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Formel 1 - Interview - Balbir Singh

Man denkt nur: Wahnsinn

Michael Schumachers ehemaliger Physiotherapeut Balbir Singh spricht mit Motorsport-Magazin.com über Fitness in der Formel 1 und die Zeit mit dem Rekordchampion.
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Motorsport-Magazin.com - Herr Singh, vielen Dank, dass Sie sich Zeit für ein Gespräch genommen haben. Was bedeutet eigentlich Formel Physio?
Balbir Singh: Der Begriff hat keine besondere Bedeutung. Ich war so viele Jahre als Physiotherapeut in der Formel 1 tätig und habe nach einer Bezeichnung gesucht, die beide Sachen in Verbindung bringt. Deshalb habe ich mich für Formel Physio entschieden - sozusagen als mein Logo.

In der Zeit von Senna und Prost hatte das Training noch nicht die Bedeutung, die es heutzutage hat. Die Jungs haben alles easy genommen, Spaß gehabt und Partys gefeiert.
Balbir Singh

Stichwort Physiotherapeut: Wie wichtig ist Fitness für einen Formel-1-Fahrer?
Balbir Singh: Sehr wichtig. Die Formel 1 ist nicht mehr so wie früher. In der Zeit von Senna und Prost hatte das Training noch nicht die Bedeutung, die es heutzutage hat. Die Jungs haben alles easy genommen, Spaß gehabt und Partys gefeiert. Der Druck ist heute sehr viel größer. Die Fahrer müssen unbedingt ein gutes Ergebnis einfahren. Keiner kann es sich leisten, nicht topfit zu sein.

Kommt ein Fahrer, der nicht fit ist, überhaupt für den WM-Titel infrage?
Balbir Singh: Ich glaube nicht. Ohne die notwendige körperliche Verfassung hat ein Fahrer heutzutage wenig Chancen, um die Weltmeisterschaft zu kämpfen. Es gibt einige Rennstrecken, die verlangen eine enorme Fitness - wie zum Beispiel das Rennen in Malaysia oder in Singapur.

Michael Schumachers Fitness-Guru: Balbir Singh - Foto: Sutton

Geht es allein um die körperliche Komponente?
Balbir Singh: Nein, die körperliche Belastung ist für alle Fahrer enorm. Aber die Piloten, die um die Weltmeisterschaft fahren, stehen unter einem unglaublichen Druck. Es geht nur ums Gewinnen, für das Team und für das eigene Ego - das ist eine ungeheure Beanspruchung. Deshalb benötigen sie ein gutes Team, das sie nach allen Kräften unterstützt. Dazu gehört auch der Physiotherapeut, zu dem viele Fahrer ein ganz besonderes Verhältnis haben. Die Aufgabe besteht nicht nur darin, den Fahrer körperlich fit zu halten, sondern auch sein Vertrauter und sein Freund zu sein.

Jenson Button und Nico Rosberg machen Triathlon. Fernando Alonso und Mark Webber sind viel mit dem Fahrrad unterwegs. Warum haben Motorsportler diese besondere Affinität zu Ausdauersportarten?
Balbir Singh: Zuallererst: Ich finde es klasse, was Jenson Button, Mark Webber und die anderen Fahrer machen. Es geht dabei nicht nur um die physische Komponente. Gerade im psychologischen Bereich gibt das Training den Fahrern noch mal einen besonderen Kick. Es ist eine Abwechslung, bei der sie Spaß haben, lachen und Endorphine ausschütten. Während der Rennwochenenden haben die Fahrer riesigen Druck, da gibt es nicht viel zu lachen. Deshalb ist es gut, wenn sie mal abschalten. Und natürlich hilft die Kondition auch im Rennen.

Körper & Geist

Also handelt es sich dabei vor allem um einen Ausgleich?
Balbir Singh: Genau, ein Ausgleich muss da sein, es ist wie im normalen Leben. Wenn man den ganzen Tag nur im Büro sitzt, braucht man in seiner Freizeit auch etwas anderes. Wo man sagen kann: 'Hier habe ich keinen Druck. Ich muss meinen Kopf nicht anstrengen und habe einfach nur Spaß.' Und es ist doch wunderschön, wenn das im Training passiert und man die mentale Seite mit körperlicher Fitness verbinden kann.

Haben Sie sich auch um die Ernährung der Fahrer gekümmert, die Sie betreut haben?
Balbir Singh: Ja, das ist auch ein sehr wichtiger Punkt, gerade bei dem Stress an den Rennwochenenden. Das gilt übrigens für alle Fahrer, auch für die, die nicht um die Weltmeisterschaft fahren. In Ländern wie Singapur oder Malaysia ist es wichtig, eine gute Organisation zu schaffen. Es gibt so viele Dinge, die man beachten muss: Die Zeitumstellung, das Klima und man muss ganz besonders darauf aufpassen, was man isst. Wenn ich da war, habe ich mich immer darum gekümmert und meinen Fahrern gesagt, was gut für sie ist.

