Formel 1 - Interview - Nick Chester: Chaosrennen als große Chance

Lösung für Bremsproblem essenziell

Vor dem Montreal-Wochenende verrät Lotus-Ingenieur Nick Chester die Problemzonen des E22, die Pläne für das Rennen und lobt die Ruhe seiner Piloten.

Motorsport-Magazin.com - Sollte Kanada dem E22 liegen?
Nick Chester: Wahrscheinlich wird die Strecke für uns eher knifflig. Auf der einen Seite haben wir die soften und supersoften Reifen, die uns besser liegen. Auf der anderen Seite dürfte uns die extrem lange Gerade in Montreal sicher nicht entgegenkommen. Außerdem gibt es starke Bremszonen, wo wir in dieser Saison leider schon des Öfteren unsere Probleme hatten. Für den E22 wird es sich also die Waage halten zwischen einer guten Performance auf den weichen Reifen abzuliefern und dafür auf der anderen Seite hinsichtlich Antriebskraft und Bremsleistung zurückzuliegen. Wir arbeiten aber natürlich fieberhaft daran, die Defizite vor unserer Abreise noch so weit wie möglich zu minimieren.

In Kanada gibt es starke Bremszonen, wo wir in dieser Saison leider schon des Öfteren unsere Probleme hatten
Nick Chester

Erzählen Sie uns doch mehr von den Bremsproblemen...
Nick Chester: Durch die langen Geraden, die zudem in extremen Bremspunkten und sehr langsamen Kurven enden, ist die Bremsleistung der Autos in Kanada essenziell wichtig. Offensichtlich ist es in diesem Jahr mit all den Energierückgewinnungssystemen so, dass man durch Eistellungsoptimierung an den Autos eine Menge an Leistung herausholen kann. Es ist auch hinsichtlich der Bremseinstellungen extrem wichtig, eine perfekte Einstellung zu finden, und genau darauf konzentrieren wir uns. Für Freitag haben wir schon einige Dinge zum Testen, die hoffentlich auch anschlagen.

Warum hatte der E22 derartige Probleme in Monaco?
Nick Chester: Um ehrlich zu sein hatten wir erwartet, in Monaco sehr schnell zu sein. Grundsätzlich kann man festhalten, dass wir jedoch in den langsamen Kurven einfach nicht bei der Musik waren. Es ist einfach so, dass wir hinsichtlich des mechanischen Grips momentan noch zurückhängen, was womöglich mit unserer Radaufhängung zusammenhängt - vor allem, wie sich das Auto beim Überfahren von Kerbs und Bodenwellen verhält. Wir arbeiten bereits fieberhaft an einer Lösung und werden in Kanada hoffentlich sehen, ob wir mit unserer Entwicklung in die richtige Richtung gehen.

Wie groß ist die Rolle der Aerodynamik in den langsamen Kurven
Nick Chester: Auch in langsamen Kurven muss das Auto noch immer ein gewisses Level an Anpressdruck generieren. Auch wenn man es natürlich nicht im gleichen Maße spürt wie in den mittelschnellen und schnellen Kurven, spielt der Anpressdruck auch dort eine Rolle. Jedoch sind die Gegebenheiten, in denen das Auto dann in langsamen Kurven operiert, gänzlich anders. Zum Beispiel ist die tatsächliche Fahrhöhe des Autos anders, genauso wie die Steuerung oder auch der Scherwinkel. Dies kann bedeuten, dass du zum Beispiel in langsamen Kurven von der sowieso schon geringen Downforce einiges noch verlierst, du dann aber in mittelschnellen und schnellen Kurven dafür wieder einen Vorteil hast. Es geht immer um den Kompromiss, aber bisher haben wir den noch nicht so ganz hinbekommen. In langsamen Kurven kannst du in vielen Bereichen Zeit verlieren, aber glauben Sie mir: Wir schauen danach.

In den langsamen Kurven Monacos verlor Lotus mächtig an Boden - Foto: Sutton

Hat das Wetter in Monaco auch eine Rolle gespielt?
Nick Chester: Am Renntag selbst war es zwar ein wenig kühler, als zuvor, jedoch war vor allem die Streckentemperatur während des Qualifyings wirklich sehr gut - und auch da waren wir nicht schnell. Ich denke also nicht, dass das Wetter irgendetwas mit unseren Schwierigkeiten zu tun hatte.

Was passierte mit Pastors Auto?
Nick Chester: Die Benzinpumpe ist ausgefallen. Auf dem Weg zur Startaufstellung hat sie noch normal funktioniert, aber als das Auto dann erneut gezündet werden sollte, stoppte die Pumpe einfach ohne Vorwarnung. Wir sind noch immer an der Nachuntersuchung, um das Problem absolut sicher zu identifizieren, aber wir sind uns eigentlich schon ziemlich im Klaren darüber, woran es lag. Soviel kann ich verraten: Es hatte nichts mit der Power Unit zu tun.

Welche neuen Teile haben Sie für Montreal geplant?
Nick Chester: Wir haben ein neues Paket für mittlere Downforce und auch einige neue mechanische Teile, von denen eines hoffentlich den Grip des Chassis' erhöht. Wir haben auch noch ein kleines Update für unser Kühlsystem, was uns zudem ebenfalls ein wenig mehr Anpressdruck geben sollte.

Um ehrlich zu sein sind unsere Fahrer beider erfahren genug, ihre Leistung nicht von irgendwelchen Frustrationen beeinflussen zu lassen
Nick Chester

Wie sieht es eigentlich bei der Power Unit aus?
Nick Chester: Wir werden wie auch in Monaco mit der neuesten Generation von Total-Treibstoff fahren. Verbesserungen hinsichtlich der Motorleistung werden also hauptsächlich daher rühren, das Mapping so einzustellen, dass die Autos die maximale Energie aus dem Sprit extrahieren können. Über das Mapping haben wir während der Saison nun schon gewaltige Fortschritte erzielt.

Wie gehen Sie mit dem Frust der Fahrer hinsichtlich technischer Defekte um?
Nick Chester: Um ehrlich zu sein sind unsere Fahrer beider erfahren genug, ihre Leistung nicht von irgendwelchen Frustrationen beeinflussen zu lassen. Sowohl Romain haben sich bisher wie erwartet äußerst professionell verhalten und es ist ganz klar zu sehen, dass sowohl das Team als auch die Zulieferer alle an einem Strang ziehen. Pastor hatte in dieser Saison nun bereits zwei Rennen, in denen er nicht einmal starten konnte, was für ein Fahrer wohl so ziemlich das Schlimmste ist, was es überhaupt gibt. Seine Einstellung und sein Kampfgeist waren und sind jedoch vorbildlich. Gleiches gilt aber natürlich auch für Romain. Seine Leistung in sämtlichen Rennen war schlicht fantastisch, vor allem wenn man bedenkt, wie wenig er während der Tests und zu Saisonbeginn gefahren ist.

Historisch betrachtet war Kanada schon immer ein Rennen, das mit vielen Überraschungen aufwartete. Sollte es in diesem Jahr auch wieder unvorhersehbare Wendungen geben - sehen Sie Romain und Pastor in einer Position, davon profitieren zu können?

Nick Chester: Ja, und das ist sogar unser Plan. In Montreal spielen einfach so viele Dinge eine Rolle, wie etwa Regen, Zuverlässigkeit und Rennunfälle. Mit Romain und Pastor haben wir genau zwei der Fahrer in unserem Team, die aus solchen Situationen das Maximum herausholen können. Jedoch hoffen wir natürlich, auch ohne besondere Umstände in der Lage zu sein, um viele Punkte zu kämpfen.


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