Formel 1 - Die Karriere des Ayrton Senna

Der Mann mit dem gelben Helm

Ayrton Senna schied vor 20 Jahren aus dem Leben. Motorsport-Magazin.com blickt auf die Karriere des brasilianischen Ausnahmepiloten zurück.
von

Motorsport-Magazin.com - "Eines Tages wollte der liebe Gott den perfekten Rennfahrer erschaffen. Er legte ihm alles in die Wiege: Talent, Mut, übernatürliche Reflexe, Egoismus, Ehrgeiz, Rücksichtslosigkeit, hohe Intelligenz, Instinkt, Weitblick, Intuition, Ausdauer, Leidensfähigkeit, Biss, Härte, List, Tücke, technischen Spürsinn, Sensibilität, Askese und Charisma", schrieb ein Journalistenkollege einmal. "Und dann nannte er ihn Senna."

Dieses Jahr jährt sich der Tod von Ayrton Senna da Silva am 1. Mai bereits zum zwanzigsten Mal. Doch die grün-gelben Brasilien-Fahnen mit dem Konterfei der Rennlegende hören an den Strecken dieser Welt einfach nicht auf zu wehen. Senna ist in der Formel 1 immer noch so allgegenwärtig wie vor zwei Dekaden.

Der gelbe Helm war von Anfang an Sennas Markenzeichen - Foto: Sutton

Steiler Aufstieg nach Europa

Motorsport-Magazin.com wirft einen Blick zurück auf die einzigartige Laufbahn eines Jungen, der sich von Sao Paulo aus aufmachte, um eine beispiellose Weltkarriere zu starten. In eben dieser Metropole wurde der dreifache Formel-1-Weltmeister und brasilianische Volksheld 1960 geboren. Da er aus einer wohlhabenden Familie stammte, kauften seine Eltern ihm bereits im Alter von vier Jahren sein erstes Kart.

Anschließend gab es für den schmächtigen Burschen nichts anderes mehr außer den Rennsport. Bereits in jungen Jahren tüftelte er mit der ihn auch später auszeichnenden Akribie an seinem Gefährt. Obwohl seine Gegner meist älter waren und mehr Erfahrung hatten, setzte sich Senna in diversen nationalen Nachwuchsklassen durch, ehe er 1977 schließlich die südamerikanische Kart-Meisterschaft gewann.

In weiterer Folge fuhr er mehrere Jahre erfolgreich in der Kart-WM mit. Nachdem er sich Anfang der Achtzigerjahre in englischen Formel-Ford-Meisterschaften einen Namen gemacht hatte und ob des besseren Wiedererkennungswertes in Europa mittlerweile nur noch unter dem Familiennamen seiner Mutter antrat, sicherte er sich 1983 eindrucksvoll den Titel in der britischen Formel 3.

Zudem gewann er den prestigeträchtigen F3-Grand-Prix von Macau. 1984 bot sich ihm so die Chance, mit Toleman in der Formel 1 zu debütieren. Bereits in seinem zweiten Rennen holte Senna Punkte, beim sechsten Lauf in Monaco fuhr er im Regen als Zweiter sensationell aufs Podest.

Aytron Senna beim Monaco GP 1984 im Toleman - Foto: Sutton

Trotz eines völlig unterlegenen und unzuverlässigen Boliden, schaffte Senna in seiner Premierensaison gleich dreimal den Sprung aufs Treppchen. Doch nicht nur durch Ergebnisse wusste der Neuling zu überzeugen, auch seine Präzision und sein Auge für Details waren in jungen Jahren bereits hervorragend ausgebildet.

So erinnerte sich Ingenieur Pat Symonds, der damals bei Toleman arbeitete, viele Jahre später an einen Vorfall beim Großen Preis von Dallas. "Ayrton streifte im Training eine Mauer und fuhr sich dabei ein Rad ab. In der Teambesprechung sagte er anschließend: 'Ich kann nicht verstehen, wie das passieren konnte. Die Mauer muss sich bewegt haben!' Jedem anderen Fahrer hätten wir in einer vergleichbaren Situation wohl gesagt, er solle sich nicht lächerlich machen."

Legendenbildung in jungen Jahren

Doch während einige Mechaniker im Team den jungen Piloten bereits für verrückt erklärten, ging Symonds der Sache mit ein paar Kollegen auf den Grund. "Ayrton war nach dem Vorfall so aufgewühlt, dass wir raus auf die Strecke und an eben jene Stelle gefahren sind, um uns die Mauer anzusehen. Und siehe da: Die Reifenspuren vor ihr zeigten, dass irgendjemand in einem der Rahmenrennen in die Mauer gekracht war und einer der großen und schweren Betonblöcke nach den Reparaturarbeiten ein klein wenig verschoben war.

