Formel 1 - Kommentar: Hamiltons Angst vor der eigenen Courage

Ein bisschen schwanger?

Lewis Hamilton spricht über seine McLaren-Rückkehr, noch bevor er das Team überhaupt verlassen hat - ein an Lächerlichkeit kaum zu überbietendes Szenario.
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Motorsport-Magazin.com - Seit seinem 13. Lebensjahr und nunmehr 14 Jahren ist Lewis Hamilton ein fester Bestandteil der McLaren-Familie gewesen. Doch dann, so dachte sich der Brite, wurde es Zeit für einen Tapetenwechsel. 'Seine Freunde kann man sich aussuchen, die Familie nicht', besagt eine bekannte Weisheit. Hamilton wählte als neuen Freund einen alten Bekannten - die Marke mit dem Stern. Nach dem Großen Preis von Singapur Ende September folgte das große Beben in der F1: Schumacher raus, Hamilton und Lauda bei den Silberpfeilen rein, Perez dafür zu McLaren. Gut zwei Monate später scheint sich ein großer Verlierer des Stühlerückens abzuzeichnen. Er heißt, welch Überraschung: Hamilton.

Man kann niemals nie sagen. Es wäre schön, eines Tages wieder zu McLaren zurückzukehren.
Lewis Hamilton

Aus den letzten sechs Saisonrennen, die nach der Sensationsverpflichtung des britischen Stars noch folgten, holten die Stuttgarter sechs WM-Punkte. Allein fünfmal in Folge ging man komplett leer aus, was unter anderem damit begründet wurde, dass man die Entwicklungsarbeit auf den neuen Boliden für die Saison 2013 fokussiert habe. Dass Hamilton, bei parallel ansteigender Form seines MP4-27, immer unruhiger ob der Lage wurde, in die er sich für 2013 gebracht hat, blieb im Fahrerlager kaum einem verborgen. Zwar beteuerte er weiterhin, hinter seinem Wechselentschluss zu stehen und gab sich kämpferisch - doch was blieb ihm letztendlich auch anderes übrig? Die Angst vor dem mutigen Sprung ins kalte Wasser - sie war Hamilton beim Finale in Sao Paulo abseits der Piste deutlich anzumerken.

Zum Heulen

Hamilton möchte den Silberpfeilen 2013 zu neuem Glanz verhelfen - Foto: adrivo Sportpresse

In einem TV-Interview im Vorfeld seines letzten Auftritts mit McLaren brach der sonst so betont coole Hamilton plötzlich in Tränen aus und das Gespräch anschließend ab. Dabei schluchzte er: "Ich wollte doch nicht vor der Kamera weinen..." Für manch britischen Reporterkollegen ein mehr als gefundenes Fressen, fand nicht nur der Champion von 2008 die derzeitige Performance seines designierten Arbeitgebers 'zum Heulen'. Doch damit nicht genug - die Realitätsflucht des Lewis Hamilton nahm in der Folge noch ganz andere Formen an. "Es fühlt sich nicht so an, als müsste ich heimlich aus der Hintertür verschwinden. Ich beschreite einfach einen neuen Pfad und vielleicht bringt mich dieser Pfad irgendwann zurück - wer weiß?", erklärte er noch in Interlagos mit Blick auf sein altes Team.

Zwei Wochen nach dem Saisonfinale legte Hamilton nun nach. In Bezug auf eine mögliche Rückkehr zu McLaren konstatierte er: "Man kann niemals nie sagen. Ich denke, McLaren wird immer mein Zuhause sein und ich werde es immer als das Team sehen, mit dem ich groß geworden bin." Anfügen wollte der Mercedes-Abgänger noch vor der Aufnahme seiner Tätigkeit bei den Deutschen: "Es wäre schön, eines Tages wieder zu McLaren zurückzukehren." Ob sich Hamilton in Gedanken schon wieder in Woking wähnt, fragte sich da manch einer. Für seine Geduld ist der Ziehsohn von Ron Dennis nun nicht gerade bekannt und genau diese wird er bei Mercedes wohl oder übel brauchen, um mit dem Team Erfolge zu erlangen. Kritisch erscheint Hamiltons Wechsel insofern, ist der Zeitpunkt doch mehr als sonderbar.

Auf der Strecke war McLaren Mercedes voraus - Foto: Sutton

Der Brite ist 2012 zweifelsohne eine seiner besten Saisons gefahren. Für das Technikpech, das ihn auf dem Weg zu seinem möglichen zweiten Titel einbremste, konnte er nichts. In Barcelona kostete ihn ein Teamfehler die Pole-Position - noch schlimmer wogen jedoch die beiden Defekte im Schlussspurt. Sowohl in Singapur als auch in Abu Dhabi fiel Hamilton in Führung liegend aus, im Stich gelassen vom MP4-27. Zuvor zickte der Bolide auch schon in Hockenheim - in Spa und Interlagos warfen ihn unverschuldete Kollisionen aus dem Rennen. Rechnet man alle potenziellen Resultate zum Punktekonto des Briten hinzu und addiert man zudem die Zähler, die seine unmittelbaren Konkurrenten Vettel und Alonso - beide nur mit zwei Ausfällen 2012 - hinter Hamilton weniger geholt hätten, kommt man schnell zu dem Schluss, dass wohl Letzterer Weltmeister geworden wäre.

