Formel 1 - Kommentar: Paydriver-Gagen außer Kontrolle

Altes Phänomen im neuen Gewand

Die Formel 1 diskutiert derzeit über das Thema Paydriver. Doch die Diskussion geht am Kern vorbei: Paydriver gab es immer, aber die Summen müssen sich ändern.
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Motorsport-Magazin.com - Wenn es im Motorsport eine Wahl zum Unwort des Jahres geben würde, hätte wohl "Paydriver" mehr als einmal den Titel abgeräumt. Aktuell ist die Formel 1 wieder in aller Munde über Bezahlfahrer, spätestens seit Narain Karthikeyan Chancen auf ein Force-India-Cockpit eingeräumt werden. Jüngst äußerten sich Martin Whitmarsh und Jarno Trulli: "Ich denke, es ist schade, dass wir so viele Bezahlfahrer haben", sagte der McLaren-Teamchef. Die Premium-Kategorie des Motorsports solle ohne solche Paydriver auskommen." Jarno Trulli beklagt gar, dass die Formel 1 sich zu einer luxuriösen Mietwagenfirma entwickelt habe.

Doch genau hier liegt der Fehler: Die Bezahlfahrer sind kein wirklich neues Phänomen. Verwöhnt aus einer Periode mit sechs Werksteams mit Budgets von 300 Millionen Euro und mehr, in der die Bezahlfahrer für einige Jahre fast vollständig verschwanden, wird schnell vergessen, dass die Formel 1 häufig auf Piloten angewiesen war, die ihr eigenes Budget mitbrachten. Bis tief in die 90er-Jahre hinein war das sogar der Regelfall. Nicht nur Fahrer wie Pedro Diniz, Ricardo Rosset oder Giovanni Lavaggi bezahlten für ihr Cockpit, sondern auch spätere Weltmeister.

Fast jeder musste bezahlen

Michael Schumacher musste für das Jordan-Cockpit etwa 150.000 Pfund... - Foto: Sutton

Kaum jemand erinnert sich, dass Michael Schumacher für seinen ersten Einsatz bei Jordan anno 1991 einen sechsstelligen Betrag überweisen musste, um überhaupt fahren zu dürfen. Fernando Alonso wäre ohne die finanzielle Hilfe von Flavio Briatore nie zu seinem Einsatz bei Minardi 2001 gekommen. Ältere Beispiele gefällig? Niki Lauda zahlte für sein Cockpit bei March 1972. Nun fallen diese Piloten sicher nicht unter die Kategorie des Bezahlfahrers im heutigen Sinne, doch streng genommen mussten sie alle blechen, bevor sie mit dem Rennen Fahren Geld verdienen konnten.

Und da wären wir beim nächsten Problem: Wer ist Bezahlfahrer und wer nicht? Ist Sergio Perez als Paydriver zu betiteln, nur weil er Millionen mitbringt? Sicher nicht, denn er hat obendrein durch Leistung überzeugt. Sogar ein Grand-Prix-Sieger wie Pastor Maldonado wird noch immer als Paydriver abgestempelt, obwohl vom reinen Speed (über die Beherrschtheit darf man diskutieren) her der Venezolaner über alle Zweifel erhaben ist. Derzeit stehen einige Fahrer mit großem finanziellen Background auf der Straße, darunter Vitaly Petrov und Bruno Senna. Einen Giovanni Lavaggi oder Jean-Denis Deletraz würde heute auch keiner mehr verpflichten.

Kern des Problems: Die Geldmenge

...Narain Karthikeyan bei HRT etwa acht Millionen Euro zahlen - Foto: Sutton

Also sind wir doch zumindest mal weiter als in den 90er-Jahren, wie es scheint. So ganz stimmt das dann doch nicht, denn die zu zahlenden Gagen sind in die Höhe geschossen: Narain Karthikeyan wird ein mittlerweile zweistelliger Millionenbetrag von der Tata-Gruppe nach deren Budget-Aufstockung nachgesagt, den er zu Force India bringen würde. Bei diesen Wahnsinnsbeträgen braucht es keinen mehr zu wundern, dass gute Fahrer wie Kamui Kobayashi außen vor bleiben. Woran liegt das? An den maßlosen Ausgaben der Teams, ein Relikt aus der - um es nochmal zu betonen: in der Formel 1 außergewöhnlichen - Zeit von einem halben Dutzend Werksteams.

Das RRA, die freiwillige Ressourcen-Beschränkung der Teams, darf als kläglich gescheitert angesehen werden. Die Kosten "auf das Niveau der frühen 90er-Jahre" zu senken wird ein Wunschtraum bleiben. Warum? Weil keiner den Anfang machen will. Lieber mit allen anderen untergehen als das Risiko eingehen, alleine zu sterben. Die Budgetgrenze wäre der einzige Ausweg, nur machte Max Mosley hier den Fehler, in einem Gewaltakt eine völlig überzogene Form der Beschränkung durchzusetzen, statt schrittweise vorzugehen. Über Nacht sollte von 400 Millionen auf deren 50 heruntergefahren werden. Wohin mit dem ganzen Personal?

Was wäre also ein realistisches Modell? Die Kosten für ein GP2-Cockpit belaufen sich auf ca. 1,5 Millionen Euro pro Saison. Die Formel 1 darf ruhig das Doppelte verlangen - aber dann muss Schluss sein! Bezahlt werden musste im Motorsport schon immer, das sagte Christian Horner bereits Ende 2011. Nur derzeit wird in der Formel 1 mit Budgets hantiert, die nur Werksteams bereitstellen konnten. Aber es ist wie mit dem Körpergewicht: Rauf geht schnell, nur runter ist eine Qual. Es geht nur mit genauen Vorgaben. In diesem Sinne: Eine stufenweise Budgetgrenze muss her, die die Cockpitkosten auf etwa drei Millionen Euro drückt. Nur so können wieder gute Fahrer ihren Sitz bezahlen, ohne als Paydriver abgestempelt zu werden!


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