Was ist bei Williams los?

Bei Williams findet seit Beginn des Jahres großes Stühlerücken statt. Adam Parr, Bruno Senna und zuletzt Mark Gillan verließen das Team.

"Eigentlich sollte unser Team inzwischen nicht mehr Team Williams, sondern Team Toto heißen" - dieser Spruch eines führenden und langjährigen Williams-Ingenieurs gegen Ende der Saison 2012 ließ schon aufhorchen. Nein, es war nicht Mark Gillan, der jetzt für viele überraschend das Team plötzlich verließ, der das damals von sich gab. Es war Tom McCullough, jahrelang der Renningenieur von Rubens Barrichello, in dieser Saison in dieser Funktion am Auto von Bruno Senna - und damit auch von Valtteri Bottas, dem nächstjährigen Williams-Stammpiloten.

Was McCullough damals noch sagte: "Ich werde nächstes Jahr nicht mehr bei Williams sein - und möglicherweise der ein oder andere sonst auch nicht." Warum er gehe, machte er auch klar: "Weil ich es nicht mehr ertrage, wie einige Dinge hier laufen - nur noch im Interesse einzelner, jedenfalls ganz bestimmt nicht im Interesse des Teams." Und auch der langjährige Teammanager Dickie Stanford, der zum absoluten Williams-Urgestein gehört, erzählte in Brasilien relativ offen, dass es innerhalb des Teams massive Auseinandersetzungen und Grabenkämpfe gebe...

Und das ausgerechnet in und nach einem Jahr, in dem Williams nach der Katastrophensaison 2011 wieder einen deutlichen Sprung nach vorne machte, sogar - wenn auch sicher durch ein Zusammentreffen einiger glücklicher Umstände begünstigt - zum ersten Mal seit acht Jahren wieder einen Grand Prix gewann. Stellt sich die Frage, was ist da los in dem Traditionsteam, das doch gerade auf dem Weg zurück zu besseren Zeiten schien?

Eines ist sicher: Die Art, mit der sich Teilhaber Toto Wolff immer stärker an die Macht bringt und damit Frank Williams an den Rand und aus sämtlichen Entscheidungsprozessen herausdrängt, gefällt vielen langjährigen Williams-Mitarbeitern überhaupt nicht. Dass Wolff sich in einem englischen TV-Beitrag hinstellte und ganz offen sagte, es werde Zeit, dass die "Alten" in der Formel 1 nun endlich einmal den Jungen den Platz überließen, sorgte an vielen Stellen für Kopfschütteln.

Wobei inzwischen nicht wenige das Gefühl haben, dass Wolff da und dort mehr an seine eigene Tasche als an die eigentlichen Teaminteressen denkt. So stellte man sich zum Beispiel die Frage, warum er seinen Schützling Valtteri Bottas, "wenn er ihn schon unbedingt 2013 ins Auto setzen wollte - und das hat er ja schon seit vor Saisonbeginn 2012 so geplant", nicht wenigstens das Jahr in der Renault World Series oder auch in der GP2 habe fahren lassen, "damit er in der Rennpraxis drin bleibt... Aber das hätte Toto ja eigenes Geld gekostet, wenn er dafür hätte bei einem Team bezahlen müssen."

Die fast 15 Millionen Sponsorengelder, die Williams jetzt durch den Tausch Senna gegen Bottas verliert, muss das Team irgendwie auffangen. Wobei man unabhängig davon auch noch zusätzliche Einnahmen aus einem zusammen mit Jaguar geplanten Sportwagenprojekt verliert - es ging um 250 Hybrid-Supersportwagen, die der englische Edelhersteller zusammen mit Williams auf den Markt bringen wollte, jetzt aber angesichts der weltweiten Krise einen Rückzieher machte.

Wobei zumindest McCullough, der ja 2012 mit beiden Fahrern gearbeitet hat, auch nicht davon überzeugt ist, dass die Entscheidung zumindest sportlich richtig ist: "Es ist ein Unterschied, Freitagvormittag ein paar schnelle Runden zu fahren oder ein komplettes Wochenende durchzuziehen, vor allem im Rennen clever und konstant zu agieren, die Reifen zu schonen. Vor allem, wenn man ein ganzes Jahr lang überhaupt keine Rennen gefahren ist." Senna habe sich dagegen gerade in der zweiten Saisonhälfte extrem gesteigert, obwohl er zeitweise unter extrem erschwerten Bedingungen unterwegs gewesen sei, mit einem über fünf Rennen nicht ordentlich funktionierenden Frontflügel, sei das ganze Jahr über sehr starke Rennen gefahren, hätte gerade mit der neuen Reifengeneration 2013, "die wahrscheinlich besser zu seinem Fahrstil passt, sehr viel Potential gehabt, "aber solche Details" hätten ja gar nicht mehr interessiert.

An der Fahrerentscheidung manifestierte sich wohl ein grundlegendes Problem: Frank Williams, der bis nach Abu Dhabi darum kämpfte, Senna zu behalten, dann aber doch aufgab, habe, so hört man aus verschiedenen Williams-Quellen immer wieder, durch sein Alter und die Behinderung irgendwann einfach nicht mehr die Kraft gehabt, sich wirklich an unterschiedlichen Stellen zu informieren, höre inzwischen fast nur noch, was Wolff ihm erzähle...

Interessant auch, dass einige im Team glauben, dass der "Abschuss" von Adam Parr ein Fehler gewesen sei. Der sei zwar im Fahrerlager nicht besonders beliebt gewesen, habe aber intern durchaus einiges in die richtigen Bahnen gelenkt, was dann auch die Fortschritte 2012 mit sich gebracht habe. Seit er weg sei, gebe es im Team niemanden mehr mit genügend Stärke und Persönlichkeit, der auch einmal zu seiner Meinung stünde und den Willen und die Möglichkeit habe, sich auch einmal gegen Wolff zu stellen, wenn das angebracht sei.

Wer am Ende Recht behält, wird sich zeigen: Geht der Williams-Aufschwung sportlich und finanziell in Zukunft weiter, kann Wolff von sich behaupten, es richtig gemacht zu haben. Klappt es aber nicht und geht der Formel 1 ein weiteres Traditionsteam entweder ganz verloren oder schafft es zumindest nicht mehr, sich wieder zumindest im vorderen Mittelfeld zu etablieren, wird er sich wohl einige Fragen stellen lassen müssen....

Karin Sturm, 18.12.2012

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