Warum die Fahrer ihr Bein zur Seite halten - Auf Ursachenforschung

Das zur Seite herausgestellte Bein in der Bremsphase ist in der Motorrad-WM in den vergangenen Jahren in Mode gekommen. Aber was nutzt es?

Seit einigen Saisons ist bei einer wachsenden Anzahl von GP-Piloten zu beobachten, wie sie ihr rechtes oder linkes Bein beim Anbremsen von Kurven zur Seite halten. Warum sie das tun, ließ sich bislang nicht genau klären, da weder Valentino Rossi, Casey Stoner, Cal Crutchlow oder Dani Pedrosa eine definitive Antwort darauf geben konnten. Es fühle sich einfach natürlich an, kommt im Normalfall zurück. Etwas mehr muss aber wohl doch dahinterstecken, wobei die Ursachenforschung dafür schwierig ist. Manche meinen, dadurch wird mehr Luftwiderstand erzeugt, was beim Bremsen hilft, doch es gibt auch andere Argumente.

Eine schwere Frage

Guy Coulon, Technikguru und Crewchief bei Tech 3 Yamaha, ist der Ansicht, die an Motocross-Fahrer erinnernde Beinhaltung könnte auch mit einer Verlagerung des Schwerpunkts zu tun haben. "Das ist schwierig zu beantworten", schickte er bei MotoMatters gleich einmal vorweg. "Man kann annehmen, wenn man seine Beine beim Bremsen in diese Position bringt, dann ist der Schwerpunkt weiter innen und man kann beim Bremsen länger aufrechter bleiben." Die Fahrer müssen beim Bremsvorgang sehr gerade auf der Maschine bleiben, wodurch es kaum möglich ist, die Schultern oder etwas anderes zu bewegen, dadurch wäre ein weiter innen liegender Schwerpunkt von Vorteil.

Coulon räumte ein, dass der mentale Aspekt durchaus auch eine Rolle spielen kann, weswegen mehr und mehr Fahrer mit dem Beinchen-Heben begannen, nachdem einer - alles deutet auf Rossi hin - damit begonnen hatte. "Aber vielleicht liegt es auch an der Motorrad-Geometrie, welcher Reifen genutzt wird und was sie am Kurveneingang so machen können. Schritt für Schritt setzte sich dadurch dann das herausgestreckte Bein durch. Für mich ist es aber schwer zu erklären." Ihm war eigentlich nur aufgefallen, wie immer mehr Fahrer zu dieser Strategie griffen, während sie selbst es kaum erklären konnten und manchmal sogar nicht einmal bemerkten.

Wie bei den Knieschleifern

Er verglich die Entwicklung mit der Zeit, als die Knieschleifer kamen. Erst machte es einer und er konnte dadurch seine Kurvenfahrt besser kontrollieren, weil er seine Schräglage besser im Griff hatte. "Danach begann jeder das zu nutzen. Ich glaube aber, die Beine nach außen zu halten, kann für bessere Stabilität genutzt werden und man kann den Schwerpunkt in der Kurve weiter innen halten, damit die Maschine länger aufrecht gehalten werden kann", betonte er noch einmal. An den Daten ist das nach Coulons Meinung aber schwer abzulesen. Es müsste schon jemand genau nach Hinweisen dafür suchen, was er noch nicht gemacht hat.

"Mit einem Testfahrer wäre es aber möglich, die Daten zu vergleichen. Wir könnten bei gleichem Speed, bei gleicher Verlangsamung, der gleichen Linie die verschiedenen Beinhaltungen gegenüberstellen und schauen, ob der Neigungswinkel anders ist. Er wäre wohl sicher anders", sagte er. Problem dabei, man kann einen Fahrer nicht einfach darum bitten, von Runde zu Runde seinen Fahrstil komplett zu verändern, nur um Daten zu vergleichen; vor allem weil die Fahrer das Bein mittlerweile eher intuitiv nach draußen halten.

Der stabile Fahrstil

Warum Jorge Lorenzo das Bein nicht nach außen hält, konnte Coulon einfach erklären. Der Spanier ist auf den Bremsen sehr stabil, weil sein Fahrstil das so bedingt. "Er ist überall sehr geschmeidig, also sehen wir nie, wie er auf der Bremse instabil wird. Er kontrolliert alles sehr geschmeidig, er bremst sehr ruhig und lässt die Bremsen auch ruhig wieder los - und früh. Er kann viel Kurvengeschwindigkeit mitnehmen und wenn er das Gas öffnet, ist er auch sehr feinfühlig. Es sieht so aus, als müsse er weniger zusätzliche Stabilität finden, weil er wegen seines Fahrstils schon sehr stabil ist."

Lorenzos Team Manager im Yamaha-Werksteam, Wilco Zeelenberg, sah es genauso. Er ist oft auf den Servicewegen neben der Strecke zu sehen, wo er sich Lorenzo genau ansieht, um dem Spanier Feedback zu geben. Und dabei hat er wie Coulon festgestellt, dass der Weltmeister sehr sauber und ruhig unterwegs ist, weswegen er nicht die Notwendigkeit hat, das Bein von der Fußraste zu nehmen. "Er bremst nicht wirklich spät. Er will die Maschine so stabil wie möglich halten und sobald man das Bein von der Fußraste nimmt, beginnt die Maschine zu wandern und man muss nach Stabilität suchen. Für mich sieht es so aus, als würden die Fahrer [die das Bein von der Fußraste nehmen] so nach Stabilität suchen, weil sie so viel Druck auf dem Vorderrad haben. Sie versuchen, Kontrolle über die Maschine zu bekommen, sie stabil zu halten, aber Jorge lässt es nie soweit kommen", meinte Zeelenberg.

Mentale Befreiung

Der große Unterschied ist nach Ansicht des Team Managers, dass Lorenzo nicht nur früher, sondern auch anders bremst. Wenn er bei der Kurve ankommt, lastet der Druck nicht mehr so sehr auf dem Vorderrad, wodurch es auch nicht so leicht wegzuklappen droht. "Der Fuß ist eine gute Möglichkeit, das zu handhaben", meinte er. Bei Lorenzo ist es aber so, dass er schon alles unter Kontrolle hat, wenn er einlenkt. Bei Spätbremsern könnte das herausgestellte Bein aber durchaus Vorteile bringen, war Zeelenberg überzeugt. "Wenn man wirklich, wirklich spät bremst, dann geht die Herzfrequenz stark nach oben, der Puls rast und man verkrampft sich auf der Maschine. Das ist nicht gut. Indem man das Bein von der Maschine nimmt, entspannt man wieder, wodurch man es [mental] schafft, die Maschine in die Kurve zu werfen."

Falko Schoklitsch, 20.12.2012

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