Formel 1 - Belgien: Die 7 Schlüsselfaktoren

Wenn es Nacht wird in Spa...

Vor dem Rennen in Belgien wird über das Wetter gerätselt, die Reifenknappheit diskutiert und die Topspeeds gemutmaßt.
von

1. - S wie Startaufstellung

Die Serie hat gehalten: Auch auf der McLaren-Strecke in Spa-Francorchamps sicherte sich ein Red-Bull-Pilot die Pole Position. Für Mark Webber war es die fünfte Saison-Pole, für sein Team die zwölfte im dreizehnten Qualifying. Neben ihm startet Lewis Hamilton, dahinter Robert Kubica und Sebastian Vettel. Letzterer verpasste eine bessere Zeit durch Fehler und ein ungünstiges Timing bei einsetzendem Regen.

Noch viel schlimmer erwischte es aber Ferrari. Felipe Massa startet von Platz 6, Fernando Alonso sogar nur von Platz 10. "Ich kann mit diesem Ergebnis nicht zufrieden sein", sagt der Spanier. "Aber wenn die Startposition auf einer Strecke weniger kritisch ist, dann hier." Schließlich gibt es in Spa Überholmöglichkeiten und potenzielles Wetterchaos.

2. - S wie Start

Wenn die Startposition auf einer Strecke weniger kritisch ist, dann hier.
Fernando Alonso

Der Start ist in der Formel 1 immer entscheidend, doch obwohl es in Spa auch danach noch potenzielle Überholmöglichkeiten gibt, kommt ihm in diesem Jahr eine besondere Bedeutung zu. Aufgrund der verregneten Trainingstage konnten sich die Teams nicht wie gewollt auf das Rennen mit vollen Tanks vorbereiten. "Der längste Long Run am Freitag dauerte wahrscheinlich eine Runde", scherzte Sebastian Vettel.

Umso weniger wissen die Piloten über das Gefühl, mit vollem Tank durch Eau Rouge zu fahren. In der Senke dürfte das Auto mit voller Benzinlast stark aufsetzen - von Vollgas wird dann keine Rede mehr sein. Oder doch? "Eau Rouge geht für uns mit viel und wenig Benzin Vollgas - glauben wir", sagt Jenson Button. "Man will nicht lupfen, denn man will zur nächsten Kurve hin den Windschatten des Vordermanns." Und nicht von hinten überholt werden.

Für Kurve eins gab es sogar eine spezielle Einweisung von Fahrer-Steward Nigel Mansell, damit sich dort niemand daneben benimmt. So kam die klare Anweisung, dass die Fahrer innerhalb der weißen Linien bleiben sollen. "Das sollte man erwarten, hoffentlich macht es auch jeder. Ich habe noch gemeint, in Eau Rouge könnten viele Autos geradeaus fahren und viel Zeit holen. Hoffentlich achten sie auch darauf", sagte Button.

Auch Sebastian Vettel möchte am Start Boden gutmachen - Foto: Red Bull

Michael Schumacher hofft derweil auf ein Revival von 1995. Damals fuhr er von Startplatz 16 zum Sieg. Diesmal muss er sich von Platz 21 nach vorne kämpfen. Allerdings ist das Risiko einer Berührung oder eines Unfalls im hinteren Feld weitaus größer - speziell beim Start. "Man muss so aggressiv wie möglich sein und gleichzeitig sicherstellen, dass man nach der ersten Runde noch alle Teile dran hat und nicht in die Box muss, um einen neuen Fronflügel zu holen", so Schumacher. "Ich habe mit Nico [Rosberg] darüber schon gescherzt und zu ihm gemeint, dass es nicht lange dauern wird, bis er mich nach dem Start im Rückspiegel sehen wird."

3. - S wie Strecke

Es gibt wohl kaum einen Fahrer, der Spa nicht zu seinen Lieblingsstrecken zählt. Der Naturkurs in den belgischen Wäldern kennt keinen Vergleich im Rennkalender. "Dies liegt vor allem an dem geringen aerodynamischen Abtrieb, den wir in Belgien nutzen", sagt Robert Kubica. Trotz der vielen Hochgeschwindigkeits-Kurven liegt er in etwa auf einem Niveau mit jenem, den die Teams auf dem Stadtkurs von Montreal in Kanada einsetzen.

"Dies macht es für uns sehr schwierig, einen guten Kompromiss aus hohem Kurventempo und optimaler Höchstgeschwindigkeit für die beiden langen Vollgaspassagen zu Beginn und am Ende einer jeden Runde zu finden", erklärt Kubica. Spa besitzt einen ganz eigenwilligen Charakter mit wirklich aufregenden Kurvenpassagen - auch wenn so manche Biegung mit aktuellen Formel-1-Autos inzwischen locker mit Vollgas geht. Der mittlere Streckenabschnitt ist und bleibt eine große Herausforderung.

4. - S wie Sonntagswetter

Im GP3-Rennen hat es mehr geregnet, als jedes Auto aushält und 20 Minuten später schien die Sonne wie verrückt.
Sebastian Vettel

Spa-Wetter ist ja quasi schon ein geflügeltes Wort. Doch so typisches Ardennenwetter wie an diesem Wochenende gab es schon lange nicht mehr beim Belgien GP: in jeder Session regnete es. Mal mehr, mal weniger, mal trocknete die Strecke ab, mal blieb sie nass.

