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Formel 1 - Interview - Danner spricht Klartext: Eine Beleidigung

Rosberg hat Hamilton komplett in die Wüste geschickt

Christian Danner spricht Klartext bei Motorsport-Magazin.com: Nico Rosberg hat in Kanada einfach schneller reagiert als Lewis Hamilton.
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Motorsport-Magazin.com - Eigentlich haben wir es schon immer gewusst, der Kanada GP hat es bestätigt: Die neue Formel 1 ist toll, das war ein überragendes Rennen, oder?
Christian Danner: Das war super! Es gab Dramen, Unfälle - typisch Kanada eben.

Das Thema des Rennens: Hat Nico Rosberg den Mercedes nur ins Ziel bringen können, weil er dieses technische Verständnis hat? Hätte es Lewis Hamilton auch schaffen können?
Christian Danner: Ich glaube, das hat mit technischem Verständnis nicht so viel zu tun. Das hat vielmehr damit zu tun, dass Nico als Erster verstanden hat: Ich muss es irgendwie schaffen, die Bremsbalance zu verstellen. Und zwar nicht erst in zwei Runden, sondern sofort. Man kann das auch technisches Verständnis nennen, aber für mich war Nico ganz klar derjenige, der verstanden hat, was Sache ist. Derjenige, der es nicht verstanden hat, war Lewis. Toto Wolff hat später gesagt, dass es Glück war. Das glaube ich nicht, weil die Probleme, die beide hatten, sich ein bisschen angekündigt haben. Als das MGU-K tatsächlich weg war, hat Nico sofort alles richtig gemacht, alles nachjustiert und seinen Fahrstil geändert. Irgendwann lief das Auto auch wieder ganz ordentlich.

Es war eine Beleidigung für die anderen, wie gut das Auto noch ging.
Christian Danner

Ganz ordentlich ist gut. Rosberg hat noch den zweiten Platz nach Hause gefahren - unglaublich, oder?
Christian Danner: Es war eine Beleidigung für die anderen, wie gut das Auto noch ging. Das bisschen Bremsbalance verstellen, ein bisschen ERS-H-Energie zur MGU-K schaffen hin oder her. Rosberg ist fast das halbe Rennen ausschließlich mit dem Verbrennungsmotor gefahren und hätte das Rennen um ein Haar gewonnen. Das war eine Ohrfeige für alle anderen Motorenhersteller. Daran sieht man, wie viel Reserven sie haben. Er fährt ohne ERS-K mit 160 PS weniger auf der Kette und fährt noch 1:19er Zeiten. Da stimmt schon irgendetwas am Verbrennungsmotor so richtig! Der Motor muss sowas von überlegen sein. Adrian Newey war fassungslos!

Es wird immer gesagt, es gibt bei den Piloten ein Limit, ab dem es zur Stallorder kommt. Allerdings gibt es nicht nur ein fahrerisches Limit, sondern auch ein technisches Limit. Könnte man nicht sagen, man fährt die Technik auf beiden Seiten ein bisschen runter und gibt nicht die volle Leistung frei, dann können sie immer noch ihr Rennen fahren, das Risiko der technischen Defekte wird geringer und gewinnen tun sie eh noch?
Christian Danner: Das ist theoretisch völlig richtig, aber: Ich bin mir zu einhundert Prozent sicher, dass die beiden Mercedes immer nur mit so viel Leistung fahren, wie irgendwie nötig ist. Das heißt, sie fahren jetzt schon so. Der Witz ist, dass beide das machen müssen. Wenn sich der eine daran hält und der andere nicht, dann gibt es ein Problem. Deswegen war Lauda in Barcelona auch auf Hamilton so sauer. Das machen sie jetzt schon. Und das hat Kanada ganz klar gezeigt.

Meiner Meinung nach hat Mercedes bei der Entwicklung nicht einfach losgelegt und am Ende alles zusammengestückelt, sondern sie haben zuerst den Verbrennungsmotor leistungs- und spriteffizient gemacht.
Christian Danner

Woher kommt denn der riesige Mercedes-Vorteil? Ist es nur die Leistung?
Christian Danner: Nein, das wäre zu einfach gesagt. Es ist nicht nur die Leistung, die am Ende raus kommt. Wenn der Mercedes-Motor vielleicht 20 PS mehr hat, dann ist das noch nicht der alles entscheidende Faktor. Dieser Match-Winner ist es, dass der Turbomotor, den sie gebaut haben, von unten nach oben ganz sauber beschleunigt - ohne irgendwelche Probleme. Das ist deshalb so schwierig, weil ERS-H mitläuft und somit der Abgasgegendruck steigt. Meiner Meinung nach hat Mercedes bei der Entwicklung nicht einfach losgelegt und am Ende alles zusammengestückelt, sondern sie haben zuerst den Verbrennungsmotor leistungs- und spriteffizient gemacht. Als der komplett super war und alles gepasst hat, erst dann haben sie die Elektro-Teile integriert. Deshalb, so denke ich, haben sie den Vorsprung. Die anderen haben sich gedacht: Machen wir da ein Kabel, da ein Ablassventil und haben sich verrannt.

