Formel 1 - Kolumne - Karin Sturm

Es muss etwas passieren

HRT findet sich 2013 nicht mehr in der Startaufstellung der Formel 1, weitere Teams könnten noch folgen.
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Motorsport-Magazin.com - Bernie Ecclestone hat es tatsächlich getan: Jetzt redet er doch tatsächlich auch einmal mit den Vertretern der kleineren Team - nachdem er sich zuvor erst nur mit den ganz Großen getroffen hat, um mit denen zu diskutieren, wie die in Zukunft noch mehr vom Geldkuchen abbekommen könnten. Bitter nötig ist es, ist doch die Finanzsituation bei fast allen hinter den Top-4 eine mittlere Katastrophe. An nach außen sichtbaren Zeichen fehlt es vor allem ganz hinten nicht.

Das letzte offensichtliche war die Trennung aus finanziellen Gründen von Marussia und Timo Glock - weil man statt des erfahrenen Deutschen einen zweiten Paydriver braucht, der einen zweistelligen Millionenbetrag mitbringt. Die Neueinsteiger 2010 - einst von vom damaligen FIA-Präsidenten Max Mosley mit dem Versprechen einer Budget-Deckelung in die Formel 1 gelockt, die dann nie kam, weil Mosley sie gegen den Widerstand der Großen, die mit Jahresbudgets zwischen 200 und 350 Millonen Euro operieren, nicht durchsetzen konnte - stehen am Abgrund.

HRT ist weg vom Fenster - Foto: Sutton

HRT ist schon weg, und Gerüchte, jetzt wollten amerikanische Investoren die Reste aufkaufen und wiederbeleben, sind wohl eher ins Reich der Träume zu verweisen. Selbst die 50 bis 60 Millionen, die man braucht, um einfach nur ganz hinten mitzufahren, sind in der heutigen wirtschaftlichen Situation kaum noch aufzutreiben. "Und um einigermaßen konkurrenzfähig zu sein, bräuchte man mindestens das Doppelte", weiß Timo Glock. Für die Plätze bei den Hinterbänklern wurden pro Fahrer für 2013 mindestens zehn bis zwölf Millionen Euro bezahlt.

Max Chilton soll sogar noch mehr gelöhnt haben. Und das, um am Ende wohl doch nur hoffnungslos hinterher zu fahren. Aber selbst bei den klassischen Mittelfeldteams, die in diesem Budgetbereich operieren, sieht es bei einem Blick hinter die Kulissen alles andere als gut aus. Bei Lotus wartete im vergangenen Jahr wohl selbst Starpilot Kimi Räikkönen ziemlich lange auf sein zugesagtes Gehalt, generell war mehr als einmal das Gerücht zu hören, dass das Team die nächste Ratenzahlung von Bernie Ecclestone aus dem großen Topf der Fernsehgelder sehnsüchtig erwartete, um endlich ausstehende Gehälter auch der anderen, "kleineren" Mitarbeiter zahlen zu können.

Dass im Laufe der Zeit hohe Schulden aufgelaufen sind, ist ein offenes Geheimnis. Nicht umsonst sucht Teambesitzer Gerad Lopez immer wieder nach Investoren. Sauber-Teamchefin Monisha Kaltenborn gehört nicht von ungefähr zu denjenigen, die immer lauter sagen, dass irgendetwas passieren müsse, um das Überleben der kleineren Teams zu sichern - ohne dass sie allerdings bei den Verantwortlichen auf viel Gehör stoßen würde. Sauber hat, so wissen Insider, vor allem bei den Banken Schulden mindestens im hohen zweistelligen Millionen-Bereich, manche sprechen sogar von knapp dreistellig.

Sauber ist auf das Geld von Telmex angewiesen - Foto: Sutton

Sollten die Banken nicht mehr stillhalten, was im übrigen schon einmal drohte, aber noch abgewendet werden konnte, wird es eng. Dazu kommt: Der Sponsorenvertrag mit der Telmex-Gruppe des mexikanischen Milliardärs Carlos Slim, wegen dem 2013 der junge Mexikaner Esteban Gutierrez im Auto sitzt, läuft Ende 2013 aus. Dass Slim dann mit seinem Geld dem schon mal vorab genau aus diesem Grund von McLaren geholten Sergio Perez zu dem englischen Top-Team folgt, gilt als ausgemachte Sache.

