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DTM - Interview - Vietoris: Am schlimmsten sind die Montage...

FC Bayern als Negativbeispiel

Oft ein Tabuthema im Motorsport: Mentaltraining. Nicht aber bei Christian Vietoris. Der Mercedes-Pilot bezieht bei Motorsport-Magazin.com offen Stellung.
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Motorsport-Magazin.com - Christian, welche Rolle spielt die mentale Fitness bei dir?
Das ist ein sehr Sportart spezifisches Thema. Bei uns Rennfahrern ist der Unterschied nicht ganz so groß, aber fünf bis zehn Prozent kann man dadurch noch herausquetschen - nicht nur bei sich selbst, sondern beim ganzen Team. Das beste Beispiel ist der FC Bayern München, der nach dem Gewinn der Meisterschaft den Schalter nicht mehr umlegen konnte und in der Champions League ausschied. Ähnlich ist es bei uns auch: Du musst im richtigen Fluss sein und ein gutes Gefühl haben.

Fünf bis zehn Prozent sind ziemlich viel. Dabei wird das Thema Mentaltraining im Profisport gern unter den Tisch gekehrt. Du gehst sehr offen damit um...
Ja, das gehört einfach dazu. Nicht nur bei einem selbst, das prägt das gesamte Team, wie man auftritt, wie man die Jungs mitnimmt. Das darf man nicht unterschätzen.

Christian Vietoris hatte einen schwierigen Saisonstart mit Mercedes - Foto: Mercedes-Benz

Hast du einen Mentaltrainer?
Ja, ich bin bei Enzo Mucci. Mit ihm arbeite ich seit meiner Zeit in der GP2 zusammen. Für mich ist er wichtiger als ein Physiotherapeut. Viele Piloten haben einen Physiotherapeuten dabei, der in der Startaufstellung den Helm trägt, aber das brauche ich nicht. Ich habe lieber Enzo an meiner Seite. Ich komme mit ihm sehr gut klar, deshalb ist er auch bei jedem Rennen dabei.

Bist du dann unter der Woche auch bei ihm, oder konzentriert sich eure Arbeit nur auf das Rennwochenende?
Während der Saison nicht. Im Winter schon, da treffen wir uns ab und zu. Außerhalb der laufenden Saison gibt es nicht allzu viel zu tun. Wichtiger ist es, am Rennwochenende zu 100 Prozent fit zu sein.

Was bringt dir die Arbeit mit deinem Mentaltrainer konkret?
Man lernt sich dadurch selbst am besten kennen. Man weiß, in welcher Situation man die beste Leitung zeigen kann. Die negativen Aspekte muss man ausblenden. Wenn das Training am Samstagmorgen etwa nicht so toll läuft, darf man nicht die Nerven verlieren. Stattdessen musst du wieder bei null anfangen, mit Vorfreude statt einem dicken Hals.

2013 erfolgreichster Mercedes-Pilot: Christian Vietoris - Foto: Mercedes-Benz

Wie läuft das genau ab? Sprecht ihr nur miteinander, oder läufst du über glühende Kohlen?
Nein, über Kohlen laufe ich bestimmt nicht. Es sind auch keine speziellen Psycho-Gespräche. Ich unterhalte mich einfach mit Enzo. Er kennt die Situation von außen und weiß, wie ich drauf bin. Wenn ich es selbst nicht merke, weist er mich darauf hin. Dann muss ich mich darauf einlassen und selbst wieder neu einstellen. Das ist keine große Kunst, wenn man es weiß wie es geht.

Es gibt noch immer viele Rennfahrer, die nichts von Mentaltraining halten.
Ich mache alles, um noch mehr herauszuholen. Wenn ein Mentaltrainer dazugehört, dann gehört eben er eben dazu. Wenn man einen Mechaniker mehr braucht, braucht man einen Mechaniker mehr. Das Gesamtbild muss stimmen. In den vergangenen Jahren hat das bei mir erfolgreich funktioniert, deshalb habe ich nichts daran geändert.

Christian Vietoris im Interview mit unseren Redakteuren Stefanie Szlapka und Robert Seiwert - Foto: Motorsport-Magazin.com

Ist der Fahrer - neben dem Teamchef - die Hauptperson, die für Motivation innerhalb des Teams sorgt?
Ja, das Interesse an den einzelnen Mitgliedern des Teams ist sehr wichtig. Es gibt auch Fahrer, die an die Strecke kommen, sich ins Auto setzen und kein Wort mit den Jungs sprechen. Die interessieren sich nicht für sie, obwohl sie eigentlich die ganze harte Arbeit leisten. Das Team ist Tag und Nacht an der Strecke und schraubt an den Autos. Diese Arbeit muss man einfach würdigen. Es ist wie beim Fußball: Wenn man alleine spielt, hat man keine Chance gegen eine Mannschaft, die mit elf Mann auftritt. Bei uns ist es nicht anders, da sind die Mechaniker genauso wichtig wie die Fahrer selbst.

Was ist das Schlimmste für dich, wenn es an einem Rennwochenende einmal nicht so gut gelaufen ist?
Die Heimfahrt ist am schlimmsten. Da hat man noch tausend Gedanken im Kopf: Warum ist es nicht gelaufen, was kann man besser machen? Man denkt darüber nach und anschließend teilt jeder im Team mit, was verändert werden muss.

Geht in seine 4. DTM-Saison mit Mercedes: Christian Vietoris - Foto: Mercedes-Benz

Ist das Gespräch mit dem Team der Weg, ein schlechtes Wochenende abzuhaken?
Ich schreibe nach jedem Rennwochenende einen Bericht in dem ich aufzähle, was gut und was nicht so gut gelaufen ist. Den leite ich an das Team weiter - mehr kann ich nicht machen. Für mich ist es dann abgehakt, da ich Vertrauen in meine Jungs habe.

Hängt dir ein Rennwochenende ohne Erfolg wirklich nicht länger nach?
Ich kann relativ gut einen Haken dahinter machen. Wenn ich darüber geschrieben und den Bericht abgeschickt habe, ist es für mich erledigt. Man kann ohnehin nichts daran ändern. Es ist gelaufen und dann gilt es, sich wieder auf das nächste Wochenende vorzubereiten.

Hast du einen Ausgleich, bei dem du vom Rennsport abschalten kannst?
Ja, beim Golfen - da habe ich keine Zeit, an etwas anderes zu denken. Wenn man gut spielen will, muss man sich voll und ganz darauf konzentrieren. Ich stehe häufig mit Jens Klingmann auf dem Platz, bei ihm läuft es ähnlich. Wir spielen nicht besonders gut oder besonders schlecht, aber wenn du den Ball treffen willst, musst du voll fokussiert sein.

Vietoris auch 2014 wieder im schwarzen C-Coupé unterwegs - Foto: Mercedes-Benz

Wann hast du als Fahrer während eines Rennwochenendes die größte Drucksituation?
Die größte Anspannung herrscht ganz klar vor dem Rennen in der Startaufstellung, kurz bevor es richtig losgeht.

Hast du ein bestimmtes Ritual vor dem Rennen?
Nein, überhaupt nicht. Ich steige auf der linken Seite ins Auto ein, aber von rechts wäre es auch ein bisschen schwierig...


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