Was Red Bull so stark macht - Vom Windkanal ans Fahrzeug

Red Bull dominiert seit drei Saisons die Formel 1. Mark Gillan analysiert, warum: Beim Weltmeisterteam stimmen einfach die technischen Abläufe.

Wie üblich rätselt die Fachwelt nach dem ersten Formel-1-Testfahrten, wer denn nun wie gut abgeschnitten hat und wer der Favorit ist. Fakt ist: Red Bull wird es schwer haben, die Favoritenrolle nach drei Weltmeisterschaften abzulegen. Für Mark Gillan, der bis Ende 2012 als Chefingenieur bei Williams gearbeitet hat, liegen die Gründe dafür auf der Hand: Innerhalb des Teams und beim Einsatz der Fahrzeuge auf der Strecke stimmen einfach die Abläufe. Die Erkenntnisse aus dem Windkanal können ohne Probleme übernommen werden.

"Auf dem Papier haben sie weder den besten Windkanal noch die beste Infrastruktur", analysiert der Engländer im Formel-1-Blog von James Allen. "Aber was sie haben ist eine erstaunliche Konstanz in ihrer technischen Führung, mit der Speerspitze Adrian Newey und seinem exzellenten Partner Peter Prodomou, der die Aerodynamikabteilung leitet." Außerdem würden die Bullen über eine exzellente Hilfsabteilung für die Fahrzeuge an der Rennstrecke verfügen, die von Stefano Sordo angeführt wird, so Gillan weiter.

Kein Bereich vernachlässigt

Diese Hilfsgruppe sei die zentrale Schlüsselstelle, damit bei der Übertragung vom Windkanalmodell auf das Einsatzfahrzeug die Ergebnisse korrelieren (hier hatte Ferrari in der Vergangenheit häufig Probleme) und der Entwicklungsprozess in die richtige Richtung geht: "Diese Gruppe stellt sicher, dass das Auto für den Windkanal korrekt abgestimmt ist und dafür richtig hingestellt und der Schwerpunkt auf die wichtigen Themen in verschiedenen Bereichen gelegt wird: Von niedrigen Geschwindigkeiten über das Giermoment bis hin zu, sagen wir, Stabilität beim Bremsen auf gerader Strecke."

Die Gewichtungen hier über alle Bereiche hinweg richtig vorzunehmen sei der Schlüssel zu einem Fahrzeug, das sich in allen Bereichen aerodynamisch ausgewogen verhält. "Wenn man einen wichtigen Punkt auf der Landkarte vernachlässigt, wird das Handling des Fahrzeugs in diesem Aspekt defizitär sein", analysiert Gillan. "Red Bull bekommt das normalerweise immer gut hin." Die Schwächen einzelner Fahrzeuge der Konkurrenz in der Vergangenheit zeigen, wie schwierig dieser von außen simpel anmutende Prozess der Datenübertragung sein kann.

In einem wichtigen Aspekt hat Red Bull die Führung übernommen: "Sie sind die Spitze bei der Luftstromkontrolle und Aerolastizität." Mit letztem meint Gillan die Biegsamkeit von Carbonmaterial bei höheren Geschwindigkeiten. Noch gut in Erinnerungen sind die biegsamen Flügel aus den Jahren 2010 und 2011, bevor sie 2012 aufgrund strengerer Regeln verschwanden. Doch die Erfahrungen mit biegsamen Teilen werden Red Bull weiter helfen. In Sachen Luftfluss verweist Gillan gerne auf die bei Testfahrten verwendete Farbe, die den Luftstrom anzeigt: "Wenn man die Flow-Viz-Bilder vom Heckflügel des Red Bull sieht, sieht man den wohl stabilsten Luftstrom im ganzen Starterfeld."

Heiko Stritzke, 16.02.2013

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