Formel 1 - Interview - Christian Klien

Das Jahr der Rückkehr

Christian Klien schaffte in diesem Jahr, worauf er fast vier Jahre lang warten musste: den Sprung zurück in ein Formel 1-Renncockpit.
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Motorsport-Magazin.com - Christian, fühlst du dich nun wieder als "richtiger Formel 1-Fahrer"?
Christian Klien: Natürlich. Auch wenn es nicht immer einfach war, vier Jahre lang als Test- und Ersatzfahrer immer bereit zu sein und am Sonntag ohne Einsatz wieder die Tasche zu packen. Trotzdem war ich in all dieser Zeit immer voll ins Geschehen involviert. Dieses Know-How in der Autoentwicklung und Testarbeit kann man sich auch nur in der Formel 1 aneignen.

Mir war klar, dass die Kombination aus Jugend und Formel 1-Erfahrung ein gutes Argument ist
Christian Klien

Fühlst du etwas Schadenfreude gegenüber einigen Zweiflern?
Christian Klien: Nein. Es ist völlig logisch, dass man die Karriere eines Fahrers hinterfragt, wenn er sein Cockpit verliert, wie es bei mir 2006 der Fall war. Ich empfinde allerdings große Genugtuung. Denn die wenigsten Fahrer schaffen es danach, wieder in die Formel 1 zurückzukommen. Mein großer Bonus war und ist mein Alter. Mir war klar, dass die Kombination aus Jugend und Formel 1-Erfahrung ein gutes Argument ist. Dementsprechend behutsam haben wir den Karriereplan ausgelegt. Die Lehrjahre bei Honda und BMW-Sauber waren ebenfalls wertvoll. Ganz konkret habe ich auch keine negativen Gefühle gegenüber Red Bull Racing. Wieso auch? Ich freue mich im Gegenteil für die vielen guten Jungs dort, die noch an meinem Auto gearbeitet haben. Sie haben sich den WM-Titel verdient.

Christian Klien hat noch immer genug Speed - Foto: Sutton

Was waren die Höhepunkte und Tiefpunkte in diesem Jahr aus deiner Sicht?
Christian Klien: Höhepunkte waren jene Momente, wo ich das Auto in der kurzen Zeit vorwärts bringen konnte. In Barcelona hat beim Freitagstest noch nichts gepasst. In so kurzer Zeit kann man eigentlich gar nichts weiterbringen. Du sitzt in einem Auto, das du nie gefahren bist. Du hast kein Gefühl fürs Bremsen, Einlenken, das Ansprechverhalten des Motors und so weiter. Ein reiner Blindflug, der auch nicht ganz ungefährlich ist. Am Ende der Session war ich dennoch schneller als mein Teamkollege, der das Auto seit Saisonbeginn fährt. Das war für den Anfang ganz gut. Denn ab da haben mich einige im Fahrerlager wieder freundlich gegrüßt, die mich in den Jahren zuvor kaum wahrgenommen haben. So ist es halt in der Formel 1. Wenn Du Jahre weg bist, glaubt dir doch keiner, dass du den Speed noch hast, solange sie es nicht selbst sehen.

Und die Tiefpunkte?
Chistian Klien: Als ich beim zweiten Rennen, in Brasilien am Ende der Installationsrunde das Auto abstellen musste, weil der Benzindruck in den Keller gefallen war. Ausgerechnet dort! Wir waren im Training erstmals richtig nah dran an Virgin und Lotus. Wir hatten eine realistische Chance, sie erstmals im direkten Kampf zu schlagen. Und dann komme ich nicht bis in die Startaufstellung. Aber die HRT-Ingenieure sind fantastisch im Troubleshooting. Mit 4 Runden Verspätung konnte ich dann aus der Bosengasse starten. Leider habe ich dadurch auch die Sambatänzerinnen auf der Haupttribüne verpasst. Also doppelt dumm gelaufen.

