Formel 1 - Analyse: Das Flaggen-Drama von Brasilien

Gelb-grünes Chaos

Die F1-Welt diskutiert über Sebastian Vettels kontroverses Überholmanöver in Interlagos und dessen Folgen. Motorsport-Magazin.com hat alle Antworten.

Welche Szene lässt Ferrari untersuchen?

Runde 4 des Großen Preis von Brasilien: Sebastian Vettel überholt Jean-Eric Vergne vor Kurve vier, obwohl in diesem Abschnitt gelbe Flaggen mittels einer Anzeigetafel signalisiert werden. Das Überholmanöver ist abgeschlossen kurz bevor der RB8-Bolide die imaginäre Linie der grünen Tafel passiert. Auch in den Kurven 1 bis 3 herrschten zuvor gelbe Flaggen und auf Vettels Lenkrad leuchteten gelbe LEDs als Hinweis auf, nicht überholen zu dürfen. Doch auf der Geraden kurz vor der Johnny Walker-Brücke schwenkte ein Offizieller auf seinem Marshall-Posten eine grüne Flagge, wie sich nach einiger Zeit herausstellte.

Auch nach näherer Betrachtung der Szene war kaum zu erkennen, ob es sich bei der Farbe der Fahne um gelb oder grün handelte, woraufhin die Spekulationen im Internet ihren Lauf nahmen. Das Besondere an der Angelegenheit in Interlagos: Für die TV-Zuschauer war Vettels Überholmanöver gegen Vergne gar nicht zu sehen, denn zu diesem Zeitpunkt wurden Wiederholungen des Starts eingeblendet. Erst nach der Sichtung der Onboard-Aufnahmen aus Vettels Auto kamen die Diskussionen um einen vermeintlich illegalen Überholvorgang auf.

Das kontroverse Überholmanöver - Foto: Sutton

Was sagt die FIA zum Vettel-Vergne-Zwischenfall?

Kurz gesagt meint die FIA, Sebastian Vettel hat sich keines Vergehens schuldig gemacht, als er Jean-Eric Vergne in der vierten Runde des Rennens in Brasilien nach dem Senna-S überholte. Sie betonte sogar, dass es eigentlich nie einen Fall zu der Sache gab. Sie klärte auf, dass noch vor dem elektronischen Signal am Ende der Geraden, das Grün zeigte, ein Marshallposten war, wo händisch eine grüne Flagge geschwenkt wurde und die Strecke damit wieder freigegeben war. Vettels Überholmanöver fand erst nach diesem Posten statt.

Ganz technisch gesprochen sagte die FIA, dass in Kurve drei in Marshallsektor drei das Lichtsignal Gelb zeigte. Das nächste grüne Lichtsignal befand sich rund 150 Meter vor Kurve vier. Weil dazwischen aber der Marshall mit der grünen Flagge war, endete die gelbe Zone bereits dort, da immer die letzte Anzeige - egal ob elektronisch oder manuell - zählt.

Stand Vettels Titel auf dem Spiel?

Wäre alles gegen Vettel gelaufen, hätte er den Titel sogar noch verlieren können. Grundsätzlich besteht für die FIA die Möglichkeit, ein Rennergebnis im Nachhinein abzuändern. Im Gegensatz zu einer Tatsachenentscheidung, zum Beispiel einem Fehlstart, kann ein Fehlerverhalten auf der Strecke, in diesem Fall ein unrechtmäßiges Überholmanöver, nachträglich bestraft werden. So geschehen etwa in der Saison 2001: Olivier Panis wurde nach dem letzten Rennen noch eine Zeitstrafe aufgebrummt, weil sich Nick Heidfeld über einen illegalen Überholvorgang beschwert hatte.

Flaggen-Chaos in Brasilien - Foto: Sutton

Das etatmäßige Strafmaß für ein solches Vergehen ist eine Durchfahrtsstrafe, die nach dem Rennen in eine 20-Sekunden-Zeitstrafe umgewandelt würde. Vettel wäre damit auf den achten Platz zurückgefallen und hätte in der Endabrechnung einen Punkt weniger als Alonso auf dem Konto gehabt. Allerdings sprechen die Fakten in diesem Fall eine eindeutige Sprache. Da sich Vettel keines Vergehens schuldig gemacht hat, stand der Verlust des WM-Titels nie wirklich zur Debatte.

Was sagt Ferrari zu den Vorwürfen?

Hätte, wäre, wenn. Nach dem Rennen in Brasilien war der Titel für Ferrari weg und die Enttäuschung groß. Während der 71 Runden war aber nochmals Hoffnung aufgekeimt, denn Vettel hatte angeblich unter gelber Flagge überholt - in diesem Fall Kamui Kobayashi. "Es gab da etwas Hoffnung, als er mir sagte, es gebe ein Problem mit gelben Flaggen, aber das war wohl nicht wahr", verriet Fernando Alonso nach dem Rennen. Auch Ferrari-Technikchef Pat Fry nahm alle Beschuldigen von den Bullen und erklärte von sich aus, das gelb-rote Flaggen geschwenkt wurden und man Vettel nichts vorwerfe.

