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Formel 1 - Interview - Best of 2013: Cyril Abiteboul

Im Schatten der Großen

Jüngster Teamchef. Flavios ehemalige Nummer 2. Kontrollfreak auf Entzug. All das ist Cyril Abiteboul. Das Motorsport-Magazin traf den Caterham-Teamboss.
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Motorsport-Magazin.com - Wie beurteilen Sie ihr erstes Jahr als Teamchef in der Formel 1?
Cyril Abiteboul: Leider recht schwach, denn in der Formel 1 zählen nur die Ergebnisse. Aktuell erfüllen wir unsere Ansprüche nicht. Wir wollen uns vorwärts entwickeln, keine Rückschritte machen. So gesehen kann es für uns ja nur noch bergauf gehen, denn weiter nach unten geht es ja nicht mehr. Kurzfristig gesehen war mein erstes Jahr als Teamchef also recht schwach, aber ich hoffe, dass unsere Entscheidungen mittel- und langfristig Früchte tragen werden.

Sie hatten sich in diesem Jahr also sportlich mehr versprochen?
Cyril Abiteboul: Richtig. Ich habe stets gesagt, dass es ein Übergangsjahr wird, aber viele Leute benutzen diesen Begriff als Entschuldigung, um zu sagen: Nächstes Jahr wird alles besser. So etwas machen etwa Politiker gerne. Ich mag das nicht. Natürlich ist es ein Übergangsjahr, in dem wir zwei Projekte zur gleichen Zeit vorantreiben müssen. Durch unsere Einschränkungen können wir aber nicht parallel an dieser und der nächsten Saison arbeiten.

Ich bin sehr enttäuscht, dass wir heute noch genau da stehen, wo wir gestern schon waren.
Cyril Abiteboul

Also mussten wir damit intelligent umgehen. Wir haben bis zu einem gewissen Zeitpunkt am aktuellen Auto gearbeitet und dann die Weiterentwicklung auf das nächste Jahr umgestellt - denn wir wollen langfristig denken. Unser Ziel ist es, Marketing für die Marke Caterham zu betreiben und ich bin sehr enttäuscht, dass wir heute noch genau da stehen, wo wir gestern schon waren.

Sie sprechen über das Marketing von Caterham, haben aber einen starken technischen Background als Ingenieur. Haben sich Ihre Aufgaben etwas verschoben?
Cyril Abiteboul: Die Formel 1 ist ein Sport, aber innerhalb dieses Sports gibt es viele Marken - unsere eigene, die Sponsoren und sogar die Fahrer. Piloten wie Fernando Alonso oder Lewis Hamilton sind heutzutage eine eigene Marke. Diese Entwicklung gibt uns überhaupt die Möglichkeit, dabei zu sein. Denn irgendjemand muss am Ende die Rechnungen bezahlen. In diesem Job muss man für viele Dinge sensibilisiert sein und an die wirtschaftliche Seite denken. Es ist unsere Aufgabe, professionell zu denken - deshalb spreche ich auch von dieser Seite.

Cyril Abiteboul ist mit der Saison 2013 nicht zufrieden - Foto: Sutton

Haben Sie deshalb bei Ihrem Amtsantritt bei Caterham gesagt, dass Sie lieber im Schatten stehen und nur die Marke selbst zählt?
Cyril Abiteboul: Absolut, so ist es. Das mag für viele Außenstehende nicht mit dem Klischee-Bild eines Formel-1-Teamchefs übereinstimmen, aber wir dürfen nicht vergessen, dass auch wir Teamchefs nur Angestellte sind. Ich bin nicht Besitzer oder Gründer dieses Unternehmens. Ich bin nicht hier, um mich selbst zu verkaufen. Für mich zählt nur die Marke Caterham. So lange die Ergebnisse nicht stimmen, gibt es keinen Grund, auf mich stolz zu sein.