Ayrton fuhr das Auto Runde für Runde also so nah an die Mauer, dass diese Verschiebung um ein paar Millimeter reichte, damit er sie traf", meinte der Brite. Für Symonds stand anschließend fest: "Ich dachte mir sofort, dass dieser Typ bei weitem alles übertraf, was ich jemals zuvor gesehen hatte."

Derlei Eindrücke machten natürlich auch im Paddock schnell die Runde und aufgrund seiner herausragenden Leistungen waren längst auch die größeren Teams auf Senna aufmerksam geworden. Zur Saison 1985 wechselte der junge Brasilianer zum legendären Team Lotus, wo er selbst ein Stück Geschichte schrieb.

Senna gewann 1985 in Estoril seinen ersten Grand Prix - Foto: Sutton

In seinem zweiten Rennen für die Truppe von Peter Warr gewann er im portugiesischen Estoril bei sintflutartigen Regenfällen sensationell seinen allerersten Grand Prix. Nach einem weiteren Sieg in Spa beendete er seine erste Saison für Lotus auf dem vierten Platz. Diese Position im WM-Klassement konnte er auch 1986 einfahren, fügte seinem Sieges-Konto in Spanien und den USA noch zwei weitere Erfolge hinzu.

Vom Underdog zum Leader

1987 war die legendäre schwarz-goldene Farbgebung des Traditionsrennstalls den gelben Farben von Hauptsponsor Camel gewichen. An Sennas Vormarsch änderte das aber nichts. Mit erneut zwei Saisonsiegen - dabei erstmals auch in seinem anfangs verhassten, später geliebten Monaco - schob sich der Brasilianer auf P3 in der Weltmeisterschaft vor. Doch Senna ahnte, dass er zu einem größeren Team gehen musste, wenn er wirklich ernsthaft um den Titel kämpfen wollen würde.

Lotus-Motorenpartner Honda nahm er dabei gleich mit zu seinem neuen Team McLaren, bei denen er für die Saison 1988 unterschrieb. Angst vor großen Namen hatte Senna nie, lief Nelson Piquet bald den Status als Liebling der brasilianischen Fans ab. Und auch Klassenprimus Alain Prost ahnte zu diesem Zeitpunkt wohl schon, was für ein Teamkollege im Folgejahr auf ihn zukommen würde.

Nach drei Jahren Lotus zog es Senna zu McLaren - Foto: Sutton

1988 machte das Duo Senna/Prost im legendären MP4/4, dem wohl erfolgreichsten F1-Wagen aller Zeiten, alles platt und gewann 15 von 16 WM-Läufen - eine bisher nie dagewesene Dominanz. Verstanden sich die beiden McLaren-Teamkollegen zu Beginn ihrer gemeinsamen Zeit beim Team noch gut, kriselte es zwischen den Star-Fahrern hinter den Kulissen schon bald. Nur einer konnte Weltmeister werden und die verbissen ehrgeizigen Fahrer entwickelten daraufhin die wohl größte Rivalität, die die Formel 1 jemals zu Gesicht bekam.

Am Ende ihrer ersten gemeinsamen Saison setzte sich Senna in Japan erstmals die Krone als Formel-1-Weltmeister auf. Besonders herausragend neben seinen acht Saisonsiegen: Die unvergessene Pole Position des Brasilianers in Monaco - im Qualifying nahm er dem kompletten restlichen Feld unglaubliche anderthalb Sekunden ab, sprach später davon, sich in Trance gefahren zu haben.

Die größten Rivalen aller Zeiten

Im Folgejahr drehte Prost den Spieß jedoch um, sicherte sich in einem kontroversen Finale 1989 nach einer Kollision der beiden Rivalen seinen dritten Titel. Prost war nach dem Unfall in der Schikane ausgestiegen, Senna zwar weitergefahren - doch am Ende wurde der Brasilianer aufgrund des Vorfalls disqualifiziert und mit einer Strafe belegt, die er als hochgradig unfair erachtete.

Zwischenzeitlich spielte er sogar mit dem Gedanken an seinen Rücktritt, da er sich durch die vermeintliche Klüngelei des Franzosen Prost mit dem französischen FISA-Präsidenten Balestre benachteiligt fühlte und die Kluft zwischen den beiden Rivalen so immer größer wurde. Letztendlich entschied sich Senna jedoch, zurückschlagen zu wollen und kehrte nach einer langen Auszeit im Winter, den er wie immer in seiner brasilianischen Heimat verbrachte, gestärkt in die F1 zurück.