Bei mir gibt es keine Wunder. Ich vollbringe meine Wunder innerhalb der Regeln.
Fernando Alonso

Sache vom Tisch - dachte man, bis die Videos vom Überholmanöver Vettels gegen Jean-Eric Vergne auftauchten. Zuerst sah es nicht nach einer Reaktion von Ferrari aus, bis Alonso die erste Spitze setzte. "Bei mir gibt es keine Wunder", so der Doppelweltmeister auf Twitter. "Ich vollbringe meine Wunder innerhalb der Regeln." Es war zu vermuten, dass er auf den vermeintlichen Regelverstoß seines WM-Konkurrenten in Brasilien anspielte.

Zunächst schien das der einzige Sturm im Wasserglas zu bleiben, bis ein möglicher Protest der Italiener im Raum stand. Auf Nachfrage von Motorsport-Magazin.com bestätigte Ferrari-Sprecher Luca Colajanni, dass sich die Scuderia das Videomaterial von Vettel gegen Vergne genau ansehen würde. Diese Auswertung der Aufnahmen führte Ferrari schließlich dazu, die FIA schriftlich um eine Klarstellung zu bitten.

Was sagt Red Bull?

Offiziell gibt es von der Red Bull-Chefetage noch keine Stellungnahme zu den Vorwürfen von Ferrari, doch bereits nach dem Saisonfinale erklärte Teamchef Christian Horner: "Unser Erfolg ist für einige der etablierten Kollegen nicht einfach zu verdauen." Mark Webber gibt Vettel Rückendeckung. Für den Australier ist klar: das letzte Saisonrennen ist gelaufen, die WM ist gewonnen.

"Es ist vorbei", erklärte Webber in Richtung Ferrari. Erst die Medien hätten besagtes Vettel-Manöver in Interlagos zu einem Skandal aufgebauscht, so titelte die spanische Zeitung Marca: 'Vettel außerhalb der Regeln'. Doch laut Horner kann Vettel nicht nur im Auto mit Störfaktoren gut umgehen, sondern auch im Kopf. "Er verliert nie den Fokus. Je größer der Druck ist, umso besser ist er."

Gelb während der beiden Safety-Car-Phasen - Foto: Sutton

Was ist das Problem mit gelben Flaggen?

Gelbe Flaggen zeigen Gefahrenstellen auf der Strecke an. Gab es irgendwo einen Unfall oder liegen gefährliche Teile auf der Piste, werden diese Abschnitte mit gelben Flaggen gekennzeichnet. In diesen Bereichen gilt Überholverbot und die Fahrer sind dazu angehalten, ihre Geschwindigkeit angemessen zu reduzieren. Wird gegen diese Vorschriften verstoßen, sprechen die Stewards im Fall von Überholmanövern normalerweise eine Durchfahrtsstrafe aus. Das bedeutet, der Fahrer muss einmal durch die Boxengasse fahren, hat dort das Tempolimit zu beachten und darf nicht seine Box für Arbeiten am Auto ansteuern.

Zonen mit gelben Flaggen können auf verschiedene Arten gekennzeichnet sein: so gib es etwa ein elektronisches Signal am Streckenrand, eine Anzeige auf dem Lenkrad und Marshalls, die die Flaggen schwenken. Wichtig dabei ist, dass immer nur die letzte Anzeige zählt. Das bedeutet, kommt ein Fahrer an einem elektronischen Gelbsignal vorbei, ist er in einer gefährlichen Zone.

Sollte vor dem nächsten elektronischen Signal bereits eine grüne Fahne gezeigt werden, die das Ende der Gefahrenzone kennzeichnet, muss ein Fahrer nicht bis zum nächsten elektronischen Signal warten. Sobald er grün gezeigt bekommen hat, darf er wieder überholen. Knifflig ist dabei, dass die Anzeige am Lenkrad mit den elektronischen Tafeln am Streckenrand zusammenarbeitet. Das bedeutet, selbst wenn ein Fahrer per normaler Flagge grün signalisiert bekommen hat, wird am Lenkrad noch gelb angezeigt bis er zum Elektro-Signal kommt, obwohl er eigentlich grün hat.

Hier gibt es nichts zu sehen - Foto: Youtube

Warum waren die Szenen nicht mehr auf Youtube zu finden?

Die Videos zu Sebastian Vettels vermeintlich verbotenem Überholmanöver sprießen auf der Video-Plattform Youtube wie die Pilze aus dem Boden. Zahlreiche von ihnen wurden mittlerweile jedoch wieder vom Netz genommen, sodass nach dem Abruf nur mehr eine Meldung erscheint, die darüber Auskunft erteilt, dass sie wegen des Urheberanspruchs von Formula One Management nicht mehr verfügbar sind.

Der Hintergrund ist simpel: Formula One Management (FOM) ist als Inhaber der Rechte für die TV-Übertragungen daran interessiert, dass die Formel-1-Bilder nicht für jedermann im World Wide Web frei zugänglich sind. Dies würde die Rechte einerseits entwerten und andererseits wären die Fernsehstationen, die für sie bezahlen, verstimmt. Nach welchem Muster Formel-1-Videos gelöscht werden, ist dennoch unklar, da sich unzählige Mitschnitte von Grands Prix aus den verschiedensten Jahren bei Youtube finden, ohne entfernt zu werden.


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