Die größten Talente: Kevin Mirocha - Ein ewiges Auf und Ab

Motorsport-Magazin.com stellt Deutschlands größte Motorsport-Talente vor. Diesmal: Kevin Mirocha.

Sonntagmittag, 31. Juni 2011, Hungaroring. Kevin Mirocha war soeben im zweiten Rennen der GP2-Serie in Ungarn auf den achten Platz gefahren. Im Hinterkopf schon die nächsten Rennwochenenden in Spa und Monza, wo er in seiner Rookie-Saison in der Unterklasse der Formel 1 weiter auf sich aufmerksam machen wollte. Doch daraus sollte nichts werden. In Belgien saß Brandon Hartley im Cockpit des Ocean Racing-Boliden, Mirocha zuhause auf der Couch vor dem Fernseher. Was als großer Traum begonnen hatte, war plötzlich wieder in weite Ferne gerückt. Mirocha erinnert sich bei Motorsport-Magazin.com an den bitteren Rückschlag: "Ich bekam nur auf einmal die Ansage, dass nicht mehr genügend Geld da sei und ich nicht mehr fahren könne. Leider musste ich mich damit abfinden."

Mirocha und das Geld - eine leidige Geschichte in der Karriere des 21-Jährigen. In der GP2 war es nicht das erste Mal, dass finanzielle Schwierigkeiten seinem verheißungsvollem Werdegang Steine in den Weg legten. Etwa 2009, als Mirocha in die Formel 3 Euro Serie aufgestiegen war und ein Cockpit bei HBR Motorsport an der Seite von Johnny Cecotto Junior ergattern konnte. Doch Mirocha blieben lediglich vier Rennwochenenden Zeit, sein Talent unter Beweis zu stellen - dann wurde er wegen fehlender Gelder durch Tom Dillmann ersetzt. Im darauffolgenden Jahr stand das hoffnungsvolle Talent zunächst völlig ohne Cockpit da. Um nicht aus dem Business herauszurutschen, startete Mirocha in der nordeuropäischen Formel Renault und dem Formel Renault 2.0 Eurocup.

"Mich kann nichts mehr schocken...", sagt Mirocha mit einem verhaltenen Lächeln. "Natürlich könnte man sich in diesen Momenten totärgern, aber das ändert auch nichts. Ich muss einfach immer schauen, dass es weitergeht." Mirocha, der Kämpfer. Viele seiner Kollegen schlugen den geradlinigen Weg ein und arbeiteten sich stetig durch die Nachwuchsklassen nach vorn, doch nur wenige erlebten ein ständiges Auf und Ab, wie es Mirocha immer wieder erging. In der GP2 stand er im medialen Fokus, fuhr im Dunstkreis der Formel 1. Plötzlich stand er ohne Cockpit da, die Zukunft auf äußerst wackligen Beinen. Doch Mirocha wäre nicht Mirocha, hätte sich nicht wieder eine Tür geöffnet.

In allerletzter Sekunde bekam er für 2012 einen Platz in der Formel 2. Quasi eine Nacht-und-Nebel-Aktion, die sein Manager einfädelte. "Ich erfuhr erst am Donnerstag vor dem ersten Rennwochenende in Silverstone, dass ich ein Cockpit bekomme", berichtet Mirocha. "Da packte ich schnell meine Sachen und erwischte den letzten Flieger." Von 0 auf 100 - Mirocha saß postwendend in einem Auto, das er zuvor noch nie getestet hatte. Ausgestattet mit einem Turbo-Boost-System, das er noch nie in seinem Leben eingesetzt hatte. Wegen technischer Probleme ging er in Silverstone in beiden Rennen leer aus, doch zumindest konnte er den Rest der Saison bestreiten; ein Umstand, der zunächst auf der Kippe stand.

Im weiteren Verlauf der bis dato letzten F2-Saison drehte Mirocha auf, gewann sein erstes Rennen in Brands Hatch und schaffte in der zweiten Saisonhälfte in fast jedem Lauf ein Top-4-Ergebnis. Am Ende wurde es in der eng umkämpften Meisterschaft der sechste Platz, vor allem die Nullrunde in Silverstone verhinderte ein besseres Resultat. "Viele halten nicht allzu viel von der Formel 2, aber wenn man direkt mit dieser Serie und ihren Anforderungen konfrontiert wird, scheint sie in einem anderen Licht - auch hier entscheiden Hundertstelsekunden über Erfolg oder Niederlage", macht Mirocha Werbung für die Serie, die wegen ausbleibender Starterzahlen in diesem Jahr den Betrieb eingestellt hat. In der Formel 2 startete er erstmals unter polnischer Flagge. Zum einen wegen seiner Sponsoren, aber auch, weil er halb Deutscher, halb Pole ist.

Mirocha hatte 2012 wieder einmal das Beste aus seinen limitierten Möglichkeiten gemacht und es geschafft, nicht ganz aus dem Rampenlicht - wie es vor allem die GP2 bot - zu verschwinden. "Manchmal macht man sich schon Gedanken", räumt Mirocha ehrlich ein, wenn er an die vielen Aufs und Abs denkt. "Aber die verfliegen recht schnell wieder - denn ich weiß, was ich auf der Strecke kann. Wenn man sich einmal anschaut, dass ich häufig schneller bin als andere mit wesentlich besseren Voraussetzungen, dann glaube ich an meine Fähigkeiten." So war es auch in der GP2 und seinem Boliden von Ocean Racing, der der starken Konkurrenz nicht immer etwas entgegen zu setzen hatte.

Sorgen, den hohen Anforderungen der GP2 damals nicht gewachsen zu sein, hatte er zunächst schon. Schließlich ist der Sprung von der Formel Renault 2-Liter-Klasse hin in den Vorhof der Formel 1 kein kleiner. Kam der Schritt vielleicht zu früh? "Diese Frage hatte ich mir auch mehrmals selbst gestellt und erst dachte ich, dass das ganz schön heftig wird", gibt Mirocha zu. Doch nach dem ersten Rennwochenende in Istanbul machte sich - trotz punkteloser Runde - Zuversicht breit. Mirocha: "Wenn man nur die Ergebnislisten betrachtet, war es natürlich kein erfolgreiches Wochenende. Aber für mich wusste ich zu diesem Zeitpunkt, dass ich die richtige Entscheidung getroffen hatte."

Mirocha, der Durchbeißer. Seine Eltern unterstützen ihn soweit wie möglich, doch die Millionensummen, die in den höchsten Nachwuchsklassen gefordert werden, können sie nicht im Ansatz aufbringen. Umso mehr lastet Druck auf Mirocha - und einigen anderen Nachwuchstalenten - immer wieder Top-Ergebnisse zu erzielen und die Geldgeber zufrieden zu stellen. "Motorsport ist nichts für Warmduscher", weiß Mirocha. "Du hast vom jungen Alter an schon einen gewissen Druck. Ich meine das nicht negativ, aber man fährt eben nicht nur für sich, sondern auch für seine Partner und Sponsoren. Denn ohne diese kommt man nicht weit und das steckt dir immer im Hinterkopf."

Das sei schon 2007 in der Formel BMW der Fall gewesen, als ihm Helmut Marko und Red Bull den Einstieg in den Formelsport ermöglichten, und Mirocha weiß: "Der Druck wird in den darauffolgenden Jahren nicht geringer. Du musst immer bereit sein, dich durchzukämpfen - sonst kannst du gleich zuhause bleiben."

Robert Seiwert, 17.02.2013

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