Alonso: Einstand nach Maß - Die Rückkehr des roten Stiers

Er ist wieder da: Fernando Alonso feierte vor seinen spanischen Landsleuten seine viel beachtete Rückkehr an die Strecke. Der Spanier präsentierte sich hungrig.

Barcelona, 19. Februar 2013, früher Morgen: Ein erstes Raunen schallt von der sich langsam füllenden Haupttribüne, hier und da ein kurzer Aufschrei. Der Grund ist einfach erklärt: Es ist das erste Auftreten des Lokalmatadors. Fernando Alonso posiert vor der Ferrari-Garage mit seinem neuen Arbeitsgefährt, dem F138. Sinn und Zweck dieser Übung ist nicht etwa eine Lockerungsübung im Sinne des Morgensports - der Asturier und Ferrari stellen UPS als neuen Logistikpartner des Teams vor. Während die Firmenvertreter hinter dem Boliden breit grinsen, verzieht Alonso davor keine Miene. Gut gelaunt scheint er nicht, oder ist der 31-Jährige ganz einfach nur ein Morgenmuffel? Auffällig: Der sonst so betont gelassene, coole und positive Spanier wirkt ernst, angespannt und konzentriert.

Von der Fröhlichkeit der Tage zuvor ist wenig geblieben, denn Alonso hat nur ein Ziel: In einem Jahr will er an Ort und Stelle wieder mit seinem Ferrari posieren - und dann soll auf dessen Nase die Startnummer 1 thronen. Das Projekt Titel - endlich hat es für Alonso auch greifbar begonnen. Der Winter stand unterdessen unter einem ganz anderen Motto: 'Mach dich rar - sei ein Star!' Kaum eine Personalie hat im Fahrerlager der Formel 1 in den vergangenen Wochen und Monaten so viel polarisiert, über niemanden wurde so viel geschrieben, spekuliert und diskutiert. Dabei war er gar nicht da und das als einziger aktiver F1-Pilot: Test Nummer eins in Jerez ließ Alonso sausen. Nicht wichtig, so die Meinung des Spaniers, der seine Zeit lieber in körperliches Training und eine intensivere Saisonvorbereitung investieren wollte.

Wie vor dem ersten Schultag

Die nötigen Kilometer im neuen F138 sammelten derweil Felipe Massa und Pedro de la Rosa , wobei Letzterer bei seinem ersten Testeinsatz im Ferrari gleich einmal zu spüren bekam, warum Alonso nicht nur schlecht daran tat, auf das Fahren im Frühstadium potenzieller Kinderkrankheiten zu verzichten. Ein zickender Ferrari, der brennend an der Strecke steht? Darauf wollte der Doppelweltmeister wohl verzichten, um nun effizienter und mit bereits vorhandenen Daten arbeiten zu können. Auch die Modifikation der neuen roten Göttin ist dabei so eine Sache. Wird beim Launch in erster Line die schmucke Außenhaut präsentiert, bei den ersten Tests dann der technische Grundstock, so kommen - von vielen Beobachtern unbemerkt - doch gerade in der späteren Phase der Saisonvorbereitung die Kernupdates ans Auto, sprich die, mit denen es dann auch Richtung Australien gehen soll.

Technikdirektor Pat Fry bestätigte unlängst, dass der Jerez-Ferrari mit dem Melbourne-Ferrari nicht allzu viel gemeinsam haben muss. In Barcelona sieht das selbstredend schon ganz anders aus. Alonso kommt und das Auto hat fertig zu sein, denn jetzt beginnt die Saison des Traditionsrennstalls erst so richtig. Kein anderes Team hat sein Programm so sehr auf einen Fahrer ausgerichtet wie Ferrari - das ist Chance und Gefahr zugleich. An der Motivation des Spaniers sollte es nach dem schmerzlichen Titelverlust von Sao Paulo jedenfalls nicht liegen. Seit 2006 wartet er auf seinen dritten Titel. Dass es da dauerhaft in den Fingern juckt, mag kaum einen verwundern. Bereits am Vorabend seines ganz persönlichen Testauftakts twitterte Alonso seinen Anhängern ein Bild von seinem frisch polierten Rennhelm. Darunter stand: "Ein Gefühl wie vor dem ersten Schultag..."

86 Tage sind vergangen, seit Alonso letztmals im Auto saß und in Brasilien eine der bittersten Stunden seiner Karriere erleben musste. In der Zwischenzeit hat der Spanier den Kopf jedoch keinesfalls in den Sand gesteckt - im Winter stand viel auf dem Programm: Kartfahren in Brasilien, Skifahren in Madonna di Campiglio, Schaulaufen bei der Autopräsentation in Maranello. Nicht nur drei Monate sind seit dem Saisonfinale vergangen - auch gefühlte dreitausend Bilder, die der Asturier tagtäglich via Twitter postete: Mal vom Stand der gesammelten Kilometer auf dem Fahrrad oder Laufband, mal vom Skifahren oder Dehnübungen in der Muckibude. Auch hier hat Alonso seine bekannte Ausdauer bewiesen, müde geworden ist er nicht. Aus Teamkreisen ließ man gar verlauten, dass sich Alonso besser denn je auf die Saison vorbereitet habe - ja, besser auch als jeder andere Pilot im Feld.

Olympia oder doch verletzt?