Christian Klien sitzt endlich wieder im Cockpit - Foto: Sutton

Warum ist es so schwierig, ein neues Auto zu beherrschen?
Christian Klien: Einerseits haben wir keine Testfahrten mehr. Dadurch fängt man am Freitag wirklich bei der Henne und beim Ei an. Und auch fahrerisch gibt es keine Möglichkeit, besser zu werden. Da hilft nur eiserne Disziplin im Aufbautraining und mentale Stärke. Man hat ja letztes Jahr bei Giancarlo Fisichella gesehen, wie schwierig es ist, sogar als etablierter Fahrer während der Saison das Auto zu wechseln. In Spa war er mit dem Force India noch auf Pole. Im nächsten Rennen wurde er Ferrari-Fahrer und im Siegerauto von Spa sogar überrundet. Jedenfalls wusste ich erst in Brasilien, wie sich das Auto anfühlt, wenn es mit vollem Tank über die ganze Distanz geht. Und man vergisst von außen oft, wie wichtig das Zusammenspiel von Fahrer und Ingenieuren ist. Da reichen drei Rennen bei weitem nicht aus, um ein Auto vollständig zu verstehen.

Warum war das teaminterne Kräfteverhältnis in Abu Dhabi anders?
Christian Klien: Es war vom Anfang an ein schwieriges Wochenende. Der Freitag lief gut, aber dann bekam ich Bremsprobleme. Wir haben auf dem letzten Drücker, also genau bis zum Start des Qualifyings noch die komplette Bremsanlage umgebaut. Das Bremsproblem war behoben, aber das Setup dadurch beim Teufel. Nach dem Qualifying darf man aber nicht mehr am Auto arbeiten. Und so wurde es verdammt schwer, das Auto unter Kontrolle zu halten. Der Funk war bald weg, also arbeiteten wir mit Boxentafeln. Die waren aber kaum lesbar, weil die Mauer in der Anbremszone der Kurve 1 liegt. Ich hatte zum Beispiel keine Ahnung, wie viele Runden es noch geht. Und die Trinkflasche war von Beginn an defekt. Das war in dieser Hitze kein Spaß. Alles in allem hätte es also in Abu Dhabi besser laufen können.

Ich bin kein Paydriver. Aber man muss heute Partner haben, sonst fällt man in der Formel 1 unten schnell wieder raus
Christian Klien

Waren die drei Rennen bei HRT es wert, auf einen möglichen Le Mans-Sieg zu verzichten?
Christian Klien: Peugeot hat die klare Order ausgegeben: Wer in Le Mans fahren will, muss sich zu 100% darauf konzentrieren. Als einziger im Kader hatte ich aber diese Chance, einen Fuß in die Formel 1 zu bekommen. Also musste ich Olivier Quesnel schweren Herzens für heuer absagen. Dass ich trotzdem als Ersatzpilot mitgenommen wurde werte ich als Zeichen großen Vertrauens und ich bin für diese Wertschätzung sehr dankbar. Immerhin konnte ich bei Peugeot in den letzten Jahren viele Kilometer sammeln und auch Rennen gewinnen. Und das Gefühl, in Le Mans unter 200.000 Menschen am Podium zu stehen gibt man nicht so einfach her. Aber die Formel 1 hat klare Priorität.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit deinem neuen Manager Roman Rummenigge?
Christian Klien: Ausgezeichnet. Roman kennt die große Sportwelt von Kindesbeinen an. Er hat keinen leichten Job, denn die Sponsoren stehen in der Formel 1 nicht gerade Schlange. Wie man zum Beispiel an Sauber oder Williams sieht, sind auch etablierte Namen kein Garant für dicke Sponsorsummen. Aber Roman soll nicht in erster Linie Sponsoren aufstellen, sondern den Markt sondieren und Karriereschritte vorbereiten. Er spricht mit den Teams und bringt gegebenenfalls Angebot und Nachfrage zusammen. Ich bin kein Paydriver. Aber man muss heute Partner haben, sonst fällt man in der Formel 1 unten schnell wieder raus.