Sie sind der jüngste Teamchef in der Formel 1. Damit folgen Sie in den Fußstapfen von Christian Horner. Bedeutet Ihnen das etwas?
Cyril Abiteboul: Ja, das bedeutet mir viel. Als ich ihn das erste Mal getroffen habe, war er gerade zum Teamchef ernannt worden. Damals dachte ich mir: Wow, das ist wirklich beeindruckend. Er hat sehr viel Erfolg gehabt, aber wir sind persönlich sehr verschiedene Charaktere. Ich kenne ihn aus meiner Zeit bei Renault recht gut und konnte mir damals viel von ihm abschauen und viel von ihm lernen.

In meinen Augen war das ein perfektes Beispiel dafür, dass die Formel 1 eine komplett britische Angelegenheit ist.
Cyril Abiteboul

Ist einer der Unterschiede, dass er mehr im Vordergrund steht als Sie?
Cyril Abiteboul: Klar, das ist ein Punkt von vielen. Ich bin eher etwas der südländische Typ und manchmal auch etwas emotionaler. Christian kann mit seinen Emotionen wohl besser umgehen als ich. Es mag jetzt nicht politisch korrekt sein, aber er ist Brite und ich bin Franzose - allein das bedeutet einen kulturellen Unterschied. Uns muss aber auch klar sein, dass wir in der Formel 1 in einem britischen Sport sind.

Okay, die Deutschen haben auch eine lange Tradition im Motorsport, aber die Denkweise ist definitiv britisch geprägt. Ich war damals bei der Crashgate-Verhandlung der FIA in Paris dabei. Am Place de la Concorde flatterten überall die französischen Flaggen im Wind, aber im Verhandlungssaal sprachen die Anwälte ausschließlich über britische Gesetze. In meinen Augen war das ein perfektes Beispiel dafür, dass die Formel 1 eine komplett britische Angelegenheit ist.

Sie haben sich selbst einmal als Kontrollfreak bezeichnet. Wie wirkt sich das aus?
Cyril Abiteboul: Ich möchte überall involviert sein, das ist aber nicht gut. Teil meiner Managementaufgabe ist es, Dinge abzugeben. Aber ich bessere mich und lerne, den Leuten mehr Freiheiten zu geben. Ich wurde erzogen, die Dinge selbst anzupacken. Jetzt bin ich in einer Position, in der ich die richtigen Leute dazu bringen muss, die Dinge richtig zu erledigen. Das ist nicht leicht für mich.

Caterham steht selten im Scheinwerferlicht - Foto: Sutton

Wie war es, zum ersten Mal als Entscheider bei einem Teamchef-Meeting dabei zu sein?
Cyril Abiteboul: Tatsächlich war das gar keine so große Sache. Ich bin früher schon dabei gewesen, als ich mit Flavio [Briatore] zusammengearbeitet habe. Flavio wollte immer jemanden dabei haben und hat meistens mich mitgenommen. Dadurch kannten mich die anderen Teambosse schon, was zu Beginn sogar ein kleines Handicap gewesen ist, weil mich einige als Nummer 2 von Flavio in eine Schublade gesteckt hatten. Aber wenn man sich in dieser Runde eine Position erobern möchte, schafft man das sowieso nicht, indem man nur dabei ist. Es geht noch nicht mal darum, was man sagt, sondern nur darum, auf der Strecke schnell zu sein.

Wie ist die Übergabe mit Tony Fernandes verlaufen und wie sieht Ihr Verhältnis heute aus?
Cyril Abiteboul: Das Team gehört noch immer ihm. Wie Flavio ist er sehr leidenschaftlich, emotional und charismatisch. Wer mit ihm zusammenarbeitet, entwickelt einen riesigen Respekt für ihn. In der Marketingsprache würde man ihn als einen äußerst wichtigen USP für uns bezeichnen. Er kümmert sich sehr um seine Leute und sein Team. Das beinhaltet auch Personalentscheidungen wie die Fahrerwahl. Wenn wir eine Entscheidung im Aerodynamikbereich treffen müssen, verlässt er sich auf mich, denn das ist nicht sein Fachgebiet. Aber wenn es um Personalaspekte geht, schaltet er sich immer ein und das möchte ich auch so, denn es ist mir wichtig, dass ich mit ihm darüber diskutieren kann.

