Formel 1 - Sergio Perez - Der Paydriver, der keiner ist

McLaren's next Superstar

Das Motorsport-Magazin blickt mit den besten Texten der Printausgabe auf 2012 zurück. Heute: Kann sich Sergio Perez bei McLaren beweisen?
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Motorsport-Magazin.com - Die Fußstapfen, in die Sergio Perez tritt, sind groß. Lewis Hamilton gewann mit McLaren immerhin die WM. Gleiches, wenn nicht mehr, wird vom Mexikaner erwartet. Das Motorsport-Magazin untersucht, ob er dazu in der Lage ist.

Sauber steht Kopf. Unbewusst dreht Sergio Pérez die weiß-dunkelgraue Teamkappe in seiner Hand, spielt mit dem Verschluss, blickt auf sein Handy. Das rot-weiße Sauber-Logo zeigt dabei nach oben, genauso wie der Karriereverlauf des 22-jährigen Mexikaners. Ganz zuhause fühlt sich der Noch-Sauber-Pilot in der Interviewsituation aber auch in seiner zweiten Saison in der Königsklasse noch nicht. Die lästige Pflichtaufgabe macht ihm eben weit weniger Spaß, als schnell Auto zu fahren, am liebsten würde er das Interview mit Top-Speed hinter sich bringen. Daran wird der Shooting-Star des Jahres im Winter arbeiten müssen. Sobald Pérez zum ersten Mal einen Fuß als McLaren-Fahrer in das Technology Centre setzt, eröffnet sich ihm eine gänzlich neue Welt, inklusive unzähliger und für ihn wohl schier endloser Sponsoren- und PR-Termine. Bis er damit so routiniert und professionell umgehen kann wie Jenson Button oder Lewis Hamilton, wird er wohl so manches McLaren-Logo samt seiner neuen Kappe eifrig in Rotation versetzen.

Pérez ist ein außerordentlich talentierter, junger Mann, der wirklich schnell ist, aber ganz ehrlich: Talent allein reicht in der Formel 1 nicht aus.
Christian Danner

Der Startschuss für Pérez' chromfarbenes Abenteuer fiel am 28. September um 10:00 Uhr. McLaren verkündete den Mexikaner als Neuzugang für die Saison 2013. Seit diesem Moment beschäftigt die Fachwelt nur eine Frage: Hat Pérez das Zeug zum McLaren-Piloten und Formel-1-Superstar? "Ich habe meine Bedenken", meldet der ehemalige Formel-1-Fahrer Christian Danner im Motorsport-Magazin Zweifel an. "Pérez ist ein außerordentlich talentierter, junger Mann, der wirklich schnell ist, aber ganz ehrlich: Talent allein reicht in der Formel 1 nicht aus. Ob der nötige Rest, sich in so einem Umfeld wie bei McLaren zurechtzufinden, schon so weit ausgeprägt und entwickelt ist, das wage ich zu bezweifeln."

Dazu zählt unter anderem die ungeliebte Pressearbeit. Andererseits hat die Vergangenheit gezeigt, dass McLaren auch mit einem blutjungen und nicht gerade extrovertierten Kimi Räikkönen Erfolg hatte, wobei die manchmal einsilbigen und lustlosen Antworten des Mexikaners den Iceman als echte Plaudertasche erscheinen lassen. Immerhin einen Erfolg konnte McLaren mit dem Pérez-Deal bereits für sich verbuchen: Pérez gehört dem Nachwuchsprogramm des Rivalen Ferrari an und wurde seit Monaten als Nachfolger von Felipe Massa gehandelt, sogar Mercedes soll ihn als Ersatz für Michael Schumacher im Auge gehabt haben. "Sergio hat in dieser Saison eine unglaubliche Killer-Performance gezeigt und bewiesen, dass er, was den Speed angeht, sich nicht vor den Top-Piloten verstecken muss", begründet Teamchef Martin Whitmarsh seine Entscheidung. "Wir haben seine Fortschritte genau beobachtet und sind davon überzeugt, dass er nicht nur talentiert und schnell ist, sondern auch den Willen hat, weiter dazuzulernen."

Kein Fahrer hat mich in dieser Saison mehr bei einem Grand Prix beeindruckt.
Niki Lauda

Gemeinsam mit Jenson Button hat McLaren im nächsten Jahr schon einmal den Titel im Reifenflüstern sicher. Wie sein neuer Teamkollege gilt Pérez als besonders sensibel im Umgang mit den rennentscheidenden Pneus. Bei der Konzeption des neuen Autos kann es ein Vorteil sein, wenn beide Fahrer auf diesem Gebiet ähnliche Fähigkeiten aufweisen. Mit Niki Lauda hat Pérez auch einen prominenten Fürsprecher, vielleicht stand der 22-Jährige deshalb hinter Lewis Hamilton auf der Mercedes-Wunschliste. "Pérez war in Italien wie der liebe Gott unterwegs", lobt der Österreicher. "Emotionslos und ohne Fehler. Kein Fahrer hat mich in dieser Saison mehr bei einem Grand Prix beeindruckt."

Mit McLaren möchte Pérez erreichen, was Räikkönen bei der Truppe von Ron Dennis nicht gelang; Weltmeister zu werden. Die Überraschungserfolge mit Sauber in dieser Saison sollen und müssen nur der Anfang gewesen sein, schließlich verpflichtet das chromglänzende Cockpit zu Spitzenleistungen. Pérez ist diesen Druck gewohnt. "Ich stand immer unter Druck, musste Leistung bringen und mich schnell durchsetzen", erinnert er an seinen Werdegang. "Aber ich habe es geschafft, das ist großartig."