Auf der Kliens To-do Liste: 20 Grand Prix 2011 - Foto: Sutton

Wie sieht es für 2011 aus?
Christian Klien: Das Beispiel Nico Hülkenberg zeigt, dass es keine Garantien gibt. Nico fährt ein super Debütjahr, Pole Position in Brasilien und fliegt trotzdem raus. In meinem Fall sehe ich einige Optionen. Die naheliegendste ist natürlich HRT. Ich werte die Renneinsätze natürlich auch als vorgezogenen Test für 2011. Das Team ist drauf und dran, sich als ernstzunehmender Konkurrent in der Formel 1 zu etablieren, auch wenn es ab und zu Rückschläge gibt. Aber es sah schon mal schlechter aus. Im Februar standen dort nur ein paar Kisten, Mechaniker und einige Ingenieure herum. Und ich hätte nicht geglaubt, heuer noch drei Grands Prix zu bestreiten. Bis Mitte März ist ja noch einige Zeit. Mein erklärtes Ziel ist es, 2011 alle 20 Grands Prix zu fahren.

Warum ist es heute so schwer, einen Platz in der Formel 1 zu bekommen?
Christian Klien: Es hat immer Zeiten gegeben, wo es extrem schwierig war. Heute ist es verhältnismäßig schwierig, wenn du aus Mitteleuropa kommst. Denn die Formel 1 internationalisiert sich im Eiltempo. Früher hattest du als Brite, Italiener, Franzose gute Karten. Heute gibt es annähernd genauso viele Cockpits wie vor zehn oder 20 Jahren. Aber der Fahrermarkt wird heute aus viel mehr Ländern gespeist: Russland, Indien, der ganze südostasiatische Raum, bald wohl auch Korea und China. Da ist es klar, dass der Kampf ums Cockpit schon rein mathematisch enger wird. Und wenn Du heute der achte Deutsche bist, dann wird´s ganz schwer. Siehe Frankreich und Italien – vor zwanzig Jahren waren noch gut zehn Franzosen und zehn Italiener im Starterfeld. Und heute?

Ich warte sehnsüchtig auf den Schnee. Denn ich bin ja in 45 Minuten am Arlberg und freu mich schon aufs Skifahren
Christan Klien

Wird 2011 wieder ein Jahr der Paydriver?
Christian Klien: Wer heute eine staatliche Mineralölfirma im Rücken hat oder einen großen Mobilfunker aus einem wirtschaftlich interessanten Markt, für den gehen viele Türen auf. Der wirtschaftliche Faktor ist seit zwei Jahren überproportional wichtig geworden. Sogar große Namen wie Kimi Räikkönen in der Rallye-WM sind auf Partner angewiesen, um ihr Cockpit zu sichern. Aber in der Formel 1 hat man dazugelernt. Denn nicht alle versprochenen Gelder kommen auch immer an. Da waren einige Schnellschüsse dabei. Und wenn ein Paydriver im Jahr ein paar Chassis zerstört und noch dazu wenige Punkte macht, dann kann die Rechnung schnell anders aussehen. Denn jeder bessere Platz in der Konstrukteurs-WM bringt viel Geld fürs Team. Die Teams stehen unter enormem Kostendruck. Die einzige Lösung wäre es, die Kosten für die Formel 1 wie schon öfters diskutiert wirklich deutlich zu senken.

Was machst Du im Winter?
Christian Klien: Trainieren, trainieren, trainieren. Am 1. Februar beginnen die Testfahrten in Valencia. In etwas mehr als drei Monaten geht es zum Saisonstart nach Bahrain. Ich warte sehnsüchtig auf den Schnee. Denn ich bin ja in 45 Minuten am Arlberg und freu mich schon aufs Skifahren. Außerdem werde ich mit meiner Hobbytruppe zwei Mal pro Woche in Hohenems Eishockey spielen. Das hält auch fit und wir nehmen das alle ziemlich ernst. Ich spiel natürlich Stürmer.


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