Prost über seine Abneigung gegen Regen - Pironi-Unfall als hemmender Auslöser

Alain Prost spricht über seine Aversion gegen F1-Rennen bei starkem Regen. Ein Schönwetterfahrer sei er keinesfalls - nur kein Freund übermäßigen Risikos.

Alain Prost ist vierfacher Weltmeister und gilt bis heute als einer der besten F1-Rennfahrer aller Zeiten. Bei 199 GP-Starts fuhr er in mehr als der Hälfte seiner Rennen aufs Podium - prozentual gesehen liegt er mit seinem Wert in dieser Statistik sogar vor Michael Schumacher. Auch in Sachen Präzision und wirtschaftlichem Fahren machte dem Franzosen keiner etwas vor - nur das Racing bei Regen war nie die Stärke Prosts. Der heute 57-Jährige sieht dies zwar anders, räumte nun aber ein, bereits früh in seiner F1-Karriere eine Abneigung gegen das Fahren bei schlechten Wetterbedingungen entwickelt zu haben - Auslöser war ein traumatisches Erlebnis am 7. August 1982 in Hockenheim.

"Dieser Tag hat mich wirklich geschockt", verriet Prost. Was war passiert? Im Samstagstraining zum Großen Preis von Deutschland herrschten auf den langen Waldgeraden des Hockenheimrings katastrophale Wetterbedingungen - die Sicht war gleich null, erst recht wenn durch voranfahrende Boliden Gischt aufgewirbelt wurde. WM-Leader Didier Pironi befand sich auf einer schnellen Runde - die vorläufige Pole-Position hatte er durch seine Bestzeit am trockenen Freitag bereits inne - als er auf Derek Daly im Williams auflief. Was der Franzose jedoch nicht wusste und er im Nebel des aufgewirbelten Wassers auch nicht erahnen konnte: Dieser war gerade im Begriff den Renault von Prost zu überholen. Nicht ahnend, dass sich vor ihm also zwei Autos befinden würden, ging Pironi davon aus, das Daly die Spur wechselte, um ihm die Ideallinie freizumachen.

Wie ein Reiter der vom Pferd fällt

Der Franzose blieb voll auf dem Gas und sah dann in der dichten Gischt urplötzlich das Heck Prosts auftauchen. Dem Boliden seines Landsmannes konnte er nicht mehr ausweichen, donnerte in diesen hinein, stieg auf und überschlug sich in die Leitplanken, wobei die Front des Ferraris komplett zerstört wurde und Pironi schwerste Beinverletzungen davontrug, die eine erfolgreiche Fortsetzung seiner F1-Karriere letztendlich verhinderten. Für Unfallgegner Prost haben sich die schlimmen Bilder aus Hockenheim bis heute fest ins Gedächtnis eingebrannt. "Ich habe natürlich sofort angehalten, um nach Didier zu sehen - es war grauenhaft", so der viermalige Weltmeister. "Anschließend bin ich zurück ins Renault-Motorhome, wo ich nur Teamchef Gerard Larrousse vorfand."

"Er sagte mir, ich solle schnellstmöglich wieder ins Auto zurückkehren." Wie ein Reiter, der vom Pferd fällt und danach sofort wieder aufsitzen soll, um keine Angst vor dem Tier zu entwickeln... "Ich sagte damals nur: Ich werde wieder ins Auto steigen. Aber ab heute werde ich, sobald es regnet, das machen, womit ich mich wohlfühle. Ich werde die einzige Person sein, die entscheidet, was getan wird und was das Beste ist." Nach diesem Sinneswandel sei er in der Folgezeit vor die ein oder andere schwierige Entscheidung gestellt worden. "Gerade wenn man Titel gewinnen will, muss man von Zeit zu Zeit größere Risiken eingehen", erklärte Prost gegenüber F1Racing. Mit Blick auf die Gefahr im Regen fügte er jedoch an: "Ich habe meine Philosophie anschließend immer eingehalten, auch wenn es manchmal nicht passte."

So auch in Silverstone 1988. Obwohl sich Prost im ersten gemeinsamen Jahr mit seinem neuen Stallkollegen Ayrton Senna voll im Titelkampf befand, beendete er das Rennen vorzeitig, weil er sich bei den Bedingungen auf der Strecke im Norden Londons nicht sicher fühlte. "Ich weiß nicht mehr, ob es in der ersten Kurve irgendeinen Vorfall gab oder was der Auslöser war - aber ich erinnere mich noch genau, dass das Auto nicht mehr in Ordnung war und ich nicht verstand, warum. Ich konnte so nicht fahren und auf der Strecke war ich dementsprechend nirgends." Prost stellte das Auto daraufhin ab. "Im Regen ist es so: Spätestens wenn man im fünften Gang angekommen ist, braucht man eine Menge... nennen wir es einmal 'Optimismus'. Diese Zuversicht verlor ich jedoch und deshalb hielt ich an."

Lauda 1976 als Vorbild

Scham habe er ob seiner Entscheidung nie verspürt - auch sei er in der F1-Historie bei weitem nicht der einzige große Pilot, der so gehandelt habe. Prosts Ex-McLaren-Teamkollege Niki Lauda stellte seinen Boliden beispielsweise 1976 im verregneten WM-Finale von Fuji ab, da er es für zu gefährlich erachtete, weiterzufahren. Eine logische Entscheidung: Nur wenige Monate zuvor war der Österreicher bei seinem Feuerunfall auf der Nordschleife fast ums Leben gekommen - sein Rückzieher in Japan bedeutete jedoch trotzdem, dass er Rivale James Hunt den Titel überlies. Für Prost war sein Verhalten in Silverstone parallel auch nicht das erste zur Schau gestellte Unbehagen im Regen.

Auch in Monaco 1984 hatte er die Rennleitung auf Grund der sich verschlechternden Wetterbedingungen in Führung liegend um einen Abbruch gebeten. Von der Öffentlichkeit wurde Prost damals kritisiert, weil man davon ausging, dass er seinen Sieg vor den von hinten nahenden und schnelleren Konkurrenten Senna und Stefan Bellof im wahrsten Sinne des Wortes in trockene Tücher bringen und ins Ziel retten wollte - die jüngsten Aussagen des 51-fachen Grand-Prix-Siegers unterstrichen allerdings einmal mehr, dass es ihm mit seiner Überzeugung im Regen ernst war. Dass er auf nasser Fahrbahn jedoch einfach nicht gut zurecht gekommen sei, dagegen wehrte sich Prost mit Nachdruck. "Die Leute denken immer, ich konnte im Regen nicht fahren. Dabei war ich wirklich gut", grinste der Franzose.

"Vielleicht ist das nur meine Meinung, aber wenn es feucht oder rutschig war, hatte ich fahrerisch eigentlich nie Probleme - ich mochte es sogar, wenn es so war." Mit der mangelnden Sicherheit sei es aber schon eine ganz andere Sache gewesen. "Wenn man sich vor die Kombination von Aquaplaning, schlechter Sicht und unseren Geschwindigkeiten gestellt sieht, wollte ich einfach niemals diese Risiken eingehen. Ich musste immerzu an Didier denken. Aber wie hätte ich das damals der Presse verkaufen sollen?", machte Prost 30 Jahre später reinen Tisch. Im Haifischbecken Formel 1, habe er es diesbezüglich nicht einfach gehabt. "Es war hart, aber ich habe damit gelebt, auch wenn es mich hier und da ein bisschen an Glaubwürdigkeit gekostet hat - mehr allerdings in den Medien als in meinen Teams."

Frederik Hackbarth, 21.02.2013

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