Formel 1 - Brasilien GP: Acht Antworten zum Rennen

Getriebesalat in Interlagos

Vettels Getriebeprobleme, der Schumacher/Senna-Zwischenfall und Pfiffe für eine F1-Legende? Motorsport-Magazin.com liefert die Antworten zum Brasilien GP.
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1. - Was hatte es mit Vettels Getriebeproblemen auf sich?

"Ein Phantom-Problem im Getriebe des Rennwagens von Sebastian Vettel verhilft Mark Webber zum Sieg. Die Panne des Weltmeisters sah sehr nach einem Manöver des Red-Bull-Teams zugunsten des Australiers aus, der die ganze Saison klaglos durchgehalten hatte." So lautete die Schlagzeile einer spanischen Tageszeitung nach dem Finale in Brasilien. Nach Webbers Sieg in Interlagos rätselten einige, ob Vettel nun wirklich ein Problem mit dem Getriebe seines RB7 hatte. Schließlich konnte er seine Verfolger Jenson Button und Fernando Alonso in Schach halten.

Dabei erklärte Vettel, er habe bereits in der fünften Runde bemerkt, dass etwas nicht im Auto stimmte. Das teilte ihm auch das Team mit und fortan schonte Vettel sein Getriebe, indem er höhere Gänge als üblicherweise einlegte und versuchte, so wenig wie möglich zu schalten. "Es wird immer Leute geben, die spekulieren", tat Teamchef Christian Horner die Gerüchte ab. "Aber Fakt ist, dass es ein Problem gab und ich beim besten Willen nicht weiß, wie das Getriebe das Rennen überstand." Erst in der 30. Runde des Rennens ließ Vettel seinen Teamkollegen auf dessen Weg zu seinem ersten Saisonsieg überholen.

Es wird immer Leute geben, die spekulieren. Aber Fakt ist, dass es ein Problem gab und ich beim besten Willen nicht weiß, wie das Getriebe das Rennen überstand.
Christian Horner

Dazu muss gesagt werden, dass auch Webber an diesen Sonntag eine starke Pace hatte und Vettel Runde um Runde Zehntel abjagte. Dass der Weltmeister das Rennen überhaupt über die volle Distanz fuhr, war für Horner ein Mysterium. "In den letzten fünf Runden dürfte null Öl mehr im Getriebe gewesen sein", vermutete er. Erstaunlicherweise fuhr Vettel jedoch erstaunlich konstante Rundenzeiten. Button und Alonso holten im letzten Drittel des Rennens zwar kräftig auf, doch man kann davon ausgehen, dass Vettel seinen Motor zu diesem Zeitpunkt bereits schonte. Ein Fall gekünstelter Stallorder? Vettel wird mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Problem mit seinem Getriebe gehabt haben - die Frage ist nur, wie ausgeprägt dieses war.

2. - Was passierte zwischen Schumacher und Senna?

Tatort: Interlagos, Runde 10. Michael Schumacher und Bruno Senna waren bis zu diesem Zeitpunkt gut unterwegs, doch eine Kollision der beiden zerstörte das jeweilige Rennen. Der Mercedes-Fahrer schlitzte sich beim Überholmanöver seinen linken Hinterreifen am Frontflügel des Brasilianers auf und musste früher als geplant in die Box. Senna selbst verlor einiges an Zeit und Teile seines Flügels. Im Anschluss an die Szene bekam der Lotus Renault Pilot zudem eine Durchfahrtsstrafe aufgebrummt.

Da hat's geknallt: Schumacher und Senna - Foto: Sutton

"Für mich war die Strafe schon ein bisschen unverständlich", erklärte Senna nach dem Rennen gegenüber Motorsport-Magazin.com. "Er hat halt sehr früh eingelenkt, ich war voll auf der Bremse, wo soll ich hin? Sie (die Stewards) meinen, ich hätte nicht genug Platz gemacht, als Schumacher das erste Mal eingelenkt und rüber gezogen hat." Viele bewerteten den Zwischenfall als Rennunfall, auch wenn Senna bei genauerer Betrachtung eher als der Schuldige auszumachen war. Ob die Drive through am Ende nicht etwas überhart war, daran scheiden sich die Geister.

3. - Warum musste Hamilton vorzeitig aufgeben?