Ich bin stolz auf das, was ich bislang erreicht habe.
Sergio Perez

Bereits sein Formel-1-Einstieg in Australien 2011 wurde von zwei Paukenschlägen begleitet - Platz sieben im ersten Grand Prix und der folgenden Disqualifikation beider Sauber wegen irregulärer Heckflügel. "Es war eine lange und anstrengende Saison mit viel Druck, wenn man in die Formel 1 einsteigt", erinnert sich Pérez. "Alles war neu und es war schwierig, sich daran zu gewöhnen. In diesem Jahr bin ich entspannter und ruhiger. Ich genieße es mehr." Das führte zu Erfolgserlebnissen wie seinem ersten Podestplatz in Malaysia. "Das war ein toller Moment für mich. Ich habe mir damit den ersten meiner Träume erfüllt." Das erste Podium in der Formel 1. An neuen Träumen mangelt es dem Mexikaner jedoch nicht. "Die nächsten sind natürlich ein Rennen zu gewinnen und danach die Weltmeisterschaft zu holen", sagt Pérez überzeugt, um kurz und trocken anzufügen: "Nicht nur einmal."

Trotz seiner jungen Jahre ist die Situation bei McLaren für Pérez nicht ganz unbekannt. Im Alter von 15 Jahren zog er aus seiner Heimat Mexiko nach Deutschland, um in der Formel BMW Fuß zu fassen. "Ich war komplett allein in einem schwierigen, unbekannten Land, das ganz anders ist als mein Heimatland", erinnert sich Pérez im Gespräch mit dem Motorsport-Magazin. "Ich hatte nichts, nur meine Träume." Ähnlich muss ihm jetzt der Wechsel von Sauber zu McLaren vorkommen.

Pérez war damals mit 15 der jüngste Starter in der Formel BMW und wohnte in einem kleinen Zimmer im Restaurant seines Teamchefs Günther Unterreitmeier in Vilsbiburg. Er vermisste die Sonne, sein vertrautes Umfeld und die Sprache. "Wenn man aus dem Flugzeug aussteigt, merkt man, dass es eine völlig andere Welt ist und man ganz allein ist. Es gibt keine Familie und Freunde, man ist ganz auf sich allein gestellt." Wenn ihn das Heimweh überkam und er fast der Verzweiflung nahe war, griff er zum Telefon und sprach mit seinem Förderer Carlos Slim Domit. "Ich hatte sehr viel Glück, dass ich meine Telefonrechnung damals nicht bezahlen musste", sagt Pérez und streichelt über sein Handy. Einer der Vorteile, mit Telmex einen mexikanischen Telekommunikationsriesen als Partner zu haben. "Ich blicke sehr stolz auf diese Zeit zurück", sagt er. "Ich bin stolz auf das, was ich bislang erreicht habe."

Sergio Perez zog nach Deutschland, um in der Formel BMW Fuß zu fassen. - Foto: BMW

Vorbei sind die Zeiten, in denen Pérez als Paydriver bezeichnet und belächelt wurde. "Zu Beginn meiner Formel-1-Karriere war ich etwas enttäuscht, dass ich als Bezahlfahrer angesehen wurde", sagt Pérez deutlich. "Ich habe so viel gegeben und so viel gekämpft, um hier zu sein, da hat es mich geschmerzt, als Paydriver bezeichnet zu werden. Aber ich brauchte nur ein Rennen, um zu beweisen, dass ich es nicht war." Im Gegenteil: Nicht ganz ohne eine gehörige Portion Ironie ist es jetzt nicht Pérez, dem unterstellt wird, sich das Cockpit erkauft zu haben, sondern sein neues Team, dem nachgesagt wird, die Sponsorengelder des Mexikaners wegen eines drohenden Verlusts des Hautsponsors zu benötigen. Martin Whitmarsh wiegelt dies allerdings glaubhaft ab: "Wir bezahlen ihn gut und es gibt keine Zusatz-Deals. Ich sage nicht, dass deswegen keine neuen Partner zu uns stoßen werden, aber das war nicht die Motivation dahinter."

McLaren hat sich als absolutes Spitzenteam in den Köpfen verankert. Als solches erwarten Fans und Medien auch absolute Topfahrer in den beiden Autos. Doch es ist nicht das erste Mal, dass die Mannschaft aus Woking ein gewisses Risiko bei der Verpflichtung eines eher unbekannten oder unerfahrenen Piloten eingeht. Pérez reiht sich in die Liste seiner Vorgänger Heikki Kovalainen, Lewis Hamilton und Kimi Räikkönen ein, die allesamt bei ihrem Wechsel zu McLaren ein Rookie waren (Hamilton) oder erst einige wenige Grand Prix auf dem Buckel hatten (Kovalainen und Räikkönen jeweils eine Saison). Nur Jenson Button, der als amtierender Champion zu McLaren kam, und ein gewisser Fernando Alonso, der ein eigenes Kapitel in der McLaren-Geschichte einnimmt, hatten vor ihrem ersten Rennen in Silber schon mehr als Achtungserfolge in der Formel 1 vorzuweisen. Räikkönen und Hamilton erfüllten die Erwartungen, Kovalainen nicht. Jetzt ist Pérez an der Reihe.

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