Tipp

Formel 1 - Das Rosberg-Manöver in der Analyse

Hamilton war auf Pole-Kurs

Es war die Szene des Samstags: Nico Rosberg sorgt in den letzten Sekunden für gelb, schnelle Zeiten sind nicht mehr möglich. Motorsport-Magazin.com analysiert.
von

Motorsport-Magazin.com - Es ist Feuer im Duell zwischen Lewis Hamilton und Nico Rosberg. Seitdem klar scheint, dass der Weltmeistertitel nur zwischen den beiden Mercedes-Piloten ausgemacht wird, herrscht Psychokrieg zwischen den einst so guten Freunden. Nach den verbalen Spielchen Hamiltons gab Rosberg nun die Antwort auf der Strecke - oder besser gesagt in der Auslaufzone. Motorsport-Magazin.com analysiert die Szene.

Was ist passiert?

Das letzte Qualifikations-Segment läuft. Alle Piloten haben bereits ihr erste schnelle Zeit auf den Supersofts gesetzt, nun steht der finale Schlagabtausch an. Im ersten Versuch war Rosberg mit 1:15.989 Minuten um 59 Tausendstelsekunden schneller als Hamilton. Ricciardo als erstem Verfolger fehlten bereits vier Zehntel - es ist also wieder nur ein Duell der beiden Mercedes-Piloten um die Pole Position.

Nico Rosberg hat gut Lachen - Lewis Hamilton weniger - Foto: Sutton

Rosberg eröffnet die Jagd auf die vielleicht entscheidenden Tausendstel. Im ersten Sektor verliert der Deutsche etwas auf seine persönliche und gleichzeitig absolute Bestzeit. Mit 19,950 Sekunden fehlen ihm 0,124 Sekunden. Wenige Meter später ist das aber zweitranging: Rosberg steht in der Auslaufzone der Mirabeau, also der ersten Kurve nach der Zwischenzeitnahme. 33 Sekunden sind in diesem Moment noch auf der Uhr. Somit ist klar: Alle Piloten, die nach Rosberg auf ihre letzte schnelle Runde gegangen sind, dürfen sich wegen der Gelb-Phase nicht verbessern.

Die Leidtragenden

Pech hatten all jene, die nach Rosberg über die Linie kamen und ihre Zeit noch einmal verbessern wollten. Das waren in dieser Reihenfolge: Jean-Eric Vergne, Sebastian Vettel, Daniil Kvyat und Lewis Hamilton. Beide Toro-Rosso-Piloten beklagten sich nach dem Qualifying: "Als ich auf den Option-Reifen auf meine letzte Runde ging, musste ich den Run wegen der gelben Flagge abbrechen", so Kvyat. "Das ist frustrierend, weil man auf dieser Strecke nicht gut überholen kann." Alle vier konnten sich folgerichtig nicht mehr verbessern.

Hätte Hamilton die Pole geholt?

Vettel hin, Vergne und Kvyat her: Was wirklich interessiert, ist das Duell an der Spitze. Hätte Hamilton Rosberg im letzten Versuch noch schlagen können? Im Endeffekt sind es Spekulationen, doch in Anbetracht der Tatsachen kristallisiert sich zumindest der Trend oder eine Wahrscheinlichkeit heraus.

Die absolute Bestzeit im ersten Sektor stellte Rosberg in seiner Pole-Runde auf. 19,826 Sekunden benötigte er für den ersten Streckenabschnitt. Der erste Sektor ist auch die letzte repräsentative Zeit von Lewis Hamilton. Auf den ersten Blick sieht es nicht unbedingt so aus, als hätte Hamilton auf Pole-Kurs gelegen. Mit 19,906 war der Brite genau acht hundertstel Sekunden langsamer als Rosberg.

Sektor 1Sektor 2Sektor 3
Hamiltons P2-Runde19.97335.14020.935
Rosbergs Pole-Runde19.82635.24120.922
Hamiltons letzter Versuch19.906--
Rosbergs letzter Versuch19.950--

Doch das ist nur die halbe Wahrheit: Denn im Vergleich zu seinem persönlichen Sektorbestzeit hat sich Hamilton verbessert. 19,973 ließ er bis dato an dieser Stelle notieren. Eine Verbesserung von 0,067 Sekunden klingt nicht spektakulär, hätte aber zur Pole Position gereicht. Außerdem zeigte schon die Donnerstags-Analyse von Motorsport-Magazin.com, dass Rosberg im ersten Sektor Zeit gewinnt, Hamilton hingegen im Mittelsektor.