Das Ziel besteht bei beiden Techniken darin, Körper, Seele und Geist in Einklang zu bringen - man entspannt sich und fühlt sich wohl.
Balbir Singh

Sie sind bekannt dafür, dass sie Yoga und Tai-Chi in Ihre Trainingsprogramme integrieren. Warum?
Balbir Singh: Es ist ein Ausgleich, genauso wie einen Triathlon zu machen oder mit dem Rad zu fahren. Für mich als gebürtigen Inder ist Yoga ein ganz normaler Weg, um zu entspannen - mit Hilfe von Gymnastik und durch die Atmung. Und Tai-Chi ist im Grunde genau das Gleiche. Nur, dass man die meisten Übungen im Gegensatz zu Yoga im Stehen ausführt. Das Ziel besteht bei beiden Techniken darin, Körper, Seele und Geist in Einklang zu bringen - man entspannt sich und fühlt sich wohl. Und ich bin sehr froh, dass die Fahrer, mit denen ich gearbeitet habe, diese Übungen angenommen haben.

Sie haben Michael Schumacher viele Jahre als Physiotherapeut und Masseur zur Seite gestanden. Wie hat er auf Übungsformen wie Tai-Chi reagiert?
Balbir Singh: Das Bewundernswerte ist, dass er für alles Neue wie Yoga oder Tai-Chi unheimlich offen war. Er hatte diesen unglaublichen Hunger und wollte immer dazulernen. Man musste ihn nicht zwingen. Das war einfach wunderbar.

Nach seiner Zeit mit Michael Schumacher betreute Balbir Singh auch Giancarlo Fisichella - Foto: Sutton

Wie kam es eigentlich zu der Zusammenarbeit mit ihm?
Balbir Singh: In Indien würde man sagen, es war Karma - oder Schicksal. Ich habe damals in einer Praxis gearbeitet und seinen Onkel kennengelernt, den ich einige Male behandelt habe. Durch ihn kam dann der Kontakt mit Michael zustande. Unsere erste Begegnung fand in Frankreich statt, wo ich ihn vier Tage lang betreut habe. Und eine Woche später hat er angerufen und gesagt: 'Ich habe mich entschieden, mit dir zusammenzuarbeiten.' Das war für mich auch der Wahnsinn. Ich habe gedacht: 'Oha, das geht aber schnell. Ich mache meinen Job von Herzen und ich habe einen gültigen Vertrag.' Ich war mir nicht sicher, ob ich von einem auf den anderen Tag einfach so gehen kann. Aber Michael hat nur gesagt: 'Ich kümmere mich darum.' Dann durfte ich gehen.

Schumacher gilt als jemand, der immer außergewöhnlich fit war. Können Sie das bestätigen?
Balbir Singh: Ja, das stimmt. Man hat das auch nach seinem Comeback bei Mercedes gesehen, im Alter von über 40 Jahren. Seine körperliche Verfassung war einmalig. Ich habe ihn beim Race of Champions in Bangkok getroffen. Wenn man sich seinen Körper anschaut, denkt man nur: Wahnsinn. Und nicht nur das: Gleichzeitig ist er auch sehr entspannt. Es ist toll zu sehen, wenn bei jemandem beide Seiten bei 100 Prozent sind. Das ist wahrscheinlich einer der Gründe, warum es mir so viel Spaß gemacht hat, mit ihm zu arbeiten. Es war wirklich eine tolle Zeit mit ihm, in der wir gute Freunde geworden sind.

Disziplin made in Germany

Neben Schumacher haben Sie auch Antonio Liuzzi, Giancarlo Fisichella und Narain Karthikeyan betreut. Worin bestand der Unterschied zu Schumacher?
Balbir Singh: Giancarlo Fisichella war auch ein sehr talentierter Fahrer. Aber der große Unterschied zu Michael bestand in der Disziplin made in Germany. Man musste ihn nie anspornen. Er hat jeden Tag sein eigenes Programm von drei bis vier Stunden durchgezogen. Es war toll, das zu sehen. Bei anderen Fahrern war das nicht so, mit denen musste ich einige Diskussionen führen. Ich glaube, nachdem ich mit Michael gearbeitet habe, bin ich immer strenger geworden [lacht].

Zuletzt haben Sie für HRT gearbeitet. Wie sehen ihre Zukunftspläne nach dem Ende des Teams aus? Bleiben Sie der Formel 1 erhalten?
Balbir Singh: Wenn man so lange wie ich in der Formel 1 ist, fällt es schwer, loszulassen. Auch wenn es manchmal sehr anstrengend ist, vermisst man den Nervenkitzel und den Benzingeruch. Ich führe im Moment Gespräche mit einem Team und habe auch noch ein Angebot von Brasiliens Fußballern. Schauen wir mal, was sich noch entwickelt.


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