Senna und Prost lieferten sich unerbittliche Duelle - Foto: Sutton

1990 kam es in Suzuka erneut zur Entscheidung zwischen ihm und Prost, der mittlerweile vor der schlechten Stimmung im Team der großen Kontrahenten zu Ferrari geflüchtet war. Auch ansonsten waren die Rollen diesmal andersherum verteilt, denn Senna profitierte vom Ausfall Prosts, den er am Start direkt aus dem Rennen rammte - die Rache des Brasilianers für das Vorjahr. Der McLaren-Pilot sicherte sich so bereits einen Lauf vor Saisonende seinen zweiten Titel.

Längst war er über die Grenzen des Sports zu einem nationalen Idol geworden. Als klarer Leitwolf der Branche hatten seine Gegner großen Respekt vor ihm. Sobald Senna mit seinem markanten gelben Helm im Rückspiegel auftauchte, machten viele Fahrer schon nahezu freiwillig Platz, um nicht in eine Kollision mit dem als knallhart geltenden McLaren-Star verwickelt zu werden.

Brasiliens großer Held

Doch Senna hatte auch eine andere, menschliche und spirituelle Seite. Seit jeher setzte er sich mit Stiftungen für die Bekämpfung der Armut in seiner Heimat ein - das Volk liebte seinen Nationalhelden dafür, brachte er doch jeden zweiten Sonntag ein bisschen Spaß in die große Tristesse des schweren Lebens in Brasilien. Sportlich war der streng gläubige Christ 1991 zu dominant, um sich seinen dritten WM-Titel von irgendjemandem nehmen zu lassen.

In einem überlegenen McLaren sicherte er sich insgesamt sieben Siege und am Ende der Saison auch wohlverdient die Meisterschaft - erneut in Japan, erneut ein Rennen vor Schluss, wo er in Führung liegend sogar noch seinem Freund und Teamkollegen Gerhard Berger den Sieg schenkte - als Dankeschön für die gute Unterstützung über das Jahr.

Senna im McLaren: Eine legendäre Kombination - Foto: Sutton

1992 lief es dann jedoch auf einmal weniger gut für McLaren - das Team konnte mit dem gleichsam innovativen wie überlegenen Williams-Renault nicht mehr mithalten und geriet ins Hintertreffen. Einzig Senna stach mit Glanzlichtern hervor, sicherte sich in Monaco, Ungarn und Italien trotz seines unterlegenen Materials drei Saisonsiege. Besonders sein Triumph im Fürstentum blieb dabei in Erinnerung.

Rundenlang hielt er auf dem engen Straßenkurs den viel schnelleren Williams seines Titelnachfolgers Nigel Mansell hinter sich. Der Brite musste bald erkennen, was auch schon Sennas Ex-Rivale aus F3-Zeiten und späterer F1-Konkurrent Martin Brundle festgestellt hatte: "Senna hat ein gottgegebenes Talent, das ich noch nirgendwo anders entdeckt habe - einen sechsten Sinn, wo es noch Grip herauszuholen gibt."

Regen- & Monaco-Spezialist

Mit insgesamt sechs Erfolgen in Monte Carlo, in den Jahren 1987, 1989, 1990, 1991, 1992 und 1993 ist Senna bis heute Rekordsieger beim Klassiker an der Côte d'Azur. Doch für Senna war Monaco mehr als nur seine Haus- und Hofstrecke, verlegte der Südamerikaner doch auch bald seinen Europawohnsitz von England ins Fürstentum.

Nachdem er 1988 weit in Führung liegend durch einen Flüchtigkeitsfehler am Eingang des Tunnels ausgeschieden war, kehrte der Brasilianer beispielsweise nicht in die McLaren-Box zurück, sondern verkroch sich umgehend in seinem unweit der Strecke liegenden Apartment, wo ein Reporter den von grenzenlosem Ehrgeiz getrieben Brasilianer erst nach Stunden und unter Tränen über das Telefon ausfindig machen konnte.

Letztes McLaren-Rennen & letzter Sieg: Adelaide 1993 - Foto: Sutton

Nachdem McLaren zur Saison 1993 Motorenpartner Honda verloren hatte, zu dem auch Senna - als großer Bewunderer der unermüdlichen Arbeitseinstellung der Japaner - einen hervorragenden Draht besaß, und mit mittelmäßigen Ford-Aggregaten weiter nicht in den Kampf um den Titel eingreifen konnte, entschloss sich Senna, für das Folgejahr den Weg zu Williams zu suchen.

Das Karriereende seines Rivalen Prost machte den Weg frei und Senna verließ McLaren - nicht jedoch, ohne sich mit weiteren Glanzleistungen gebührend von seinem langjährigen Arbeitgeber zu verabschieden. Im Regen von Donington fuhr er seinen wohl größten Grand Prix, setzte sich nach dem Start innerhalb einer dreiviertel Runde von P5 an die Spitze und gewann bei seinen geliebten, nassen Streckenbedingungen - genauso, wie bei seinem allerletzten McLaren-Rennen in Australien.