Es wurde lange hinausgezögert, aber das lag nicht an den Motoren, sondern am Egoismus einiger Leute in der Formel 1.
Cyril Abiteboul

War es für Sie schwierig, Renault zu verlassen und den Schritt zu einem kleinen Team wie Caterham zu wagen?
Cyril Abiteboul: Es war eine schwierige Entscheidung, ganz klar, aber ich bedauere es nicht. Ich erhalte hier die Möglichkeit, etwas ganz anderes kennen zu lernen und ich glaube, große Unternehmen interessieren sich für Mitarbeiter, die verschiedene Erfahrungen gemacht haben. Meiner Meinung nach gibt es eine gewisse Entwicklung in großen Firmen, die das Management dazu bringen, etwas lokaler zu denken und mehr Business-Units zu bilden, damit sie effektiver arbeiten. Ich denke also, dass meine Erfahrungen hier durchaus einmal sehr nützlich für mich sein könnten. Damit sage ich nicht, dass ich zu Renault zurückkehren werde, aber ich erlange bei Caterham wertvolle Einsichten für große Unternehmen.

Sie hatten in Ihrer Position bei Renault bereits Einblick in das neue Motorenreglement für 2014. Jetzt erleben Sie die Einführung der V6-Turbomotoren auf der anderen Seite. Was halten Sie nun davon?
Cyril Abiteboul: Zunächst einmal ist es aufregend. Ich kann den Saisonauftakt im nächsten Jahr kaum noch erwarten. Es wird großartig für alle Beteiligten. Natürlich ist es eine riesige Herausforderung für uns, nicht nur das Budget für die Motoren aufzutreiben, sondern auch das Auto daran anzupassen. Außerdem gibt es im nächsten Jahr auch noch große Veränderungen an der Aerodynamik. Diese vielen Aufgaben sind sicherlich ein Grund dafür, warum wir in dieser Saison schwächer sind, aber ich halte es für richtig, dass die Formel 1 diesen technologischen Entwicklungsschritt macht.

Caterham verlor das Duell gegen Marussia - Foto: Sutton

Veränderungen sind stets schmerzhaft. Der Mensch lehnt sie grundsätzlich ab, ganz besonders in der Formel 1. Es wird so viel über Innovationen in der Formel 1 gesprochen, aber es sind meistens nur Mini-Schritte. Jetzt steht uns ein riesiger Entwicklungssprung bevor und das ist gut so, denn in meinen Augen war die Formel 1 zuletzt etwas faul in Sachen Innovation. In einem einfachen Clio stecken heutzutage mehr Innovationen als in einem F1-Rennwagen.

Gleichzeitig stehen die kleinen Teams vor riesigen Finanzproblemen. Wie passt das zusammen?
Cyril Abiteboul: Es ist eine schwierige Situation, für die es kein Allheilmittel gibt. Ich bin aber optimistisch, dass es sich langfristig auszahlen wird. Für eine gewisse Zeit werden wir aber sicher einige Kompromisse eingehen müssen. Es wurde lange hinausgezögert, aber das lag nicht an den Motoren, sondern am Egoismus einiger Leute in der Formel 1. Man hätte die erhöhten Kosten für die Motoren durchaus abfangen können, wenn man sich auf der Chassis-Seite ebenfalls auf Änderungen hätte einigen können.

In meinen Augen war die Formel 1 zuletzt etwas faul in Sachen Innovation.
Cyril Abiteboul

Aber das wollten einige Beteiligte nicht, deshalb ist es nicht fair, die Schuld nur den Motorenherstellern in die Schuhe zu schieben. Auf der kommerziellen Seite haben die Teams eine Chance verpasst, sich gemeinsam stark zu platzieren. Stattdessen haben Einzelne die Situation extrem gut ausgenutzt und Bernie hat einen guten, langfristigen Deal bekommen. Die einzigen, die sehr vorsichtig sein sollten, sind die Besitzer der Formel 1. CVC sollte darauf achten, dass dieser Deal auch nachhaltig ist.

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