Sebastian Vettel veranschaulicht das Wetterphänomen Spa: "Im GP3-Rennen hat es mehr geregnet, als jedes Auto aushält und 20 Minuten später schien die Sonne wie verrückt." Solche Wetterumschwünge drohen auch im Rennen. Jenson Button hofft nur darauf, dass der Regen erst nach dem Start kommt und dieser noch im Trockenen erfolgt. Dann kann er mehr Plätze gutmachen.

Wann und vor allem wie stark es wirklich regnen wird, weiß vorher aber niemand. "Morgen gibt es angeblich keine so große Chance auf Regen, aber das heißt wohl, es wird regnen", sagt Button. "Wenn es in Spa nur die kleine Möglichkeit von Regen gibt, regnet es auch."

5. - S wie Strategie

Der Strategie kommt in Spa gleich aus zwei Gründen eine besondere Bedeutung zu: Einmal, weil die Regenreifen nach den vielen Regentrainings knapp werden und einmal, weil es jederzeit wieder regnen kann. "Manchmal kann dir die richtige Entscheidung im richtigen Moment bis zu einer Minute bringen", rechnet Fernando Alonso vor.

Wer nimmt Eau Rouge mit vollem Tank und bei nasser Strecke voll? - Foto: Sutton

Mit über 7 Kilometern Länge können wenige Sekunden oder Meter darüber entscheiden, ob ein Fahrer bei einem Schauer an der Boxeneinfahrt vorbeifährt oder im richtigen Augenblick hereinkommt und viel Zeit gutmacht. "Es wird für den Rennausgang entscheidend, das richtig hinzubekommen", meint McLaren-Teamchef Martin Whitmarsh. Eine gewisse Portion Glück gehört allerdings auch dazu.

Button hat in solchen Situation in diesem Jahr bislang gute Entscheidungen getroffen. "Es liegt an uns, die richtigen Entscheidungen zu treffen, damit wir zur rechten Zeit auf dem richtigen Reifen sind", so der amtierende Weltmeister. Ob es auch genügend Reifen dieser Sorte gibt, steht wieder auf einem anderen Blatt.

Der anspruchsvolle Kurs zehrt vor allem an den Intermediates, von denen jedem Fahrer für das gesamte nur vier Sätze zur Verfügung stehen. Regenreifen hat jeder Fahrer sogar nur drei Sätze. Aufgrund des vielen Regens am Freitag und Samstag mussten die Teams bei den Reifen sparen - sollte es im Rennen wieder abwechselnd regnen und abtrocknen, könnte der Reifenvorrat schnell zur Neige gehen.

6. - S wie Speed

Spa-Francorchamps gilt als Medium-Downforce-Strecke, doch die Streckencharakteristik der Ardennenachterbahn kommt jener des High-Speed-Mekkas Monza am nächsten. Deshalb rechnet sich Topspeed-König McLaren dank F-Kanal-Hilfe auch beste Chancen für beide Rennen aus. Red Bull hat hingegen rein theoretisch gesehen das Nachsehen.

Sektor 1 ist eine Kurve und dann nur geradeaus, Sektor 3 ist nur geradeaus und dann eine Kurve. Das ist nicht ideal für uns.
Sebastian Vettel

"Wir wussten schon vorher, dass es für uns in Sektor 1 und 3 schwer wird", gesteht Sebastian Vettel. Die Erklärung liefert er anschaulich hinterher: "Sektor 1 ist eine Kurve und dann nur geradeaus, Sektor 3 ist nur geradeaus und dann eine Kurve. Das ist nicht ideal für uns." Red Bull muss also im Mittelsektor zurückschlagen - und schafft es.

Im Rennen könnte der niedrigere Topspeed trotzdem ein Problem sein, wenn Vettel hinter einem Auto mit mehr Topspeed feststeckt, etwa dem Renault von Robert Kubica. Dann helfen nur Regen, ein Fehler oder eine andere Getriebeübersetzung, die im Windschatten doch ein Überholmanöver ermöglicht. Angesichts der wechselhaften Bedingungen im Training könnte das durchaus der Fall sein.

7. - S wie Spannung

Die Teams werden den Himmel genau beobachten - Foto: Mercedes

Wetter, Start und Spa - allein dieses Dreigestirn verspricht jede Menge Action. "Das Schöne ist, man weiß noch immer nicht, was passiert, denn für das Rennen sind mindestens vier Jahreszeiten vorhergesagt", sagt Kai Ebel. "Insofern ist der beste Pokerspieler gefragt."

Gewinnt also Robert Kubica? Der Pole winkt ab. "Ein Sieg ist außer Reichweite." Aber einen Podestplatz nimmt Renault schon ins Auge. Den Kampf zwischen Red Bull und McLaren könnte das Wetter entscheiden. "Es ist grundsätzlich alles drin, denn im Regen ist der Red Bull ein starkes Auto", erklärt Marc Surer. "Er hat viel Anpressdruck und das ist im Regen sehr wichtig. Wenn es trocken ist, werden sie McLaren nicht halten können."

Alex Wurz beurteilt die Situation ähnlich: "Wenn die Bedingungen konstant sind, dann wird der Sieg zwischen Webber und Hamilton ausgemacht. Aber Button darf man nie unterschätzen, er ist ein sehr cleverer Fahrer." Der Weltmeister kommt von Startplatz 5. Davor startet Sebastian Vettel. "Er ist kein schlechter Regenfahrer, sondern eigentlich extrem gut", erinnert Wurz. "Es ist schon eine interessante Situation und auch Alonso darf man nie abschreiben." Möge der Spaß beginnen.


Weitere Inhalte:

Motorsport-Magazin.com fragt
Facebook
Wir suchen Mitarbeiter
x