Formel 1 - Bahrain: Land und Leute

Ausnahmezustand in der Wüste

In Bahrain gastierte die Formel 1 vor elf Jahren zum ersten Mal. Seit den Unruhen im Jahr 2011 ist der Bahrain GP in Verruf.
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Motorsport-Magazin.com - Sand, Karawanen, Oasen und Kamele. Dies sind Assoziationen, welche uns sofort in den Sinn kommen, wenn wir den Begriff "Wüste" vernehmen. Doch die Wüste in Sakhir im Königreich Bahrain ist anders. Nur eine knappe halbe Stunde außerhalb der Hauptstadt Manama gelegen präsentiert sich dem Betrachter hier nicht das übliche Bild von unzähligen Tonnen verwehter Sandkörner in einem schier unendlichen Meer aus Sand.

Stattdessen ist der Wüstenboden hier rau und herb und Steinklippen sind über den Boden verstreut, so weit das Auge nur reicht. Und genau dies ist der traditionelle Ort, an welchem vor Jahren eine Vision, ein großes nationales Ziel, entstand: Der Bau einer modernen Rennstreckenanlage und die Austragung eines der größten globalen Sportereignisse dieses Planeten - eines Formel 1Grand Prix.

Nur 1,2 Millionen Einwohner auf 33 Inseln

Dinar: Die Währung des Landes - Foto: Motorsport-Magazin.com

Bahrain ist ein kleiner, aus 33 Inseln bestehender Staat im Persischen Golf und zählt etwas mehr als 1,2 Millionen Einwohner. Betrachtet man diverse demographische Daten, hat das Land wenig mit anderen Mitgliedern der arabischen Welt gemein, denn so befindet sich Bahrain im Human Development Index, der die Staaten der Erde bezüglich Bildung, Gesundheit und Einkommen beurteilt, auf dem 48. Platz und somit deutlich vor Nationen wie Tunesien (94.), Ägypten (112.) oder Marokko (130.). Auch die Menschrechtssituation wird von internationalen Organisationen als relativ fortschrittlich bezeichnet.

Die Staatsform Bahrains ist eine konstitutionelle Monarchie, der seit 1999 König Hamad bin Isa el Khalifa vorsteht, Regierungschef ist seit 1971 Prinz Khalifa bin Salman el Khalifa. Die Führungsriege des Landes war es auch, die sich für den Bau des Bahrain International Circuit stark machte. Hier tat sich vor allem Scheich Salman bin Hamad bin Isa Al Chalifa hervor, der Kronprinz des Landes und zudem auch Präsident der Bahrain Motor Federation ist. So kam es, dass die Formel 1 im Jahre 2004 erstmals in den Wüstenstaat reiste, um auf einer im Zirkus wenig beliebten Strecke Rennen ihre Runden zu drehen.

Schiiten begehren auf

Auf den ersten Blick scheinen die Verhältnisse in Bahrain also durchaus geordnet, doch der Konflikt, der das Land in Atem hält, beruht auf religiösen Spannungen. Während die Führungselite Bahrains aus Sunniten besteht, sind rund 70 Prozent der Bevölkerung schiitische Moslems, die sich diskriminiert fühlen. Dies äußert sich etwa auf dem Arbeitsmarkt und bei der Wohnungssuche und wird von der Regierung noch verstärkt, indem sie sunnitische Gastarbeiter in das Land holt.

Als im Winter 2010/11 in zahlreichen anderen arabischen Ländern Proteste und Demonstrationen losbrachen, schlossen sich die Bürger Bahrains an und erhoben sich gegen die Staatsführung. Diese versuchte das drohende Unheil mit Geldgeschenken an Familien sowie erhöhter Pressefreiheit noch abzuwenden, scheiterte jedoch mit ihren Plänen.

Am 14. Februar 2011 zogen schließlich vor allem schiitische Jugendliche auf den Perlenplatz der Hauptstadt Manama, woraufhin das Regime mit Gewalt reagierte und mehrere Demonstranten erschießen ließ. Es formierte sich ein Trauerzug von rund 15.000 Menschen und in den nächsten Wochen sollte auch das Finanzviertel der Stadt blockiert werden. All diese Vorfälle führten schlussendlich auch dazu, dass erstmals in der Geschichte der Formel 1 ein Grand Prix aus politischen Gründen abgesagt werden musste - die Sicherheit konnte nicht mehr gewährleistet werden.

Die Unzufriedenheit bleibt bestehen

In Bahrain gibt es noch immer Proteste - Foto: Sutton

Hatten die Demonstranten zu Beginn noch die Verbesserung der Stellung der Schiiten, den Kampf gegen die Korruption und die Freilassung von Aktivisten gefordert, richtete sich der Protest bald gegen das Regime selbst. Man wollte den König zum Rücktritt bewegen, der den Ausnahmezustand ausrief und ankündigte, die beiden größten Oppositionsparteien zu verbieten. Der Ausnahmezustand wurde am 1. Juni 2011 wieder aufgehoben und im Folgemonat eröffnete die Regierung ein Dialog-Forum, an dem 300 Bürger teilnehmen sollten, darunter jedoch nur 35 Oppositionelle. Aus Protest kündigte die schiitische Wifaq-Partei die Zusammenarbeit auf und boykottierte die Parlamentswahlen im September.

Am 15. Januar 2012 gab König Hamad bin Isa el Khalifa bekannt, einen Vorschlag des Dialog-Forums verwirklichen zu wollen, der eine Verfassungsänderung vorsah - die Abgeordneten sollten künftig über die Programme der Regierung abstimmen dürfen. Der Opposition gingen diese Änderungen nicht weit genug, sie fordert eine gewählte Regierung und weniger Macht des Könighauses. Anfang Mai 2012 erklärte die Regierung, das Parlament dürfe fortan eine neu gewählte Regierung ablehnen oder akzeptieren und die Parlamentarier von den Ministern Rechenschaft verlangen. Der Opposition hingegen forderte, dass das Parlament und nicht der König den Regierungschef zu bestimmen habe und setzte die Demonstrationen bis zum heutigen Tage fort.

#bloodyF1

2012 konnte der Große Preis von Bahrain zwar stattfinden, wurde aber von Protesten begleitet, welche von der Polizei mit Tränengas niedergeschlagen wurden. Auf Twitter kursierten Meldungen unter Hashtags wie "BloodyF1" und "NoF1". Viele Journalisten verzichteten daher auf eine Reise in den Wüstenstaat, zumal die Sicherheit für ausländische Gäste nicht zur Gänze gewährleistet schien. Diese Befürchtungen bestätigen sich, als ein Bus mit Teammitgliedern von Force India in einen Tumult geriet und mit einer Benzinbombe attackiert wurde.

Überall auf der Welt gibt es politische Probleme, in Asien, im Nahen Osten, ja selbst in Europa.
Jean Todt

Mittlerweile ist es im Wüstenstaat zwar etwas ruhiger geworden, doch immer noch trudeln im Monatsrhythmus Meldungen von Todesopfern und Verletzten bei Anschlägen ein. Von Entspannung also keine Spur. FIA-Präsident Jean Todt verteidigt die Durchführung des Rennens allerdings: "Überall auf der Welt gibt es politische Probleme, in Asien, im Nahen Osten, ja selbst in Europa. Wir müssen aufpassen, dass wir die nicht mit den sportlichen Belangen vermischen. Unsere Aufgabe ist es, dort ein tolles Motorsport-Event zu veranstalten."


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