Seitens seiner Fürsprecher war von Zuständen wie bei einem Olympioniken die Rede - seitens seiner Kritiker aber auch von einer möglichen Verletzung, die das Testverzicht in Jerez habe verstecken sollen. In Barcelona war von beidem augenscheinlich nichts zu erkennen. Das Mountainbike hat Alonso in jedem Fall im Kofferraum gelassen. Gestärkt durch den Fakt, dass er sich - lässt man Force Indias möglichen Rückkehrer Adrian Sutil einmal außen vor - die mit Abstand längste Winterpause von allen Piloten gegönnt hat, nahm er um 8:02 Ortszeit unter dem Jubel der Fans erstmals die Arbeit auf der Strecke auf. Anschließend folgten diverse Installationsrunden. Auch als Alonso bereits längst die 20 Runden-Marke geknackt hatte, lag er noch 13 Sekunden hinter dem Spitzenreiter. Dann packte der Spanier jedoch zum ersten Mal den Hammer aus: 1:24.162 Minuten - vorläufige Bestzeit!

Zur Mittagszeit schließlich lag der Ferrari-Fahrer auf Rang drei. Das war ihm jedoch scheinbar nicht genug - nach der Essenspause bog er als Erster wieder auf die Strecke, beendete so die Ruhe an der katalonischen Strecke und setzte die detaillierte Evaluierungsarbeit am F138 fort. Wirklich in die Karten gucken lassen wollte man sich bei den Italienern dabei natürlich nicht - auf den verschiedensten Reifenkomponenten versuchte sich Alonso, oftmals brach er Runden trotz guter Zwischenzeiten vorzeitig wieder ab. Als sich der Tage langsam dem Ende neigte, setzte der 31-Jährige noch einmal zwei Highlights. Als erster Pilot an diesem Tag knackte er in Barcelona die 100 Runden-Marke, am Ende kamen noch zehn weitere Umläufe hinzu - die meisten aller Piloten am Dienstag und äquivalent zu mehr als anderthalb Renndistanzen auf dem Circuit de Catalunya.

Abends kann bilanziert werden: Der gewünschte Einstand nach Maß - er ist gelungen. Trotzig entgegnete Alonso nach seinen ersten Kilometern des Jahres den wartenden Journalisten: "Was 2013 meinen Optimismus nährt? Dass wir letztes Jahr mit einem Auto um den Titel gefahren sind, das beim Testen über zwei Sekunden hinter der Pace war..." Dieses Jahr ist das anders, so viel ist schon einmal klar - und Morgenmuffel Alonso wittert Morgenluft: Ganz bestimmt auch in Sachen Titelkampf. "Ich bin mit dem ersten Tag wirklich zufrieden und kann Felipes Meinung nur stützen: Im Vergleich zu vor einem Jahr ist dieses Auto von einem anderen Planeten", freute sich Alonso. Man habe sich am Dienstag ganz darauf konzentriert, weiter an der Haltbarkeit des Boliden zu arbeiten.

Von einem anderen Planeten

"Auf die reine Performance konzentrieren wir uns erst ab nächster Woche", warnte der 197-fache GP-Starter die Konkurrenz. "Morgen werden wir da weitermachen, wo wir heute aufgehört haben - beim Set-Up. Dieses wollen wir bestmöglich auf die Reifen abstimmen." Große Überraschungen seien an Tag eins jedenfalls ausgeblieben. "Ich wusste nach Durchsicht der Jerez-Daten bereits, was für ein Auto ich hier heute vorfinden würde." Eigentlich habe man da anknüpfen können, wo man zuletzt in Brasilien stehengeblieben sei. "Das Gefühl war immer noch so ziemlich das gleiche. Ich habe ja auch denselben Sitz, dieselben Pedale und dasselbe Umfeld", scherzte Alonso. Dementsprechend könne man daraus bereits erste Rückschlüsse auf die zu erwartende Performance beim Auftakt in Australien schließen.

"Allerdings kommen immer weiter neue Teile hinzu", verriet der Spanier, der die Gelegenheit nützte, um sich auch gleich beim Team zu bedanken. "Das ist der ganzen harten Arbeit geschuldet, die wir diesen Winter bei diversen Tests im Windkanal verrichtet haben - so können wir die erwarteten Resultate auch tatsächlich erzielen." Sich nun aber auf den guten ersten Eindrücken auszuruhen, komme überhaupt nicht infrage. "Wir haben noch viel zu tun, besonders in den nächsten drei Tagen. Das gilt auch für den Aerodynamik-Bereich, da wir neue Komponenten und auch das ein oder andere experimentelle Teil am Auto haben." Fest stehe daher: "Wir müssen weiter Kilometer fressen. In Jerez hatten wir mechanische Probleme und Pedro hat einen halben Tag verloren - jetzt brauchen wir gute Runden, um das aufzuholen und zu beweisen, dass das Auto stark genug ist, um im Rennen anzutreten."

Auf ihn persönlich habe sich die lange Pause definitiv nicht ausgewirkt. "Mein Nacken ist nun natürlich etwas steif, aber das ist am ersten Tag ganz gewöhnlich. Für mehr als 100 Runden in Barcelona fühlt es sich schon noch normal an." Die Puste sei ihm am Ende jedenfalls nicht ausgegangen - ganz im Gegenteil: 13 Minuten vor Schluss der Session fuhr der Ferrari-Pilot seine persönliche Tagesbestzeit von 1:22.952 - und lag damit genau eine Position vor Sebastian Vettel. Das erste Duell des Jahres hat er also schon einmal für sich entschieden und auch wenn es der Spanier vielleicht nicht zugeben mag: Gefreut haben wird es ihn sicherlich trotzdem.

Frederik Hackbarth, 19.02.2013

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