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Formel 1 - Interview - Best of 2013: Die Gedanken von Nico Rosberg

Formel 1 als Denksport

Clever, talentiert und verdammt schnell. Die neue F1 fordert genau solche Typen. Das Motorsport-Magazin lässt gemeinsam mit Nico Rosberg die Synapsen glühen.
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Motorsport-Magazin.com - Als du in die Formel 1 kamst, wurdest du als Wunderkind der Branche gehandelt. Aber wenn man sich deine bisherige Karriere ansieht, dann scheint es, als hätte die Formel 1 viele Jahre lang vergessen, dem Wunderkind ein siegfähiges Auto zu geben...
Nico Rosberg: Sicherlich hätte ich mir zu Beginn meiner Karriere schneller mehr Erfolge erhofft, aber ich blicke weniger in die Vergangenheit als vielmehr nach vorne. Momentan befinde ich mich in einer unheimlich tollen Situation: Ich sitze im Silberpfeil und bin Teil dieses Team, das sich seit schon seit einiger Zeit im Aufbau befindet. Leider dauert diese Phase etwas länger, als wir erwartet hatten, aber so kann ich dabei mithelfen, das Team anzutreiben und unser gemeinsames Ziel zu erreichen, wieder mit dem Silberpfeil zu gewinnen. Eine schönere Aufgabe gibt es im Rennsport wohl kaum.

Pirelli stand wegen der Reifen stark in der Kritik. McLaren-Sportdirektor Sam Michael erklärte, dass die Formel 1 immer mehr vom Renn- zum Denksport wird. Man könnte meinen, dass dir der "Denksport Formel 1" gefällt, immerhin hat dich Patrick Head früher als "Denker" bezeichnet.
Nico Rosberg: Prinzipiell ist es eine große Herausforderung, wenn auch der Kopf beim Sport gefordert wird. Wer clever mitdenkt und sich in die Technik hineinarbeitet, kann sehr viel erreichen und sich enorme Vorteile verschaffen. Das liegt mir und diese Herausforderung nehme ich gerne an. Ich bemühe mich sehr im technischen Bereich und dazu gehört auch das Reifenmanagement. Für uns Fahrer ist das eine unglaublich große, neue Herausforderung. Die Ansagen lauten dann: In Kurve drei musst du so und so viel Reifen schonen, in Kurve vier kannst du Vollgas fahren, in Kurve fünf musst du wieder vorsichtiger mit den Reifen umgehen.

Mein KERS ist wie eine Art Handbremse.
Nico Rosberg

So ist die gesamte Strecke aufgeteilt - das macht es für mich als Fahrer und auch für meine Ingenieure sehr interessant. Klar, es ist anders als früher und wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich sicher lieber jede Runde Vollgas fahren, aber diese neue Herangehensweise ist ebenso spannend. Rennen wie China waren in diesem Jahr vielleicht zu extrem - wenn man nur vier Runden mit einem Reifensatz fahren kann, ist das natürlich nicht ideal, aber insgesamt ist es eine schöne Herausforderung.

Du giltst als technisch versiert, magst es, mit den Ingenieuren zu arbeiten. Wie genau sieht diese Zusammenarbeit aus?
Nico Rosberg: Für die Fans und Zuschauer ist es nur schwer nachvollziehbar, wie viel Arbeit an einem Rennwochenende dahinter steckt. Meine Ingenieure und ich sitzen jeden Tag stundenlang zusammen. Die modernen Formel-1-Autos bieten schier unendlich viele Einstellmöglichkeiten. Das beginnt mit der Elektronik, die einen riesigen Einfluss auf das gesamte Fahrzeug hat. Mein KERS ist wie eine Art Handbremse. Wenn jemand mit einem Straßenauto in eine Kurve hineinfährt und die Handbremse zieht, bricht das Heck komplett aus.

Genau dieses Verhalten haben wir mit KERS. Deshalb können wir einstellen, wie stark die "Handbremse" agiert, wenn man in die Kurve hineinfährt. Das ist nur ein Beispiel von vielen, die man als Fahrer im Cockpit optimal für sich einstellen muss. Gleichzeitig gibt es viele mechanische Einstellungen. Ich habe einen Ingenieur für die Elektronik und einen für das mechanische Setup - am Ende muss dann beides zusammenpassen. Das ist ein enorm komplexes Puzzle.

Nico Rosberg gilt als einer der cleversten F1-Piloten - Foto: Sutton

Es gibt oft das abgedroschene Bild, dass ein Rennfahrer nur das Pedal durchtreten muss. Tatsächlich musst du aber Techniker, Motivator, Medienmensch und vieles mehr sein - gefällt dir diese Vielfalt an deinem Beruf?
Nico Rosberg: Es ist schön, dass mein Beruf so viele Facetten bietet, aber am besten gefällt mir natürlich, wenn ich schnell Auto fahren kann. Die Zusammenarbeit mit den Top-Leuten in unserem Team, etwa wenn wir über die Strategie oder die Weiterentwicklung des Autos für die Zukunft diskutieren, macht mir aber auch wahnsinnig viel Spaß.

Bevor du in die Formel 1 gekommen bist, hast du mit einem Studium für Luft- und Raumfahrttechnologie geliebäugelt. Wie wäre dein Leben verlaufen, wenn du den Platz angenommen hättest?
Nico Rosberg: Das ist sehr schwierig zu sagen. Dafür habe ich mich entschieden, weil mir Mathematik und Physik in der Schule sehr gelegen haben. Luft- und Raumfahrttechnologie ist genau eine Kombination aus diesen beiden Fächern. Vielleicht wäre ich als Aerodynamiker in ein Formel-1-Team gekommen, wenn ich gut genug gewesen wäre. Andererseits wäre es mir sicher schwer gefallen, meine Heimat Monaco zu verlassen, denn dieser bin ich doch stark verbunden.

Vielleicht wäre ich als Aerodynamiker in ein Formel-1-Team gekommen, wenn ich gut genug gewesen wäre.
Nico Rosberg

Kritische Stimmen behaupten immer mal wieder, dass du zu "artig", "brav" und "gehorsam" seist. Bei deinem Teamkollegen Lewis ist es genau andersherum. Inwieweit - würdest du sagen - stimmt das Außenbild über dich und Lewis mit der Realität überein?
Nico Rosberg: Ich weiß nicht, was andere über mich denken. Als Rennfahrer muss man eine Balance finden. Es ist wichtig, aggressiv, kämpferisch und auch mal egoistisch zu sein, aber gleichzeitig muss man ein Teamplayer sein und sich gegenüber dem Team richtig verhalten. Es ist wichtig, hier die richtige Balance zu finden.

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