Die Geschichte des Rennens in Interlagos waren Getriebeprobleme. Wie selten zuvor in dieser Saison, plärrte es aus zahlreichen Teamfunks: "Wir haben Schwierigkeiten mit dem Getriebe." So auch bei Lewis Hamilton. "Du kannst aber nichts machen", lautete die Ansage an den Briten. In Runde 37 gab das Getriebe des MP4-26 endgültig den Geist auf und Hamilton rollte aus. "Schon früh bemerkten wir einen Abfall im Öldruck, dann verlor er den siebten Gang und später den gesamten Vortrieb. Damit musste er Schluss machen", erklärte McLaren-Teamchef Martin Whitmarsh nach dem Rennen.

Dabei hatten sich zahlreiche Beobachter auf ein weiteres Duell zwischen Hamilton und Dauerrivale Felipe Massa gefreut. Dazu kam es auch, doch am Ende kämpfte der Brite mit stumpfen Waffen und konnte gar keinen Gang mehr bedienen, nachdem sich die Probleme bereits zu Rennbeginn aufgetan hatten. "Ich forderte Felipe am Ende heraus und hoffte, dass ich ihn bekommen kann, aber das Getriebe hat nicht gehalten", ärgerte sich Hamilton über das verpatzte Rennen.

4. - Warum stoppte Massa als einziger unter den Top-6 nur zwei Mal?

Während die ersten Fünf den Brasilien GP mit einer Drei-Stopp-Strategie beendeten, steuerte Felipe Massa die Ferrari-Box lediglich zwei Mal an. Letztendlich musste er sich mit dem fünften Platz hinter Alonso begnügen. "Sicher hätte ich mir gewünscht, meinen 100. Grand Prix mit Ferrari mit einem deutlich anderen Ergebnis zu feiern, aber ich habe den Lauf der Dinge zu akzeptieren", gab Massa nach dem Rennen an.

Sicher hätte ich mir gewünscht, meinen 100. Grand Prix mit Ferrari mit einem deutlich anderen Ergebnis zu feiern, aber ich habe den Lauf der Dinge zu akzeptieren.
Felipe Massa

Was war passiert, warum holte die Scuderia den Brasilianer nicht auch drei Mal zum Reifenwechsel in die Box? Die Antwort liefert das vorangegangene Qualifying. Am Samstag entdeckte das Team einen Schaden an einem der für das Rennen geplanten weichen Reifen, was Massa dazu zwang, am Sonntag nur zwei Stopps einzulegen. "Ich wusste, dass mich das zurückwerfen würde, weil ich eine Menge Runden auf den Medium-Reifen würde fahren müssen", so Massa, dem Ferraris Probleme mit der härteren Mischung in diesem Jahr mehr als bewusst sind.

5. - Wofür kassierte Virgin nach dem Rennen eine Strafe?

Nach dem letzten Rennen der Saison wurde Virgin noch einmal zur Kasse gebeten. Bevor das Team nächstes Jahr offiziell den Namen Marussia tragen wird, sind 5.000 Euro Strafe an die FIA fällig. Timo Glock hatte kurz nach seinem Boxenstopp das linke Hinterrad seines Autos verloren und musste daraufhin das Rennen beenden. Dabei hatten alle Beteiligten sogar noch Glück, dass das Rad nicht über die Begrenzung auf die Strecke kullerte.

"Unglaublich, dass man so einen Fehler machen darf", polterte er weiter und kriegte sich kaum noch ein. "Wir haben in den zwei Jahren jetzt schon so manchen Boxenstopp verhauen. Das Team muss sich jetzt wirklich auf den Arsch setzen und daran arbeiten." Die Verantwortung für das Release habe der Lollipopmann, der sich aber auch auf die Handzeichen seiner Mechaniker verlassen müsse, erklärte Glock. "Ich weiß nicht, wie man einen Boxenstopp so verhauen und mich dann auch noch losschicken kann."

Glock hatte ein Rad ab... - Foto: Sutton

6. - Wie schaffte es Force India wieder unter die Top-10?