Menschlich ist Hamilton vergangenes Jahr gereift, das steht fest. Doch einen einzigen Rückfall in alte, unbedachte Muster gab es doch: Seine Kurzschlussreaktion nach dem Singapur-Defekt - und eben diese könnte für ihn noch kostspielig werden. Viele Fahrerlager-Experten reden bereits vom größten Fehler in Hamiltons Karriere. Dabei geht es weniger um Mercedes als um die Tatsache, wie stark McLaren wirklich war. Welcher Fahrer hätte schon das derzeit wohl beste Auto im Feld hergegeben? Und das, um noch nicht einmal zur direkten Konkurrenz zu wechseln, sondern, so knallhart muss man es anhand der aktuellen Faktenlage sagen, zu einem Mittelfeldteam? Hamiltons Ex-Truppe hat 2012 sieben Saisonsiege eingefahren - gleich viele wie Konstrukteurschamp Red Bull, vier mehr als Ferrari und sechs mehr als Mercedes.

Freiwillig ein Siegerauto abgegeben

Nun war der MP4-27 wie dokumentiert nicht frei von Fehlern. In der F1 gibt es jedoch ein altes Gesetz: Es ist einfacher, ein schnelles aber anfälliges Auto zuverlässig zu machen als einen langsamen und beständigen Boliden schnell. Bei Mercedes, immerhin das sei Hamilton ein Trost, hätte er sich den Kopf darüber 2012 nicht zerbrechen müssen, denn dort war beides nicht vorzufinden. Fakt ist: Hamiltons Wechselentscheidung wurde aus zweierlei Gründen getroffen. Zum einen vor dem Hintergrund der Enttäuschung in Singapur und aus einem unguten Bauchgefühl heraus. Zum anderen war da der Lockruf des großen Geldes.

Über Erfahrung im Mercedes verfügt Hamilton durchaus - Foto: Sutton

Dass sich sportlicher Erfolg zumindest langfristig jedoch immer mehr auszahlt, sollte der 27-Jährige in seiner mittlerweile sechs Jahre andauernden F1-Karriere eigentlich gelernt haben. Genauso wie die Tatsache, dass es nicht besonders ratsam ist, eine derart schwerwiegende Entscheidung nur auf Grund einer Momentaufnahme zu treffen. Ein derartiges Verhalten hatten die meisten nicht erwartet und sich gleichsam mehr Weitsicht vom ehemaligen Weltmeister erwartet. Selbst seinen ehemaligen Teamchef Whitmarsh stieß Hamilton so vor den Kopf und überraschte ihn mit seinem plötzlichen Weggang. Noch Tage vor der Verkündung des Entschlusses seines Piloten hatte dieser erklärt, dass er sich nicht vorstellen könne, dass sich sein Schützling von ein paar Rückschlägen so aus der Bahn werfen lasse und den Fakt ignoriere, dass er bei McLaren das stärkere Paket zur Verfügung hat.

"Ich denke, er ist klüger als das und dass er sich davon nicht beeinfluss lassen wird", so der Teamchef mit Blick auf die Vertragssituation nach dem Singapur-Aus. Wenig später musste er seine Meinung revidieren. Wenngleich Whitmarsh zwar angab, zu hoffen, dass Hamilton seinen Entschluss schon bald bereue, ließ er ihm dennoch eine Hintertür offen: "Hoffen wir einmal, dass er nur ein Jahr weg ist." Außer Acht lässt der Brite dabei jedoch den Dreijahresvertrag, den Hamilton bei Mercedes unterzeichnet hat. So klingen derlei Sympathiebekundungen mehr nach warmen Worten zum Abschied als nach einer echten Option. Ob Hamilton das seinerseits ähnlich sieht, sei einmal dahingestellt.

Hoffen wir einmal, dass er nur ein Jahr weg ist.
Martin Whitmarsh

Nachfolger Perez ist mehr als zukunftsträchtig - ob McLaren Hamilton, dessen Beziehung zum Team bei weitem nicht so problemlos ablief, wie beim Schwanengesang von allen Beteiligten proklamiert, wirklich zurücknehmen würde, scheint fraglich. Für den Briten bedeutet das vor allem eines: Aufhören von einer Rückkehr zum Ex-Team zu träumen. Niemand zwang Hamilton zum Weggang - dementsprechend sollte er die Konsequenzen seiner Entscheidung angemessen ertragen und sein Heil lieber in der Flucht nach vorne suchen, sprich die überschüssige Energie in das Voranbringen des Silberpfeil-Projekts investieren. Dazu gehören auch die strikte Abnabelung vom Ex-Team sowie klare Treuebekenntnisse in Richtung des neuen Arbeitgebers - und keine halbseidenen. Denn wie besagt ein alter Sinnspruch doch so schön: Ein bisschen schwanger gibt es nicht.


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