Vor dem Rennen kam das Thema Datenaustausch auf. Beide Fahrer können die Daten des Teamkollegen einsehen. War das bei Ihnen auch so?
Christian Danner: Sagen wir es so: Das, was Mercedes macht, ist einmalig. Man darf nicht vergessen, dass der Wettbewerb zwischen Teamkollegen immer da ist. Man will immer die besseren Teile oder einen Vorteil bei der Strategie oder irgendetwas. Bei Mercedes ist glasklar: Einer von beiden wird Weltmeister. Da gehört schon etwas dazu, dass Niki Lauda sagt, dass sie ihr Rennen fahren dürfen. Das finde ich überragend!

Das, was Mercedes macht, ist einmalig. Man darf nicht vergessen, dass der Wettbewerb zwischen Teamkollegen immer da ist.
Christian Danner

Sie waren in Kanada alle am Spritlimit. Der Ferrari ein bisschen mehr, der Renault in der Mitte, der Mercedes etwas weniger, aber am Limit waren sie alle. Jetzt ist es im Mittelfeld relativ egal, das kann man sich schon einteilen. Aber bei den beiden an der Spitze ist es unglaublich schwierig, eine Ordnung zu schaffen. Mann kann nicht beiden sagen, sie sollen die ganze Zeit 'lift and coast' fahren, denn wenn der eine zwei Runden ohne fährt, dann überholt er und es stimmt die Taktik nicht mehr. Das ist alles sehr verzwickt. Deswegen bewundere ich die prinzipielle Einstellung umso mehr. Und man sieht es, dass die beiden das tatsächlich auf der Strecke ausmachen.

Profitiert Lewis Hamilton davon, dass sich Nico Rosberg stundenlang mit den Ingenieuren zusammensetzt?
Christian Danner: Ja, aber damit muss man leben. Und außerdem kann es auch einmal andersherum sein. Man verbaut sich auch ab und zu und dann ist man froh, wenn man auf die Daten des anderen zugreifen kann. Das klingt zwar sehr spektakulär, aber das ist nicht so bitter.

Rosberg hat sich in Monaco glücklich verbremst, hat in Kanada hart dagegengehalten. Emanzipiert sich Rosberg gerade?
Christian Danner: Ich glaube, dass entscheidende ist, dass Nico dem Lewis gerade den Schneid abkauft. Das hätten ihm so nur wenige zugetraut. Rosberg ist jetzt ein anderer. Das sieht man an den ersten Kurven: In Bahrain ist er auf die Seite gefahren und hat einen Unfall vermieden. Hier hat er Lewis komplett in die Wüste geschickt. Das ist schon ein anderer Rosberg, als wir ihn am Anfang des Jahres gesehen haben. Darin liegt die Stärke von Nico, nicht nur, dass er das Setup besser macht. Seine Stärke liegt darin, dass er seine Latte kontinuierlich höher legen kann. Selbst im Qualifying, wo Lewis wahnsinnig schwer zu schlagen war, selbst da kriegt er es hin.

Danner ist sich sicher: Rosberg hat sich entwickelt - Foto: Sutton/adrivo

Niki Lauda sagt es oft genug: Es gibt keinen netten Weltmeister. Muss man im Kampf um die Weltmeisterschaft vom good guy zum bad guy werden?
Christian Danner: Na klar. Aber man kann das machen, indem man die beleidigte Leberwurst gibt und wie ein Rohrspatz in der Gegen rumschimpft oder man löst es etwas eleganter. Eleganter lösen ist genau das, was Nico gerade dabei ist zu machen. Aber das ist noch lange nicht entschieden und wir dürfen nicht vergessen: Dieser Hamilton ist schon eine richtige Hausnummer! Der ist als junger Fahrer zu McLaren gekommen und hat Alonso rasiert. Das ist ein Mann der Extraklasse. Da muss man sich nicht nur auf seine Stärken besinnen, sondern man muss auch versuchen, die Möglichkeiten abzustellen, wo dir der anderen irgendwo an den Karren fahren kann. Wenn das heißt, dass ich ein bisschen härter fahren muss, dann gehört das eben auch dazu. Das sehe ich bei Nico schon.

Schrecksekunde in Montreal - Foto: Sutton

Noch ein Wort zum Zwischenfall Massa gegen Perez. Wer war schuld?
Christian Danner: So wie ich das gesehen habe, lag die Schuld bei Felipe Massa. Und zwar aus zwei Gründen: Erstens fährt man nicht mit einem solchen Überschuss in den Gegner rein. Zweitens: Wenn man jemanden überholen will, dann sollte man ihm etwas Platz lassen. Und wenn er ihn nicht überholen wollte, dann war er ohnehin zu schnell, dann wäre er spätestens in der Kurve im Seitenkasten gesteckt. Für mich ist also nach wie vor Massa der Schuldige. Wobei ich die Daten der Kommissare nicht zur Verfügung habe.

Aber Perez ist nicht mehr auf der normalen Rennlinie geblieben...
Christian Danner: Ja, aber Ich hätte einen gewissen Sicherheitsabstand gelassen. . . Gerade bei Perez! Massa war derjenige, der den Unfall hätte vermeiden können. Ich sage nicht, dass die Stewards falsch liegen, sie haben die Telemetriedaten zur Verfügung und werden sich das genau angeschaut haben. Aber aus meiner Sicht war Massa der Hauptverantwortliche. Aber Gott sei Dank ist nichts passiert.


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