Adrian Sutil beendete die Saison auf der Strecke mit einem Highlight. Er fuhr in Brasilien nicht nur den sechsten Platz ein, sondern setzte sich gleichzeitig gegen die beiden Mercedes durch. "Am Anfang konnte ich recht viel Druck auf Nico machen und wusste eigentlich, dass ich schneller bin", beschrieb Sutil sein Duell mit Rosberg bei Motorsport-Magazin.com. "Und am Ende hat es dann gepasst, denn ich konnte ihn dann auch auf den harten Reifen überholen und einen komfortablen Vorsprung herausfahren."

Dabei hatte Force India Sutil mit einer Zwei-Stopp-Strategie ins Rennen geschickt, während Teamkollege Paul Di Resta drei Mal neue Reifen aufziehen ließ. Der Plan ging am Ende für beide auf. "Die Reifen haben nicht so lang gehalten, deshalb mussten wir auf drei Stopps gehen. Das war die richtige Wahl, denke ich", glaubte Sutil. Di Resta hatte unterdessen - wie so viele im Feld - mit Getriebeproblemen zu kämpfen. Er profitierte von Schumachers und Sennas Kollision und hatte dank dem Rückstand der beiden gleich zwei Konkurrenten um einen der Top-10-Plätze weniger. Force India hat im letzten Drittel der Saison einen großen Schritt nach vorn gemacht, während die direkten Rivalen eher stagnierten. Das zeigte sich auch im Rennen, denn Kobayashi und Petrov konnten die Pace des VJM04 kaum mitgehen.

7. - Warum herrschte nach dem Rennen ausgelassener Jubel in der Box von Team Lotus?

Fast noch mehr Trubel als bei Red Bull herrschte in der Box von Team Lotus, bald Caterham Racing. Dabei scheinen die Plätze 16 und 18 für Heikki Kovalainen und Jarno Trulli nicht allzu besonders. Der Finne war zwar schneller als Senna, doch der Brasilianer hatte mit zahlreichen Problemen zu kämpfen und schleppte sich mehr schlecht als recht durchs Rennen. Der Clou liegt vielmehr im Ausgang der Konstrukteurs-WM. Die Truppe von Tony Fernandes sicherte sich in der Endabrechnung Platz zehn.

Heute musste ich beinahe weinen.
Tony Fernandes

Keines der drei "neuen" Teams erzielte im Verlaufe dieser Saison auch nur einen einzigen Zähler, doch Team Lotus hat dank zweier 13. Plätze die Nase vorn. HRT oder Virgin hätten einen ihrer Boliden in Interlagos auf P12 stellen müssen, um Team Lotus vom zehnten Rang zu verdrängen. Grund für den Lotus-Jubel war das liebe Geld, denn nach der zweiten Saison in Folge mit Konstrukteurs-Rang zehn steigt das zukünftige Caterham Team in die Ebene 1 auf und kann sich über 25 Millionen Dollar extra freuen. "Heute musste ich beinahe weinen", grinste Fernandes und hatte die grünen Dollar-Zeichen sprichwörtlich in den Augen. Für die letzten beiden Plätze in der WM gibt es unterdessen keine Kohle, auch wenn HRT und Virgin dank Vertragsklauseln immerhin zehn Millionen von Bernie Ecclestone kassieren.

8. - Warum wurde Nelson Piquet in Interlagos ausgepfiffen?

Im Rahmen des Saisonfinales in Brasilien wurde Nelson Piquet für sein Lebenswerk geehrt. Um dies gebührend zu begehen, durfte der dreifache Weltmeister nicht nur die Zielflagge schwenken, sondern vor dem Rennen Ehrenrunden in seinem 1981er Brabham über die Strecke drehen. Eigentlich ein tolles Erlebnis für die brasilianischen Fans, doch plötzlich hallten Pfiffe und Buhrufe für den Lokalmatador von den Tribünen. Was war passiert?

Auf seiner letzten Runde schwenkte Piquet eine Fahne des Fußball-Klubs Vasco da Gama, der als Tabellenzweiter der brasilianischen Serie Campeonato Brasileiro zwei Spieltage vor Saisonende noch mit Spitzenreiter Corinthians Sao Paulo um den Titel kämpfte. "Das war genau das, was ich wollte: Dass die Leute pfeifen", meinte Piquet und genoss das gellende Pfeifkonzert der zahlreichen Corinthians-Anhänger.


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