Es gibt viele Sieger!

Ellen Lohr bloggt live von der Dakar. Nach zwei Wochen entdeckte sie im Ziel viele freudige Gesichter.

Der Tag beginnt entspannt. Man merkt im Biwak, dass es dem Rennende zugeht. Es wird gelacht und geflachst. Die Männer und Frauen, die sich um die Mahlzeiten kümmern, tragen Karnevalshütchen und tanzen zu lateinamerikanischen Rhythmen. Einzig Nieselregen nervt, denn Zelteinpacken im Regen ist nicht wirklich lustig.

Wer es bis hierher geschafft hat, will auf keinen Fall mehr patzen. Alle haben zwar noch Ziele, kleine oder größere, aber irgendwie herrscht ein Spirit im Camp, dass nichts mehr schiefgehen kann. Das stimmt natürlich nicht und so werden wir auch heute Motorräder am Seil sehen oder gar Fahrer die ihre Motorräder ins Ziel schieben. Aber im Großen und Ganzen geht alles gut.

Als wir uns im Ziel platzieren um die ersten Emotionen einzufangen, wird es erst einmal schwierig. Der Zugang ist für Journalisten gesperrt, nur ausgewählte TV-Leute und VIP's dürfen in den abgesperrten Bereich. Erst nach langem hin und her werden die etwa zehn Fotografen und Journalisten, die die Dakar seit Beginn begleiten und jetzt anstehen reingelassen (um bei Ankunft der Autos wieder hinausbefördert zu werden, aber da kennen sie unser Durchhaltevermögen schlecht. Einmal drin, immer drin...).

Im Ziel bestätigen sich dann alle Prognosen. Wer in diesem Jahr am wenigsten (bis gar keine) Probleme hatte ist vorne. Die Favoriten setzten sich trotz enormen Drucks durch. Peterhansel, Depres und Nikolaev heißen die Sieger. Mini, KTM und Kamaz. Insofern gibt es viele Verlierer, denn in diesem Jahr hätten in allen Kategorien rund zehn Kandidaten gewinnen können. Aber am Ende zählt auf dieser Dakar eben nicht nur der Speed und eine allgemeine Zuverlässigkeit des Arbeitsgeräts, sondern ganz konkret, wer verliert am wenigsten Zeit durch Kleinigkeiten, die so passieren auf einer zwei Wochen langen Rallye. Bestätigt wird das vom (wieder einmal) besten Deutschen auf dieser Rallye. Dirk von Zitzewitz, der Gilles de Villiers im Toyota auf den zweiten Gesamtrang navigiert. "Wir haben auf einer Stage 45 Minuten verloren; Peterhansel im Vergleich nur 15, durch irgendwelche kleineren Defekte. Das war sein Schlüssel zum Sieg, auch wenn ich zugeben muss, dass er auf die zwei Wochen gesehen am Ende auch so 20 Minuten schneller gewesen wäre." So tickt die Dakar gerade. Zwanzig Minuten! Echtes Racing.

Zuerst kommen allerdings die Motorradfahrer rein, die heute Morgen auch als erste gestartet sind. Wir fotografieren zwar Depres und andere, wie Patronelli der etwas zerzauselt aussehenden Sieger bei den Quads, aber eigentlich warten wir auf "Zahni", Ingo Zahn, einen deutschen Privatier, der uns im Laufe der Rallye ans Herz gewachsen ist. Er fährt seine dritte Dakar und das erste Mal ins Ziel. Insgesamt hat der drei Stürze zu vermelden, davon einen auf Asphalt mit Megarutscher und "Pizza auf dem Popo"; einmal ist er fast ausgefallen, da sein Vergaser meinte allen Sprit verlieren zu müssen (er sich aber mit den letzten Tropfen an einen Zuschauerpunkt retten kann, wo ihm Sprit aus einem Auto zugeführt wurde) und einmal hatte er alle Schutzengel, als er einen Stock so ungünstig erwischt, dass es seine Orthese (Knieschutz aus Carbon) und seinen Schuh zerflelddert, sein Bein aber mit Prellungen davon kommt. "Meinen Jahresurlaub habe ich mir weniger anstrengend vorgestellt grinst er im Ziel.

Überhaupt kann man feststellen, dass sich die Amateure viel mehr freuen über ihre Zielankunft als die Profis (ausgenommen natürlich die Sieger). Auch später im Servicepark, als die offiziellen TV-Teams längst nicht mehr zu sehen sind, ist die Stimmung absolut freudig und gelöst. Eine Ausnahme gibt es aber. Nikolaev, der Sieger bei den Trucks legt ein absolutes Muffelgesicht an den Tag. (interviewen funktioniert auch nicht, da er kein einziges Wort englisch spricht), aber ansonsten ist jeder, der heute in den Parc Ferme einfährt (die Siegerzeremonie gibt es Morgen in der Innenstadt auf dem Podium) einfach nur happy. Ob es Ronan Chabot ist, der als bester Buggy auf Platz sieben, sein bestes Dakarergebnis einfährt, oder Alex Caffi, der im Unimog seine erste Zielankunft feiert. Es gibt viele Sieger am heutigen Tag!

Ellen Lohr, 20.01.2013

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