Die größten Talente: Marvin Kirchhöfer - Vettel'sche Parallelen

Motorsport-Magazin.com stellt Deutschlands größte Motorsport-Talente vor. Diesmal: ADAC Formel Masters Champion Marvin Kirchhöfer.

Es war die perfekte Vorlage für einheimische Medien: Lokalmatador gewinnt sein erstes Formelrennen in Oschersleben mit heimischem Team und reist als Tabellenführer ab. Ein Sammelsurium an Wörtern, die nur zu gern verwendet werden, um eigene Artikel aufzupeppen und für die lokale Leserschaft schmackhaft zu machen. Die Rede war von Marvin Kirchhöfer, der zu Beginn des Jahres ins ADAC Formel Masters aufstieg und mit seinem Team Lotus auf Anhieb erste Erfolge verbuchte. Schnell titelten die Boulevardmedien, "Ist das der nächste Vettel?", und zogen teilweise abstruse Vergleiche zum dreifachen Formel-1-Weltmeister heran.

Zumindest bestehen aber gewisse Parallelen zwischen Kirchhöfer und seinem Vorbild. Wie Vettel, räumte Kirchhöfer in den Kart-Klassen auf nationaler Ebene alles ab. Meisterschaft im ADAC Kart Masters 2010, ungeschlagener Champion der Deutschen Kart Meisterschaft 2011 - Kirchhöfer gehörte zu den größten deutschen Talenten und wurde sowohl vom ADAC als auch von der Deutschen Post gefördert. Während Vettel in der damaligen Formel BMW ADAC 2004 in seiner zweiten Saison absolut dominierte und anschließend zum Formel-1-Test eingeladen wurde, setzte ich Kirchhöfer im ADAC Formel Masters am Ende durch und war der erste Rookie in der Geschichte der Serie, dem dieses Kunststück gelang.

Vettels kometenhafter Aufstieg dürfte erst einmal einzigartig bleiben, doch Kirchhöfer ist zumindest auf einem guten Weg. "Nach meinem Sieg in Oschersleben wurde ich sogar gefragt, ob ich der neue Vettel werde", sagte Kirchhöfer im Gespräch mit Motorsport-Magazin.com. "Ich bleibe aber lieber ich selbst." Nach dem Titelgewinn im ADAC Formel Masters steigt der 18-Jährige zur kommenden Saison in den Formel-3-Cup auf. "Marvin ist aus meiner Sicht momentan das ganz klar herausragendste Talent in Deutschland", ist sich sein Teamchef Timo Rumpfkeil im Gespräch mit Motorsport-Magazin.com sicher. "Das Paket ist unheimlich komplett zu einem sehr frühen Stadium seiner Karriere. Wenn er weiter so konzentriert arbeitet, werden wir ihn hoffentlich in der Formel 1 sehen."

Es klingt, als sei alles gerichtet für den Vettel 2.0 in Deutschland. Wäre da nicht die Tatsache, dass sich der Motorsport in den vergangenen Jahren noch einmal stark gewandelt hat und am Ende vor allem die finanziellen Mittel ausschlaggebend sind den Aufstieg in höhere Klassen. Während Pascal Wehrlein, Kirchhöfers Meister-Vorgänger im Formel Masters, den direkten Aufstieg in die Formel 3 Euro Serie schaffte, schlägt Kirchhöfer einen Umweg ein - auch, um die Lotus-Karriereleiter weiter hochzuklettern. Zumindest im Vergleich zu anderen Talenten ist Kirchhöfer finanziell recht gut aufgestellt; als Gesamtsieger der Speed Academy erhielt er einen Fördercheck von 95.000 Euro, hinzu kommen die Siegergelder aus dem ADAC Formel Masters sowie eine Handvoll Sponsoren.

Kirchhöfer und sein Management tun gut daran, dass sein Name eng mit dem von Vettel verknüpft ist - das lockt weitere Geldgeber an und bringt gute Publicity. Sportlich reicht der Leipziger natürlich noch nicht an Vettel heran, doch sein Auftreten erinnert nicht selten an das des Red-Bull-Stars. Einstudierte Sätze, wie "Das war ganz besonders" oder "Es wird ein langes Rennen", kamen nicht selten aus Kirchhöfers Mund schon kurz nach einem Rennen. Wo andere Gleichaltrige im Adrenalinrausch sich einen verbalen Aussetzer mangels Medienschulung leisten, wirkt Kirchhöfer meist abgeklärt und hat immer die richtigen Worte parat.

Als PR-Werkzeug ein wahrer Segen, für andere vielleicht etwas zu steril, wenn auch vom Sport zu 100 Prozent begeistert - Kirchhöfer gibt sich schon in jungen Jahren in seiner Außendarstellung wie die Großen; weil er weiß, wie wichtig ein professioneller Auftritt in der Öffentlichkeit ist, um das Interesse von Sponsoren zu wecken. Selbst, als er beim ADAC Formel Masters-Saisonfinale in Hockenheim den fast verlorenen Titelsieg in letzter Sekunde einsackte, stand er den wartenden Journalisten nur kurze Zeit später in aller Ruhe Rede und Antwort, ohne dabei um Worte ringen zu müssen.

Er sei die Saison Schritt für Schritt angegangen und habe nicht zu weit in die Zukunft geblickt, wiederholte Kirchhöfer immer wieder. Sätze, die auch Vettel im Verlauf der Formel-1-Saison bis zum Exzess predigte. Am Ende hatten beide etwas gemeinsam: den Erfolg. "Ich möchte auch gern den Sprung in die Formel 1 schaffen", sagt Kirchhöfer immer, wenn er gefragt wird. Nach der Auszeichnung zum ADAC Junior-Motorsportler des Jahres 2012 und dem Gesamtsieg der Deutsche Post Speed Academy hörte er diese Frage zuletzt zur Genüge.

Ein Leben für den Motorsport und das Hoffen auf die große Karriere, die ihm nicht wenige Beobachter voraussagen. "Ich verbringe viel Zeit im Fitnessstudio. Das ist für mich Pflicht, um für die Rennen gut vorbereitet zu sein - aber zum Glück macht es mir Spaß", sagt der Blondschopf mit einem Lächeln. Früher war er häufiger auf dem Dirtbike unterwegs, doch nach seinem Einstieg in die Formelwelt verzichtete er größtenteils auf das Hobby, um keine Verletzung zu riskieren. Die kann er sich auch nicht leisten, denn die Konkurrenz in den Formel-3-Serien ist groß und Kirchhöfer muss in der nächsten Saison beweisen, dass er sich auf höherem Niveau durchsetzen kann.

Vor einigen Jahren lehnte Red Bull Kirchhöfers Motorsportförderung ab, doch mit Lotus im Rücken ist er nun nicht weniger gut aufgestellt und wenn Erfolge und Sponsoren sich weiter die Klinke in die Hand geben, ist ihm eine verheißungsvolle Karriere im Motorsport durchaus zuzutrauen. "Lotus ist ein bekannter Name, der auf meinem angepeilten Weg nach oben mit Sicherheit ein guter Begleiter ist", ist sich Kirchhöfer seiner Situation bewusst. Oder wie er es ausdrücken würde: "Das ist schon etwas Besonderes."

Robert Seiwert, 15.02.2013

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