Ein fataler Wechsel

1994 erwartete die Formel-1-Welt schon eine große Demonstration des schnellsten Fahrers im schnellsten Auto der Szene, ehe die FIA durch umfassende Regeländerungen ins Geschehen eingriff und somit einige der großen Konstruktionsvorteile des Williams-Boliden beschnitt. Das Team ging folglich beim Bau des Autos an die Grenzen des Reglements - im Nachhinein ein fataler Leichtsinn.

Auch Senna, der statt der erhofften Wunderwaffe einen höchst sensiblen und schwierigen Rennwagen in Grove vorfand, scheute fortan kein Risiko mehr, um endlich wieder den ersehnten Sprung an die Spitze zu schaffen. Trotz zwei Pole Positions konnte er den FW16 in den ersten beiden Saisonrennen aber nicht ins Ziel bringen, wodurch der Druck auf ihn folglich immer größer wurde.

1994 ging Senna für Williams an den Start - Foto: Sutton

Beim Großen Preis von Imola in San Marino kam es am 1. Mai 1994 zur großen Katastrophe. Nachdem am Vortag im Qualifying bereits der Österreicher Roland Ratzenberger im Simtek-Ford auf der nicht mehr den angemessenen Sicherheitsstandards entsprechenden Höchstgeschwindigkeitsstrecke tödlich verunglückt war, wurde auch Senna aus dem Leben gerissen.

Nach seiner dritten Saisonpole führte der Brasilianer das Rennen vor Michael Schumacher an, als er in der mit Vollgas durchfahrenen Tamburello-Kurve von der Idealline abkam und außen mit voller Geschwindigkeit in eine Betonmauer einschlug. Beim Aufprall bohrten sich Teile der Lenkstange und der Radaufhängung seines Williams ins Cockpit und durch Sennas Helm, wodurch dieser schwerste Kopfverletzungen davontrug. Das Rennen wurde anschließend unterbrochen und der mit dem Tod ringende Brasilianer mit dem Helikopter ins Krankenhaus geflogen.

Der Tag an dem die Sonne vom Himmel fiel

Wenige Stunden nach seinem schweren Unfall erlag der Williams-Pilot im Maggiore-Hospital in Bologna den Unfallfolgen. Die Rennsport-Szene stand nach dem schwärzesten Wochenende in der Geschichte des Sports unter Schock, die Tragödie überschattete weltweit die Nachrichtenmeldungen. Im Zuge der tödlichen Unfälle von Ratzenberger und Senna wurde das Autodromo Enzo e Dino Ferrari in Imola massiven Sicherheitsmodifizierungen unterzogen. Als Unfallursache wurde später ein Bruch der Lenksäule angegeben.

Sennas Teamkollege Damon Hill, der gleich konstatiert hatte: "Ich bin der einzige Mensch, der weiß, wie es war, dieses Auto an jenem Tag genau durch diese Kurve zu fahren", schloss jedoch auch einen Fahrfehler des Brasilianers nicht aus, da die Tamburello seiner Meinung nach aufgrund der Probleme des FW16 damals nicht voll zu nehmen war, der tollkühne Südamerikaner es aber trotzdem versucht habe.

1. Mai 1994: Sekunden vor der Katastrophe - Foto: Sutton

Die Fassungslosigkeit ob des Todes ihres größten Idols war besonders in Sennas brasilianischer Heimat grenzenlos. Nachdem der Leichnam des gefallenen Helden aus Italien nach Sao Paulo überführt worden war, säumten beim Staatsbegräbnis Sennas über eine Million Menschen die Straßen der südamerikanischen Metropole, um dem Formel-1-Star die letzte Ehre zu erweisen. Zusätzlich wurden in Brasilien drei Tage Staatstrauer angeordnet.

Mit über 160 Grand-Prix-Starts, drei Weltmeistertiteln, 41 Siegen und der langjährigen Rekordmarke von 65 Pole Positions ist Ayrton Senna einer der erfolgreichsten F1-Piloten der Historie. Um seine Person herrscht heutzutage nach wie vor ein ungebrochener Kult. Für viele Fans, Fahrer und Experten ist der charismatische Brasilianer, dessen Neffe Bruno zwischen 2010 und 2012 auch in der Königsklasse startete, ob seiner einzigartigen Geschichte der größte Fahrer aller Zeiten.


Motorsport-Magazin.com fragt
Facebook
Wir suchen Mitarbeiter
x