Minardi verurteilt Paydriver-Trend - Auf dem Rückweg in die frühen Neunziger

Giancarlo Minardi weiß, wovon er spricht: Der Ex-Teamchef spricht sich für Kostenkürzungen und gegen Bezahlfahrer und kurzfristiges Denken in der F1 aus.

Wenn es einen Mann in der F1-Historie gibt, der sich damit auskennt, am Ende des Feldes mit einem finanziell unterlegenen Team in der Formel 1 zu kämpfen, nicht jedoch um bessere Positionen oder Erfolge, sondern um das blanke Überleben und den Fortbestand der Arbeitsplätze seiner Angestellten, dann ist es Giancarlo Minardi. Der Italiener schaffte mit dem bis heute wohl berühmtesten Hinterbänklerteam 1985 den Sprung ins Oberhaus des Formelsports - anders als unzählige Kollegen und ihre Rennställe verschwand Minardi jedoch nicht schon wieder nach wenigen Jahren von der F1-Landkarte.

Ganze zwei Jahrzehnte konnte sich das Team halten, bis Ende 2005 auch in Faenza die Lichter ausgingen und man von Großkonzern Red Bull geschluckt wurde, der aus der Truppe als Juniorteam die Scuderia Toro Rosso formierte. Das Geschehen in der Formel 1 hat Minardi trotzdem nie aus den Augen verloren - und zeigt sich bestürzt über die dieser Tage herrschenden Zustände, vor allem, wenn es um die immer stärker aufkeimende Thematik Paydriver geht. Was diese betrifft, befürchtet der Italiener einen Rückfall in alte Zeiten, wurden doch in jüngster Vergangenheit selbst eigentlich renommierte Fahrer wie Timo Glock, Heikki Kovalainen und Kamui Kobayashi zum Opfer der Sparpolitik.

Der Turbo als zusätzliche Kostenfalle?

"Wir entwickeln uns da in die frühen Neunziger zurück, als das Feld aus 18 Teams bestand, von denen die meisten privat waren und die ihr Budget nur durch den Einsatz von reichen Fahrern stemmen konnten", so Minardi. Deswegen nun allen Fahrern mit finanziellem Hintergrund die Fähigkeiten abzusprechen, so weit wollte der Ex-Teamchef dann aber doch nicht gehen. "Man muss zugestehen: Wenn ein Fahrer die Superlizenz erhält, dann verdient er es auch in der F1 zu fahren. Aber das oftmals aussichtlose Unterfangen, genügend Sponsorengelder zusammenzutragen, zwingt ein Team dazu, sich Fahrer zu suchen, die entweder auf die Unterstützung von internationalen Großunternehmen oder gar ganzen Staaten bauen können, die ihre Produkte und den Tourismus bewerben wollen."

Daher sei klar: "Die Entscheidung wird nicht mehr auf Grund von sportlichen Kriterien getroffen." Für die Zukunft sah Minardi diesbezüglich eher schwarz als das buchstäbliche Licht am Ende des Tunnels. "Die Situation der Teams wird sich mit der Wiedereinführung des Turbomotors 2014 nicht bessern - dann wird es eher noch teurer." Für den 65-Jährigen stand deshalb fest, dass die Kostenreduktion in der Königsklasse noch viel weiter vorangetrieben werden müsse als bisher. "Das Einschränken der privaten Testfahrten hat die Teams dazu gezwungen, ihre Ressourcen auf neue Sektoren zu ballen, so wie all die Simulationen."

Ein Schritt zurück - zwei nach vorne

Um die Kosten aber wirklich zu reduzieren, sei nicht die Umverteilung der Kernbereiche in den virtuellen technischen Sektor nötig, sondern eine allgemeine Vereinfachung der Technik. "Es müsste weit weniger entwickelte Autos geben und der Elektronik- und Aerodynamikanteil müsste heruntergefahren werden", forderte Minardi, der sich zudem dafür aussprach, gewisse Materialien und Technologien einheitlich und gemeinsam zu entwickeln. "Automobilrennen waren schon immer mit der teuerste Sport. Schon seit geraumer Zeit mussten sich alle Fahrer, die es in die F1 geschafft haben, auch auf die Unterstützung ihrer Familien und wichtiger Firmen verlassen können. Einen Fahrer, der es komplett aus eigener Kraft nach vorne schafft, findet man kaum noch", erklärte Minardi.

Mit Blick auf die Verschiebungen im Hintergrund fügte er an: "Die FIA versucht nun, die Anzahl der Unterkategorien zu reduzieren, um den Identifikationsprozess echten Talents einfacher zu gestalten. In der Vergangenheit gab es ja nur ein paar Formelserien: Die Formel 1, die Formel 2 und die Formel 3, wobei in der F2 vier oder fünf Konstrukteure fuhren und weitaus mehr Motorenlieferanten. Das war der richtige Weg der Talentförderung." Nun müsse man mit einer gewissen Courage den Weitblick besitzen, auch einmal einen Schritt zurückzugehen, um den großen Rückschritt - nämlich den, in Richtung der Neunziger - zu vermeiden und auf lange Sicht wieder zwei Schritte nach vorne machen zu können.

"Auch wenn das nicht einfach ist", forderte Minardi. "In der GP2, GP3 und Formel Renault 3.5 gibt es noch viele freie Plätze." Der Italiener wertete das als erstes Alarmzeichen und bemängelte zudem, dass viele Investoren im Rennsport viel zu kurzfristig denken und dann auch dementsprechend agieren würden. "So war es zum Beispiel mit den großen Automobilherstellern in der F1. Kaum hatten wir eine Wirtschaftskrise, sind die meisten doch gleich ausgestiegen - das wiederum hat dann der ganzen Branche und dem System große Probleme bereitet."

Frederik Hackbarth, 28.01.2013

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