DTM - Neues Funkverbot: Chaos mit ohne alles

Das Schweigen der Männer

Das neue Funkverbot in der DTM kümmert die Fahrer nicht? Von wegen! Hockenheim hat gezeigt, was alles schief laufen kann ohne Infos vom Kommandostand.
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Motorsport-Magazin.com - Am Freitag vor dem DTM-Saisonauftakt in Hockenheim wollten wir von Timo Glock und Mike Rockenfeller wissen, welche Informationen sie in Folge des neuen Funkverbots am meisten vermissen werden. "Keine", lautete die einhellige und kurzangebundene Antwort. Was schon vor dem ersten Rennen nur schwer zu glauben war, sollte sich im weiteren Verlauf des Wochenendes bestätigen. Tatsächlich können die Fahrer ohne den gewohnten Funkverkehr mit dem Kommandostand aber auch mal ganz schön aufgeschmissen sein.

"Es ist schon ungewohnt, wenn du gar keine Infos mehr bekommst", bestätigte Meister Marco Wittmann im Gespräch mit Motorsport-Magazin.com. "In der Vergangenheit hat man sich schon mal erkundigt, wie die Pace ist und wo man steht. Alle diese Infos bekommst du jetzt nicht mehr. Jetzt ist es schon sehr ruhig im Auto."

Stille am anderen Ende der Leitung

Per Reglement ist es nur noch den Fahrern erlaubt, Infos an die Box durchzugeben - anders herum bleibt es still. Sie tun während der Rennen ihr Möglichstes, um das eigene Team auf dem Laufenden zu halten. Im Großen und Ganzen funktionieren die Abläufe schon relativ gut. Knifflig wird es aber, wenn sich plötzlich Unbekannte sich ins Geschehen einmischen und den normalen Rennverlauf auf den Kopf stellen.

Für viele Fragezeichen in den Cockpits sorgte im Samstagsrennen Mike Rockenfeller mit seiner außergewöhnlichen Reifenstrategie. Der Audi-Pilot kam schon in Runde 9 zum Wechsel an die Box - viel früher als der Rest des Feldes. Das wussten zwar die Kommandostände der Hersteller - doch für die Fahrer war es zunächst unmöglich, diese Strategie aus dem Auto heraus zu erkennen. Mit dieser Offset-Taktik schaffte es Rockenfeller schließlich vom 16. bis auf den 3. Platz nach vorne.

Turbulenter Indy-Re-Start in der DTM: (00:37 Min.)

Wer ist so verrückt?

Da war auch Podestkollege Glock verdutzt, als plötzlich Rockenfeller hinter ihm auftauchte. "Ich habe erst nicht gedacht, dass es da um einen Zweikampf geht", sagte der BMW-Pilot. "Ich habe die Box gefragt. Die haben mir das dann übers Pitboard mitgeteilt. Sonst hätte ich gewartet, bis er an die Box fährt, weil ich nicht damit gerechnet habe, dass irgendjemand so verrückt ist, so früh an die Box zu gehen."

Rockenfellers Taktik löste auch beim Viertplatzierten Edo Mortara kurzzeitige Konfusion aus. Der Mercedes-Neuzugang war zunächst überzeugt gewesen, dass Rockenfeller seinen Reifenwechsel erst noch absolvieren muss. Schließlich konnte er nicht sehen, dass der frühere Markenkollege schon viel früher seinen Boxenstopp erledigt hatte. "Das war schwierig für mich", räumte Mortara ein. "Ich wusste nicht, dass Rocky vor mir war. Das hat uns vielleicht ein bisschen was gekostet."

Engel mit Ausrutscher in der Sachs-Kurve: (00:37 Min.)

Auf verlorenem Posten

Am Samstag hatte aber nicht nur Rockenfeller seine Konkurrenz zum Grübeln gebracht. Auch er selbst wusste offenbar nicht immer, was Stand der Dinge ist. "Mit Funk ist es ganz anders", sagte der frühere DTM-Champion und ruderte nach seiner Freitags-Aussage ein wenig zurück. "Die Kommunikation über die Boxentafel kann man verbessern. Manchmal war ich ein bisschen verloren. Ich hatte aber auch Probleme mit dem Dashboard im Auto."

