Webber: Die fulminante Rückkehr - Mark Webbers Auferstehung

Das Motorsport-Magazin blickt mit den besten Texten der Printausgabe auf 2012 zurück. Heute: Mark Webber

Klare Nummer 2 bei Red Bull, Karriereaus Ende 2012. Sogar der Tag stand schon fest. Doch es kam anders, als viele erwartet hatten. Mark Webber meldete sich fulminant zurück, Vertragsverlängerung inklusive. Das Motorsport-Magazin ergründet die Auferstehung des 'Nummer-2-Fahrers'.

Sekunden fühlen sich wie Minuten an, Minuten wie eine Ewigkeit. Bangen, Hoffen und Daumen drücken. Fünf Runden vor der schwarz-weiß-karierten Flagge ist es geschafft. Mark Webber geht an Fernando Alonso vorbei und krönt sich vor den heimischen Red-Bull-Fans zum Sieger des Großbritannien GP. Ausgelassene Stimmung auf den Tribünen und Jubelschreie im Cockpit. Rückblick 2010 - gleicher Schauplatz, gleiches Ergebnis, aber eine völlig andere Reaktion des Australiers. "Nicht schlecht für eine Nummer 2", sagte Webber zynisch nach seinem ersten Sieg in Silverstone. Die Stimmung bei Red Bull Racing ist auf dem Tiefpunkt, obwohl das Team nach außen hin versucht, den Schein zu wahren. Doch die eisige Kälte zwischen Webber und Sebastian Vettel ist für jeden spürbar. Zwei Jahre später sind die Wogen geglättet. Seitenhiebe in Richtung Team und Teamkollegen spart sich Webber.

"Mark ist gereift. Seine aggressive Art gegen Vettel zu schießen, hat er abgelegt. Er hat gemerkt, dass das nur Zeit und Energie kostet, aber nichts bringt", erklärt Christian Danner. Wer den Australier in dieser Saison abseits der Rennstrecke beobachtet, sieht tatsächlich einen Mann, der bei sich angekommen zu sein scheint. Dabei schien es 2011, als hätte der jüngste Doppel-Weltmeister der Formel-1-Geschichte Webber in die Knie gezwungen. Es fehlte dem Australier an Speed, an Zuverlässigkeit, aber vor allem am nötigen Biss, um an der Spitze mitzukämpfen. "Am Ende der vergangenen Saison war mein Energielevel sehr niedrig", gibt Webber offen zu. Mit dem auslaufenden Vertrag bei Red Bull Ende 2012 schien das Karriereende des Australiers vordatiert zu sein.

Mentale Stärke als Erfolgsfaktor

Doch statt sich seinem Schicksal zu ergeben, erhob sich Webber 2012 wie Phönix aus der Asche. In der ersten Saisonhälfte stand er als einziger Pilot abgesehen von Fernando Alonso und Lewis Hamilton zwei Mal auf dem Siegerpodest. Im teaminternen Qualifyingduell bot er seinem Teamkollegen mit 5:6 die Stirn. Im Vorjahr war er gegen Vettel in der Qualifikation chancenlos. "Vettel kann immer noch einen drauflegen, wenn das Auto perfekt ist. Wenn das Auto nicht so perfekt ist, dann kommt Webber besser klar als Vettel. Er sagt sich: 'So ist es einfach' und holt die Punkte, die er holen kann und wenn das Auto gut ist, dann gewinnt er auch", sagt Marc Surer. Der entscheidende Erfolgsfaktor beruht allerdings auf der mentalen Stärke, die sich Webber in den Wintermonaten in seiner australischen Heimat Stück für Stück neu aufgebaut hat.

Der Sieg beim Saisonfinale 2011 in Brasilien gab Webber neuen Auftrieb. "Er hat mir ins Gedächtnis gerufen, wie sehr ich es genieße, auf diesem hohen Niveau Rennen zu fahren", verrät Webber. Um endgültig den Kopf frei zu bekommen und die Akkus neu aufzuladen, nahm er Abstand vom F1-Zirkus und suchte die Ruhe im Wasser. "Nach dem Saisonfinale verbrachte ich acht Wochen auf meinem Surfbrett. Es ging mir darum, mich daran zu erinnern, wie sehr ich es liebe, Dinge am Limit zu bewegen. Das war unglaublich wichtig für mich", verrät der Australier dem Motorsport-Magazin. Schlechtere Fahrer wären laut Red-Bull-Teamchef Christian Horner an dem Druck unter dem Webber stand zerbrochen. "Aber Mark ist nicht so. Er nutzt den Druck, um sich selbst zu motivieren", betont Horner.

