollegen beendet wurde.

Der Brite erklärt seine Serie mit einer durchdachten Herangehensweise. "Das bedeutet ja nicht, dass ich riskante Manöver komplett vermeide", betont Chilton. "Es ist nicht so, dass ich nie überhole. Ich wäge jedoch das Risiko sehr genau ab."

Dabei gibt er zu, dass diese Taktik vielleicht in jeder Situation die beste sein möge. "Vielleicht hätte ein anderer Fahrer mit einem Manöver einen Platz gewonnen, aber langfristig zahlt sich mein Weg mehr aus", erklärt er seine Philosophie. "Nur wer am Ende immer da ist, erhält auch mehr Gelegenheiten, ein gutes Resultat mitzunehmen."

Kampf ums Überleben

Jules Bianchi holte die ersten WM-Punkte für sein Team - Foto: Sutton

Wie viele Teams im Paddock kämpft auch Marussia seit der Gründung um die nötige Finanzierung. Das Team wurde unter der Prämisse in die Formel 1 gelockt, dass eine Budgetobergrenze von 30 Millionen in Kraft treten würde. Damals trat die Mannschaft rund um John Booth noch als Virgin Racing an.

Man muss schauen, dass der gesamte Sport wächst und nicht nur einzelne Teams.
Graeme Lowdon

Seitdem hat sich nicht nur an den Besitzverhältnissen des Teams viel verändert. Das größte Problem ist, dass die von Max Mosley propagierte Budgetgrenze niemals eingeführt wurde - und alle weiteren Versuche, die Kosten zu senken oder zu deckeln bis heute scheiterten. "Man muss schauen, dass der gesamte Sport wächst und nicht nur einzelne Teams", betont Sportdirektor Graeme Lowdon, der mit seinem Team natürlich für eine Budgetgrenze ist. "Die Formel 1 benötigt jetzt strategisches Denken und kein kurzsichtiges Kalkül."

Sollte es zu keiner Kostensenkung kommen, sieht Lowdon nicht nur viele Teams, sondern auch das Interesse der Fans in Gefahr. "Dieser Sport hat Jim Clark und Ayrton Senna verloren, aber es ging immer weiter", erinnert er sich im Interview mit Motorsport-Magazin.com. "Das sagt uns, dass es sich unser Sport nicht leisten kann, die Fans zu verlieren, ohne die es keine Formel 1 gibt. Wir müssen sicherstellen, dass die Zuschauer den tollen Sport geboten bekommen, den wir alle lieben."


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