Technikanalyse Williams FW35 - Hat sich das Warten gelohnt?

Williams stellte als letztes Team den neuen Boliden vor. Am FW35 sind einige interessante Details zu sehen.

Zehn von elf Teams hatten ihre neuen Renner bereits vorgestellt. Als letzter Rennstall präsentierte Williams seinen neuen Boliden im Rahmen des Testauftakts in Barcelona. Dabei zeigen die Briten einige interessante Details am Dienstwagen von Pastor Maldonado und Valtteri Bottas. Vor allem im Heckbereich sorgt der FW35 für viel Aufsehen. Motorsport-Magazin.com analysiert die neueste Kreation aus Grove.

Die Front des Williams erinnert stark an die des Ferrari. Die Pylonen, auf denen traditionell das Senna S zu sehen ist, sind ebenfalls extrem lang und sollen so die Luft möglichst zielgenau zum Splitter leiten. Die Form der Pylonen ist gefälliger, weil die Rundungen etwas ausgeprägter sind als an der roten Göttin. Die Befestigung des Frontflügels folgt dem aktuellen Trend und beschränkt sich auf eine minimale Kontaktfläche.

Auch der Williams trägt die Nase sehr hoch, um keinen Kubikzentimeter Luft unter der Fahrzeugfront zu verschenken. Wie bereits angekündigt setzt das Team das Vanity Panel ein, das den hässlichen Knick zwischen Fahrzeugfront und Cockpit kaschiert. Diese Variante wurde bereits in Jerez getestet. Aussagen der Williams-Ingenieure zufolge sollen die Unterschied zwischen Hakennase und der geschönten Variante geradezu vernachlässig sein.

Rätsel gibt es an der Vorderachse des FW35. Nicht etwa bei der Aufhängung - Williams vertraut weiterhin auf Druckstreben, also Pushrods - sondern an Innen- und Außenseite der Felgen. Auf der Innenseite ist eine ausgeklügelte Bremsbelüftung zu sehen, die eine größere Öffnung als die Vorgängervariante vorsieht. Doch der wirkliche Trick wird erst von der außen sichtbar. Durch ein Loch in der Radmutter wird die erwärmte Luft wieder abgeleitet. Das soll nicht nur für eine bessere Wärmeabfuhr sorgen, sondern auch die Aerodynamik am Vorderreifen verbessern.

Die Fahrzeugmitte zeigt sich weitgehend unverändert. Airbox und Seitenkästen sind kaum von den Jerez-Vorgängern zu unterschieden. Lediglich das Flügelwerk rund um die Seitenkästen ist leicht verändert. Die Barcelona-Variante wirkt etwas aufgeräumter, vertikale Elemente sind nicht zu sehen. Gut möglich, dass an dieser Stelle noch das ein oder andere Update bis zum Saisonauftakt kommt, die Teams experimentieren gerade gerne an den sogenannten Sidepod-Wings.

Richtig interessant wird es dann an der Heckpartie des Williams. Beim Auspuff vertrauen die Briten auf eine Semi-Coanda-Lösung mit kurzer Rampe und hoher Stufe. Somit folgt Williams nicht Red Bull und Lotus, die ebenfalls mit Renault-Aggregat fahren und auf einen 'Voll-Coanda-Auspuff' setzten. Dadurch verliert der FW35 etwas Auspuff-generierten Abtrieb, kann dafür aber die Oberseite des Diffusors besser nutzen. Für den Wärmeabtransport am Heck sind neben dem Auspuff auf der Innenseite Entlüftungsschlitze angebracht wie sie auch schon am Mercedes zu sehen sind.

Klärungsbedarf am Auspuff

Ein Detail am Auspuff sorgte bereits für große Aufregung: ein kleiner, zweigeteilter Steg über dem Coanda-Schacht lieferte ausreichend Gesprächsstoff für die Experten. Diese beiden Teile wirken wie eine Weiterentwicklung des von Caterham präsentierten Auspuffflügels, der bei der Konkurrenz im Verdacht steht, illegal zu sein. Doch auch die Williams-Variante ruft bereits Kritiker hervor, die davon ausgehen, dass es sich dabei um einen Verstoß gegen das Technische Reglement handelt.

Beim Traditionsrennstall sind sich die Ingenieure allerdings sicher, dass der neue Bolide reglementkonform ist, der Schlitz im Steg mache den Unterschied. "Für mich ist die Caterham-Lösung wirklich nicht erlaubt, aber unsere ist OK", so der Technische Direktor Mike Coughlan. "Wenn man sich unsere Variante ansieht, ist es nicht ein einzelnes Teil - es sind zwei", so der Brite weiter und erläuterte die entsprechende Passage im Reglement: "Man wird von der totalen Öffnungsgröße und der Tatsache, dass es ein einzelnes Teil sein muss, eingeschränkt."

Er gab zwar gegenüber Autosport zu, dass es sich bei Williams eigentlich um ein einzelnes Teil handelt, es aber "eine kleine Lücke hat, womit es tatsächlich zwei Teile sind." Charlie Whiting soll am Dienstag am Circuit de Catalunya eingetroffen sein und mit den Teams entsprechende Grauzonen im Reglement besprochen haben. Laut BBC wurde sowohl Caterham als auch Williams mitgeteilt, dass die jeweiligen Lösungen wahrscheinlich nicht regelkonform sind, ein letztes Wort ist allerdings noch nicht gesprochen.

Wie in der Vergangenheit zeigt Williams am Heck eine besonders radikale Lösung. Die Briten machen sich das gute Packaging des Renault-Antriebs zunutze und beenden die Motorabdeckung sehr weit vorne. Somit blickt das Getriebe weit nach hinten heraus was optisch an längst vergangene Tage erinnert. Somit versuchen die Ingenieure um Mike Coughlan den unteren Teil des Heckflügels besonders gut anzuströmen.

Das Objekt der 'Luft-Begierde' sitzt unmittelbar dahinter. Der sogenannte Monkey-Seat zeigt sich zum Vorgänger stark verändert. So ist die Befestigung des Zusatzflügels nun konventioneller gestaltet, zwei horizontale Streben tragen das Teil am FW35. Zuvor übernahm diese Funktion ein einzelnes geschwungenes Element von der Fahrzeugmitte aus.

Redaktionskommentar

Motorsport-Magazin.com meint: Hat sich das Warten gelohnt? Die 2013er Generation des Williams zeigt einige interessante Detailverbesserungen. Die Fahrzeugfront im Ferrari-Stil wirkt vielversprechend, der Trick mit der Bremsbelüftung scheint clever. In der Mittelpartie gibt es wenig Aufregendes, doch auch bei der Konkurrenz herrscht in diesem Bereich eher Flaute.

Die Königsdisziplin - ein gutes Heck - hat Williams offenbar gut gelöst. Zwar bleibt abzuwarten, inwiefern der Steg am Auspuffschacht mit dem Technischen Reglement vereinbar ist, aber der Effekt dieses Mini-Elements dürfte ohnehin nicht allzu groß sein. Optisch ist die kurze Motorverkleidung für mich ein richtiger Leckerbissen, auch ihr Effekt auf die Anströmung des unteren Heckflügelbereichs sollte nicht unterschätzt werden. In meinen Augen hat sich das Warten also gelohnt. (Christian Menath)

Christian Menath, 19.02.2013

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