Dieser Trend setzte sich auch am Samstag fort. Denn im direkten Vergleich fuhr Hamilton hier um 0,101 Sekunden schneller als Rosberg. Keine Momentaufnahme, sondern ein klarer Trend. Im letzten Sektor hingegen sind beide nahezu gleichauf. Was noch für Hamilton spricht: "Die Strecke hat sich verbessert", erklärte Sebastian Vettel.

Fazit: Mit Sicherheit lässt sich diese Aussage nicht treffen, doch die Wahrscheinlichkeit, dass Hamilton Rosbergs Zeit unterboten hätte, war groß.

Das sagen die Beteiligten

Nico Rosberg: Ich bin zu Beginn des Q3 eine richtig gute erste Rundenzeit gefahren, aber Lewis war sehr nah an mir dran. Also habe ich es noch einmal versucht und dabei etwas mehr attackiert. Leider war ich dabei ein bisschen zu sehr über dem Limit. Die Hinterräder blockierten und dann kam ich auf dem welligen Bergab-Stück kurz vor Kurve fünf von der Linie ab. Das ist nicht die Art und Weise, wie ich eine Pole Position holen will. Am Ende mindert das die Freude. Trotzdem: Erster ist Erster.

Ich finde die Art und Weise, wie Senna damit umgegangenen ist, ziemlich gut. Vielleicht sollte ich mir davon eine Scheibe abschneiden.
Lewis Hamilton

Lewis Hamilton: Es waren nur ein paar Hundertstel, so läuft es manchmal einfach. Ich weiß nicht, ob sich Senna und Prost hingesetzt und sich ausgesprochen haben. Ich finde die Art und Weise, wie Senna damit umgegangenen ist, ziemlich gut. Vielleicht sollte ich mir davon eine Scheibe abschneiden.

So urteilten die Stewards

Rosberg machte ein paar etwas eigenartig anmutende Lenkbewegungen, bevor er dann schließlich Richtung Auslaufzone abbog. Für die Stewards Grund genug, sich den Vorfall noch einmal im Detail anzusehen. Rosberg hatte davor keine Angst: "Die Telemetriedaten zeigen, dass ich nicht viel anders gemacht habe als in der Runde zuvor."

Im Gegensatz zum Jahr 2006, als Michael Schumacher seinen Ferrari in Rascasse parkte, ließen sich die Stewards bei Rosberg nicht so viel Zeit mit ihrer Entscheidung. Um 18:17 Uhr gaben die Stewards of the Meeting Paul Gutjahr, Jose Abed, Derek Warwick und Christian Calmes bekannt, dass nach Einsicht der Telemetriedaten und nach genauer Analyse der Videoaufzeichnungen keine Absicht festgestellt werden konnte.

Das sagen die Experten

Niki Lauda: Unterstellungen sind Quatsch. Nico hat sich einfach verbremst. Das Vorderrad hat blockiert und er ist geradeaus gefahren.

Wäre es Absicht gewesen, würde ich aber auch sagen: Clever gemacht. Das war schon gut so.
Gerhard Berger

Nico Hülkenberg: Es war ein Fehler. Das sind alles Spekulationen, wichtig ist, dass er die Pole hat, das spricht für sich selbst. Lewis redet sich ein bisschen raus. Die gelbe Flagge heißt nicht, dass er die Runde abbrechen muss, sondern nur, dass er ein Zeichen setzen muss, dass er sie respektiert. Er hätte 5 Meter früher bremsen und die Runde danach dennoch attackieren und zu Ende fahren können. Ich verstehe seinen Unmut nicht ganz.

Gerhard Berger: Nico ist hier immer eine Klasse für sich. Er hätte sicher auch noch zugelegt ohne den Fehler - ein verdienter erster Platz. Lewis wird noch motivierter sein. Wäre es Absicht gewesen, würde ich aber auch sagen: Clever gemacht. Das war schon gut so.


Weitere Inhalte:

Facebook
Wir suchen Mitarbeiter
x