Bei Williams hängt man völlig am Tropf der venezolanischen Öl-Millionen, die Pastor Maldonado dank bester Verbindungen zu Präsident Hugo Chavez mitbringt: 30 Millionen Euro sollen es pro Jahr sein - was allerdings passiert, sollte Chavez seinen Kampf gegen den Krebs verlieren und sich die Machtverhältnisse in dem südamerikanischen Land ändern, steht in den Sternen. Die dortige Opposition hatte vor einem Jahr schon einmal versucht, einen Untersuchungsausschuss zu dem ganzen Thema einzurichten.

Da können vom Team noch so viele Beteuerungen kommen, die Verträge mit Venezuela seien absolut wasserdicht. Nebenbei scheint sich bei Williams noch ein anderes Problem anzubahnen: Frank Williams hatte in letzter Zeit immer wieder massive gesundheitliche Probleme, war mehrfach im Krankenhaus, das Team wird im Moment zeitweise hauptsächlich von seiner Tochter Claire geführt, nicht unbedingt die erfahrenste und bestqualifizierteste Besetzung für Krisensituationen.

Völlig chaotisch scheint die Situation bei Force India: Dort hatte Teambesitzer Vijay Mallya im November noch getönt, man habe 60 Millionen Euro an neuen Investitionsgeldern in Indien gefunden, sagte daraufhin Bruno Senna, dessen Sponsoren bereits ihre Garantieerklärungen abgegeben hatten, plötzlich wieder ab und wollte wieder seinen "Lieblingsfahrer" Adrian Sutil holen. Dann geriet Mallya mit seinen Unternehmen in Indien jedoch endgültig in massive Schwierigkeiten. Jetzt hängt Sutil, der schon im Dezember einen Vertrag unterschrieb, der aber vom Team nie gegengezeichnet wurde, immer noch in der Luft.

Jules Bianchi würde zumindest mehr Geld mitbringen als der Deutsche - und Bianchis Manager Nicolas Todt scheint den FI-Verantwortlichen bezüglich der tollen Möglichkeiten mit Ferrari in Sachen Motoren 2014 das Blaue vom Himmel zu versprechen. Ferrari-intern klingt das nämlich zumindest unter der Hand alles ganz anders. Dazu kommt, dass die Gerüchte, dass Mallya das Team bald komplett verkaufen müsse und die Frage sei, wer da im Moment oder in Zukunft überhaupt das Sagen habe, nicht verstummen wollen.

Relativ gut aufgestellt scheint von den Mittelfeld-Teams noch am ehesten Toro Rosso zu sein. Aber auch das funktioniert nur so lange, wie Red Bull-Chef Dietrich Mateschitz Lust hat, sein "Nachwuchsteam" zu finanzieren. Generell wird es für alle 2014 noch schwieriger werden. Dann kommt die neue Motorenformel mit den Turbomotoren - und die werden dann statt acht 18 bis 21 Millionen pro Saison kosten - dank der hohen Entwicklungsausgaben der Hersteller. Doch an entscheidender Stelle scheint keiner so wirklich nachdenken zu wollen.

Bald drei Autos pro Team?

Wenn Martin Whitmarsh sich darüber aufregt, dass unter den Teams keine Einigkeit in Sachen neues Concorde-Abkommen bestehe, dann grenzt das ans Lächerliche. Wie soll das auch möglich sein, so lange die Großen noch Sonderverhandlungen mit Ecclestone über noch mehr Geld führen? Was jetzt bei den Gesprächen von Bernie mit den Kleinen herauskommt, bleibt abzuwarten. Denn der große Boss meinte vor nicht allzu langer Zeit noch, so lange Ferrari bleibe, könnten andere Teams ruhig aussteigen, das sei ihm egal.

Ferrari-Chef Luca di Montezemolo bringt dann immer wieder sein Lieblingsthema vom dritten Auto bei den Großen oder gar kompletten Kundenteams aufs Tapet - ohne Konsequenzen wie die dann immer geringer werdenden Chancen für alle anderen zu bedenken. Und der derzeitige FIA-Präsident Jean Todt schweigt auch weitgehend - bis auf seine Feststellung, der Motorenpreis dürfe nicht über 15 Millionen Euro steigen. Sonst müsste er eventuell zugeben, dass Vorgänger Mosley mit seinem "Budget Cap", abgestuft über die Jahre nach unten, einmal angedacht von 100 bis am Ende auf 60 Millionen, vollkommen Recht hatte.

Ihre Karin Sturm

Unterschrift von Karin Sturm


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