Auch Formel-1-Experten ziehen vor Webbers Leistung in dieser Saison den Hut. "So ein Durchhängejahr wie 2011 nagt an der Psyche eines Fahrers und sich dann so zu 'resetten', wie er das getan hat, dass er so unvoreingenommen, so frisch, so motiviert in die Saison gehen kann, das ist unfassbar", meint Danner. Als sich zu Saisonbeginn herausstellte, dass die Dominanz von Red Bull aus den vergangenen Jahren verpufft war, blieb Webber ruhig und gelassen. Fehlte es ihm im Vorjahr noch an Konstanz, ließ er 2012 kaum Punkte auf der Strecke liegen. "Er nahm den Kopf runter und ist da durchmarschiert", lobt Danner. Vier Mal in Folge punktete Webber als Vierter. Auf den Ausfall in Spanien folgte der erste Saisonsieg in Monaco, drei Rennen später stand er wieder ganz oben auf dem Podest, was ihn in der WM-Halbzeitabrechnung auf Rang zwei katapultierte. "Die zwei Siege in Monaco und Silverstone fühlten sich extrem gut an, weil es nicht irgendwelche Rennen waren. Ich habe derzeit viel Selbstvertrauen und feuere aus allen Zylindern", betont Webber. Selbstbewusst kann er auch sein, schließlich hat er seinen Kritikern gezeigt, was für ein Fahrerkaliber er ist. Als Ferrari ein Auge auf den Australier geworfen hatte, zögerte Red Bull Racing keine Sekunde und ließ früher als eigentlich geplant einen neuen Vertrag für Webber aufsetzen. Vor der Sommerpause war alles unter Dach und Fach, dabei hatte vor der Saison kaum einer - vermutlich auch nicht Webber - mit einer Vertragsverlängerung gerechnet.

Die beste Red-Bull-Wahl

Laut den Experten hat Red Bull alles richtig gemacht. "Selbst wenn Webber dieses Jahr nicht den Titel holt oder im Vergleich zu Vettel wieder etwas abfallen sollte, dann ist er immer noch gut genug, um dem Team zu helfen, Konstrukteurs-Weltmeister zu werden", betont Danner. "So einen Fahrer wie Webber muss man erst mal da draußen finden. Sicher fördert Red Bull auch junge Fahrer, aber ich behaupte, dass Ricciardo zehn Rennen auf dem Niveau von Webber fährt und zehn Rennen einen Scheiß baut. Das kannst du als Team vergessen - so pragmatisch muss man das sehen." Der gleichen Meinung ist Surer: "Webber ist eine fantastische Nummer 2." Ein Blick in die Statistik bestätigt: In den vergangenen sechs Jahren holte die Paarung Webber/Red Bull neun Siege, 31 Podestplätze und zehn Pole Positions. Wie Webber sagte, nicht schlecht für einen 'Nummer-2-Fahrer'...

Nach außen zeigt sich der Australier von der Vertragsverlängerung unberührt. "Es ist ein gutes Gefühl, aber mein Fokus liegt voll und ganz auf den Rennen und nicht auf dem, was nächstes Jahr passiert." David Coulthard überrascht die Entspanntheit des Australiers nicht. "Mark weiß, dass sein Karriereende deutlich näher liegt als der Beginn seiner Karriere. Er hat kein Interesse an einem Fünfjahres-Vertrag mit dem Ziel am Ende Weltmeister zu werden, wie das bei einem jungen Piloten der Fall ist. Mark ist ein erfahrener Pilot, der sich absolut wohl in seiner Haut fühlt und dadurch ganz vorne mitmischt", meint Coulthard.

Diesen Level gilt es für Webber zu halten. Mit dem RB8 steht ihm ein Auto zur Verfügung, das Ferrari und Fernando Alonso gefährlich werden kann. Experten erwarten die Titelentscheidung erst in den allerletzten Rennen. Doch der Kampf wird härter - auf und abseits der Strecke. Webber gibt sich wie bei allem in diesem Jahr cool. "Mich als Rennfahrer zu beschreiben, ist sehr einfach. Ich bin keiner von jenen, die denken: ‚Hey, seht mich an, ich bin ein Formel-1-Pilot! Ich bin ehrlich, geradlinig und nur hier, um das Auto zu fahren." Doch dass er sein Herz auf der Zunge trägt, hat ihm in der Vergangenheit nicht immer geholfen.

"Sicherlich hat Mark mit seinen Kommentaren in der Vergangenheit das Leben von Horner nicht immer einfach gemacht. Aber zeig mir eine Person, die zu jeder Zeit alles richtig macht", nimmt Coulthard Webber in Schutz. Wenn gegen Ende der Saison die Messer gewetzt werden, wird sich zeigen, ob Webbers neue, mentale Stärke ausreicht, um nicht wieder in alte Verhaltensmuster zurückzufallen. In seinem zehnten Formel-1-Jahr könnte er sich erstmals zum Weltmeister krönen und damit sicherstellen, dass seine Formel-1-Karriere über 2013 hinausgeht. "Die Sehnsucht nach dem Titel ist groß. Ich würde dieses Ziel gern erreichen, keine Frage. Aber man darf nicht zu weit denken, sondern muss sich auf jedes Rennen konzentrieren." In der Formel 1 zählen eben nur Ergebnisse, somit hat es Webber 2012 selbst in der Hand, ob er am Ende wie in Silverstone jubeln kann.

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Kerstin Hasenbichler, 29.12.2012

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