Formel 1 - Halbzeitbilanz: McLaren

Kein Harakiri, kein Reifenflüsterer

Sommerpause in der Formel 1. Zeit für eine erste Bestandsaufnahme - Motorsport-Magazin.com analysiert die Leistungen der Fahrer und Teams 2012. Heute: McLaren.
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Das Auto

In Sachen Optik sammelte der MP4-27 schon vor dem Saisonstart Pluspunkte. Als einziges Top-Team verzichtete die Truppe aus Woking beim Design des Autos auf die ansonsten unvermeidliche Stufennase. Und zu Saisonbeginn hatte es den Anschein, als sei der McLaren nicht nur schön, sondern auch schnell. Im Qualifying zum Australien Grand Prix fuhren die McLaren-Piloten der Konkurrenz regelrecht um die Ohren. Mit den Plätzen eins und drei im Rennen wurde die Vormachtstellung nur noch untermauert.

Wir können mit einem Satz Reifen immer noch nicht so lang fahren wie Red Bull, Lotus oder Ferrari.
Lewis Hamilton

Aber jene Experten, die einen Durchmarsch der Chrompfeile voraussagten, wurden schnell eines Besseren belehrt. Spätestens in Bahrain war die Dominanz des Teams von Martin Whitmarsh passé. Insbesondere die kniffligen Pirelli-Pneus machten McLaren zu schaffen. Zum einen wurden Lewis Hamilton und Jenson Button immer wieder von zu starkem Reifenabbau, insbesondere an den Hinterreifen, ausgebremst. Zum anderen hatten beide Piloten Schwierigkeiten, die Pneus zum Arbeiten beziehungsweise ins richtige Temperaturfenster zu bringen.

In Budapest gehörte der MP4-27 nach dem zwischenzeitlichen Durchhänger aber wieder zu den Top-Autos. An Speed mangelt es seit dem letzten Update nicht mehr. Über eine Runde war der McLaren-Bolide auf dem Hungaroring das schnellste Auto im Feld. Im Rennen dagegen bereitete den Fahrern weiterhin der hohe Verschleiß Probleme. "Wir können mit einem Satz Reifen immer noch nicht so lang fahren wie Red Bull, Lotus oder Ferrari", sagte Ungarn-Sieger Hamilton. Und es hat ganz den Anschein, als sollte das Problem McLaren noch länger beschäftigen. Mit einem anderen Setup ließe sich der Abbau zwar in den Griff kriegen, allerdings würde darunter auch die Qualifying-Performance leiden, hieß es von Seiten des Teams.

Team & Fahrer

Die McLaren-Crew zeigte in dieser Saison zwei Gesichter. Gerade zu Beginn der Saison verpatzte das Team einige Boxenstopps, so büßte vor allem Hamilton die eine oder andere bessere Platzierung ein. Inzwischen hat McLaren den einstigen Schwachpunkt aber in eine Stärke umgewandelt. "Die Mechaniker und die Pitcrew machen alle einen tollen Job", bestätigte Button. In der Tat: Beim Rennen auf dem Hockenheimring stellte das britischen Traditions-Team mit 2,31 Sekunden für einen kompletten Reifenwechsel einen neuen Weltrekord auf. Der McLaren-Kommandostand war gegen Fehlleistungen ebenfalls nicht immun. Nach seiner Qualifying-Bestzeit in Barcelona blieb Hamilton noch auf der Strecke stehen, weil das Team ihn mit zu wenig Sprit herausgeschickt hatte. Zur Strafe musste er das Rennen anstatt von der Pole vom letzten Startplatz in Angriff nehmen.

Wer ist die Nummer eins bei McLaren? Derzeit spricht vieles für Lewis Hamilton - Foto: Sutton

Hamilton selbst hat seine Fehlerquote hingegen nachhaltig reduziert. 2011 noch für seinen Harakiri-Fahrstil angefeindet, bestach der 27-Jährige in dieser Saison durch besonnenes Fahren - auch wenn es mal nicht so gut lief. Bestes Beispiel dafür war der Große Preis von Spanien, als er von P24 auf Rang acht nach vorne fuhr. Hinzu kam eine bemerkenswerte Konstanz. In Montreal wurde er von Pastor Maldonado abgeschossen, auf dem Hockenheimring von einem Platten und einem technischen Defekt ausgebremst - ansonsten beendete Hamilton alle Rennen in den Punkterängen; in Kanada und Ungarn stand er ganz oben auf dem Podest. Über eine schnelle Runde gehörte der Champion von 2008 nach wie vor zu den Stärksten. Mit vier Bestzeiten im Zeittraining - Barcelona mitgerechnet - ist er der Qualifying-König der aktuellen Saison.

Des einen Freud, des anderen Leid: Nach seinem Sieg in Melbourne noch zum Topfavorit auf den Titel erklärt, ist Button von seinem Teamkollegen inzwischen zur klaren Nummer zwei bei McLaren degradiert worden. Zum Verhängnis wurde ihm das sechs Rennen andauernde Tief von Bahrain bis Silverstone, in dem er es gerade einmal auf läppische sieben Punkte brachte. Gerade Reifenflüsterer Button kam auf den unberechenbaren Pirelli-Walzen überhaupt nicht zurecht und verpasste gleich mehrere Male den Sprung in die dritte Qualifying-Runde; im Rennen kämpfte er dann auf verlorenem Posten. Die Ankündigung, dass er immer noch im Titelrennen sei, klang angesichts von 41 Punkten Rückstand auf Hamilton und einer Qualifying-Bilanz von 1:10 wie das Pfeifen im Walde.

Ausblick auf zweite Saisonhälfte

In der Meisterschaft hat Hamilton mit 47 Punkten Rückstand auf WM-Leader Alonso noch alle Trümpfe in der Hand. Sollte er in den verbleibenden neun Rennen mit ähnlichen Leistungen aufwarten wie in der ersten Saisonhälfte, ist er ein ernsthafter Kandidat auf den Titel - dafür muss McLaren allerdings das Reifen-Rätsel lösen. So sieht das auch der ehrgeizige Brite. "Wenn wir so weitermachen und unser Auto weiter verbessern, ist der WM-Titel immer noch drin."

Wenn wir so weitermachen und unser Auto weiter verbessern, ist der WM-Titel immer noch drin.
Lewis Hamilton

Um die bestmöglichen Voraussetzungen für den Titelkampf zu schaffen, ist es unerlässlich, dass die Vertragsverlängerung mit Hamilton schnellstmöglich eingetütet wird. Ebenso wichtig wäre es, eher früher als später ein Machtwort in der teaminternen Rangfolge zu sprechen. Immerhin erklärte sich Button schon einmal bereit, den Edelhelfer für seinen Teamkollegen zu spielen, sobald er rechnerisch keine Chance mehr besitzt. Sollte die Entwicklung der letzten Wochen weitergehen, dürfte das nicht mehr allzu lange dauern.


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