Nach dem ersten Rennwochenende der Saison 2017 lässt sich festhalten: Passiert nichts Unvorhergesehenes, können die Fahrer ohne Infos von den Kommandoständen gut leben. Unübliche Strategien oder - wie am Sonntag - Wetterkapriolen bringen sie aber ganz schnell ins Schwitzen. Vor allem im regnerischen Rennen am Sonntag ging einiges in der Boxengasse schief, als die Fahrer es selbst in die Hand nahmen, von Slicks auf Regenreifen zu wechseln. Nicht selten wurden die Boxencrews überrascht.

Rene Rast mit einem Unfall am Hockenheimring: (00:53 Min.)

Funkverwirrung dank Regen

"Das war superschwer, gerade bei solchen Bedingungen", erklärte Wittmann. "Der Regen hat sich immer wieder verschoben und teilweise abgenommen. Ich habe drei- oder viermal an die Box gefunkt und zwischen Regenreifen und Slicks hin und her entschieden. Als Fahrer musst du wirklich den richtigen Call treffen, das ist die Herausforderung."

Bei Wittmann ging der Plan auf, er verbesserte sich in einem turbulenten Rennen vom vorletzten bis auf den dritten Platz - und profitierte dabei auch von zahlreichen Fehlentscheidungen, die wegen der unsteten Witterungsbedingungen quer durchs Feld getroffen wurden.

Etwa bei Mortara, der sich im Rennen nach seinem Dreher kurzerhand selbst dazu entschied, auf Regenreifen zu wechseln - ohne dieses Vorhaben aber auch an die Box weiterzugeben. Seine Boxencrew hatte stattdessen mit Samstagssieger Lucas Auer gerechnet - und wurde eiskalt überrascht, als plötzlich der andere pinke Mercedes an der Box auftauchte. "Das ist einfach blöd gelaufen", sagte Mercedes-Teamchef Uli Fritz.

Gute Reaktionen von Wittmann und di Resta: (00:58 Min.)

Blöd gelaufen

Blöd lief es auch bei Auer, der unfreiwillig einen auf Regengott machte, als er als einziger Fahrer bei nassen Bedingungen mit Slicks auf der Strecke blieb - und damit nicht nur sich selbst etwas verwirrte. "Lucas hat sein Pitboard nicht gesehen", klärte Uli Fritz gegenüber Motorsport-Magazin.com auf. "Dann ist er zweimal an der Boxengasse vorbeigehämmert. Das war nicht die Strategie, eigentlich sollte er zwei Runden früher reinkommen."

Eine Situation, über die der Meisterschaftsführende Auer rückblickend lachen konnte. Denn tatsächlich wunderte er sich selbst, warum ihn Mercedes nicht an die Box holte. Mehrfach beklagte er die schlechten Streckenbedingungen am Funk - doch auf der anderen Seite blieb es ruhig. Fritz: "Er hat dreimal am Funk gesagt: 'Ihr müsst mit mir sprechen'. Das war aber irgendwie schwierig..."

In dieser Situation zeigte sich perfekt, wie ungewohnt das Funkverbot noch für die Fahrer ist - und welche Kniffe es mit sich bringt. Denn tatsächlich wird das Verbot bei sicherheitsrelevanten Angelegenheiten wie gelben Flaggen oder Safety Cars aufgehoben. Auch bei Regen. Hätte Auer konkret gefragt, ob er wegen des Wetters auf Regenreifen wechseln soll, hätte ihm das Team antworten dürfen.

"Ich habe nicht die direkte Frage gestellt", war Auer später schlauer. "Das war der Fehler. Ich hätte direkt fragen müssen, aber das war mir nicht bewusst. Das sieht man mal, wie kompliziert das ist. Verrückt." Das neue Funkverbot fügt sich perfekt in die Marschroute der DTM ein: Der Fahrer soll wieder voll im Fokus stehen. Menschliche Fehler inklusive.


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